Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 37 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 494 (sequence 10)
- Language
- German
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Söite 690 Dr. BLOCH« WOCHBNSGHBIFT Sri 37 SclMdigen zu viele wurden. Aber trotz Verhängung al mehrjähriger Kerkerstrafen, die im "Hinterlande abzubüßen waren, ging es toll genug zu, so daß dem Kommandanten ein Gehilfe beigegeben werden mußte, . da dieseEliteabteiiung das Schmerzenskind des Armeekommandos geworden war. " Und welch1 seltener Zufall/ mit^dem Gehilfen «in der Bersoh eines nichtaktiven Fälmrichs zog der vierte Jude in Z. in leitender Stellung ein. Der deutsche Reserveoberleutnant wurde abberufen und an seiner statt kam' ein nichtaktiver Oberleutnant, der diesmal ein Tscheche war. Aber aüch er, der sprachenkundige Slawe, versägte, denn nach 14 Tagen ging er, durch die in Z. mi1j- „gemachten Aufregungen und Erlebnisse sehr stark nervenkrank geworden, ins Hinterland ab. Und nun kommt der schönste Teil der Geschichte dieses Lagers. "Als Nachfolger des nervenkranken Oberleutnants' bezog ein Landsturmoffizier gleicher Charge den Kommandoposten dieser "Abteilung, ein Mann, der sich bereits in der Front durch Unersfchrockenheit und Tapferkeit ausgezeichnet hätte und dem. der Ruf besonderer Energie vorausging. Aber welch eigenartiges Seriengesetz spielte da mit, daß mit diesem Offizier der fünfte Jude in Z. seinen Einzug hielt, sogar noch als Kommandant, und hiemit das ganze Kommando „verjudet" war. Es würde zu weit führen, wollte man eingehend und ausführlich schildern, was "dieser jüdische Offizier, der bald darauf Hauptmann (einer der allerersten wirklichen im Österreichischen Landsturm) wurde, mit seinem jüdischen Fähnrich, seinem jüdischen Rechhungsunteroffizier und seinen beiden jüdischen Dolmetschen dort in mehr als' einjähriger Tätigkeit geleistet hat. Er, dem auf der Reise nach seinem neuen Bestimmungsort von Kameraden in Gjnelöi, deren Gastfreundschaft er genoß, ein gleiches', Schicksal wie seinem1 Vorgänger oder noch ärgeres' prophezeit wurde. : Aber weder; wurde er "nervenkrank, noch bediente er sich des Revolvers; den stets geladen —bei Tag und Nacht — bei sich zu tragen, ihm' in Oheim wärmstens anempfohlen worden war, da jeder Kamerad sich bekreuzigte, wonn er 4en Namen Zawadowka nur nennen hörte, geschweige dort Dienst, noch dazu als1 Kommandant, machen sollte. Aber solcher Waffen bediente man sich1 nicht. Sondern Menschlichkeit, strengste Objektivität und verständnisvolles Eingehen auf die kranken Seelen der armen Kriegsgefangenen, von denen die meisten schön viele Jahre sehnsüchtigst die Heimkehr erwarteten, waren die Hilfsmittel der neuen'Leitung. Beim Erblicken des neuen Kommandanten dachten » nun die Herren Russen; ihre alten Manöver aufführen zu können, und am siebenten Tage schon brach der erste Streik los'. Wie überrascht waren sie aber, als1 sie ihre Mätzchen durch eiserne Disziplin - und vollste -Gerechtigkeit besiegt sahen. Kaum war dem Kommandanten, der, statt im nächsten Dorfe -zu thronen, in ihrer Mitte in einer Waldhütte sich bequartierte, gemeldet worden, daß kein Russe zur Arbeit aufstehen' wolle, befahl er, sofort eine Deputation zu sich. Als diese vor ihn trat und die „Wassermenage" als -Streikmotiv angab, beauftragte er sie, aus ihrer Mitte täglich abwechselnd zwei Anfsichtsorgane zu wählen, die ihren Karne^ raden gegenüber die richtige Uebernahme der Verpflegung, die restlose Verarbeitung derselben, und die Ueberwachüng der eigenen Köche zu verantworten. hätten. Diese Verfügung wirkte und die Arbeit wurde sofort aufgenommen. Am gleichen Tage noch wurde die ganze Gesellschaft in Züge eingeteilt, an die Spitze eines jeden ein russischer Unteroffizier, . der für seinen Zug verantwortlich war, gestellt, und ein Itäglich! nach der Abendmenage stattzufindender . Rapport, zu dem jeder Kriegsgefangene mit seihen Bitten oder Beschwerden zugelassen werden mußite, eingeführt Alle diese Dinge hätte man bisher;inZ. nicht, gekannt. Aber damit allein war* noch."nicht alles getan. Der Fähnrich und der' Rechnüngsunter offizier hatten im Sinne des Kommandos für die Verbesserung der Menage zu sorgen. Was diese zwei Juden in der schwersten Zeit, Hochsommer 1917 vor der Ernte, leisteten, ist geradezu staunenswert. An Sonn- und Feiertagen durfte jeder Zug einige Leute zum Sammeln von Obst (in der Nähe waren herrenlose iÖbstbäume) als Zubuße aussenden. Daß die eigene Bewachungsmannschaft, die buchstäblich aus allen Nationen Oesterreich-Ungarns sich zusammensetzte, ganz besonders gut verpflegt war, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. So erhielt jeder Mann allabendlich zwei Eier als Zubuße. Bäder und Rasierstuben wurden angelegt und in Z. trat ein wenig Ruhte ein. Die Belohnung für solche Dienste sollte nicht ausbleiben. Sie kam auch1 in zwiefacher Form. Erstens, in fortwährenden Zuschüben von Kriegs1gefangenen, die, eine Neueinführung, _ von 'jetzt ab nicht nur aus1 allen Gegenden des weiten Zarenreiches stammten, sondern auch in Serbien, Sizilien und Norditalien ihre Wiege stehen hatten, und zweitens, in der" Gestalt eines*' besondersgefüröhteten Oberintendanten behufs Vornahme einer ökonomischen Inspizierung. Diese zweite Belohnung war die Folge einer anonymen Anzeige, daß die Kriegsgefangenen der „Strafabteilung" besser verpflegt wären als die eigenen Mannschafben der benachbarten zwei Baukompagnien, deren Kommandanten, der eine ein stolzer Magyar, der andere ein strammer: Deutschfnatiönaler, sich' "über diesen Punkt wenig Kopfzerbrechen mächten. Auf die Frage des .Oberintendahten, der die „Verjudung" des Kommandos sogleich be-, merkte, wieso das Kunststück der guten Verpflegung bewerkstelligt werde, gab der Kommandant mit beabsichtigter Tonuntermalung zur Antwort, er trage Sorge dafür,< daß jeder Heller, der für die^ Verpflegung verausgabt werden darf, auch einzig und allein für diesen Zweck verwendet werde und man doch oben nicht glauben dürfe, daß. er aus1 eigener Tas'ch'e draufzahle« Trotz alledem kamen noch in Z. Desertionen und Streiks vor und pfiffen die den fliehenden Kriegsgefangenen nachgesandten blauen Bohnen einem um den Kopf, aber das Armeekommändo hätte von der. Strafabteilung Ruhe. Ein Streik ist besonders bewerkenswert, Weil er im Sommer , 1917 als Sympathiekundgebung für die in Deutschland ausigebrochene Revolution (woher und wieso in diese Einöde diese Mär gedrungen war, war nicht zu erforschen) veranstaltet wurde, aber er wurde, wie aÜe nachfolgenden, vom Kommandanten mit Unterstützung seines1 Fähnrjchs hur durch die Mächt des1 Wortes gebrochen. Und es gab wirklich in Z. keinen Arbeitstag, der nicht ausgenützt worden wäre. Oft mußten auch' blutige Händel zwis'chen den Mitgliedern der Entente (Russen, Itaüener, Serben und einigen Rumänen) geschlichtet werden. Besonders1 gut waren die Kriegsgefangenen mit Monturen, Tabak und Brot versorgt, so daß es oft vorkam1, daß Z. für seine Zöglinge Brot hätte, während in Chelm! eigene Soldaten solches nicht faßten. Dieses auffallende Kunststück war das Ergebnis der ökonomischen Meisterschaft des Rechhungsünteroffiziers. Durch diese ^jüdische Wirtschaft"^ wurde. es1 soweit gebracht, daß viele Korrigenden, als sie ihre viermönatige Karenzzeit-in Z. hinter sich! hätten,- vorstellig wurden . mit der Bitte, zur Einreibung in eine normale Kriegs-