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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-09-19 · 37 (19.9.1919) · p. Seite 487

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
37 (19.9.1919)
Date
1919-09-19
Page
Seite 487 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37 Br. BEOGH'ß WOCHENSCHRIFT Seite 683 so' dW Schilf, däs! hat zahlreiche Schößlinge, hat tauSende Veiwurzlüngen und wenn noch7 so viele Sturme -über dasselbe losbrechen, es leistet ihnen Widerstand, erhöht und' erneuert sich' immer'wieder. Dies hat sich' in Idfer zweitausendjährigen Diaspora an Israel auchf bewlährt. Gewiß', das jüdische Volk hat immer Zedern gehabt, auf die es -stolz 'sein tonnte; Männer der Kunst und der WiSsens'ch'aft, Kapitalsf¬ und Finanzgrößen, aber das Judentum' als1 solches ist nicht durch' diese in seinem Bestände gesichert worden,-kaum daß ein Sturm der Verfolgung losgebrochen ist, sind sie umgestürzt, uns1 entfremdet Worden, ihre Wurzel wurde losgerissen und neue Schößlinge haben sie ihrem' Volke nicht gebracht. Ein Beispiel unter vielen anderen. Im 18. Jahrhundert, dem Beginn der Haskala, der Aufklärungslzeit im- Judentum, als sichf die Judenheit nach der Befreiung des1 Geistes von den Vorurteilen der Menschheit näher fühlte, da ragte, als1 höchste Zeder aus der Mitte Israels; in die Welt hinaus — Moses Mendelsfoihrn! Wer War größer als er? Man nannte ihn den dritten Moses! Von ihm' aus1 ging eine neue Weltanschauung in die jüdische Welt hinaus! Im1 Jahre 1884, als der 100. Todestag dieses Geistesh'eroS in Berlin, der. Metropole seines geistigen Wirkungskreises1, in "der jüdischen Gemeinde feierlich in der großen Synagoge begangen werden sollte, — welche Ironie der jüdischen Geschichte — da fand sich1 kein einziger Nachkomme dieses großen Mannes, der als Jude an der Feier hätte teilnehmen können. Sein Geschlecht war nicht etwa ausge- . sterben, im ^Gegenteil, es gah eine zahlreiche Nachkornmens'dh'aft, die den Namen Mendelsöhh führten. Alle Kinder der Söhne und der Töchter, sie >wiaren alle schon in dem großen Schmelztiegel der anderen mächtigeren Konfessionen verschwunden. Und dieses eine Beispiel ist keine spezielle Einzelheit, sondern leider ein vielfachf sich1 wiederholendes' Merkmal des jüdischen Volkes1. Erst erheben sich' so einzelne Zedern aus der Gesamtheit des jüdischen Volkes heraus'; sie sind auch Stolze Merkmale der Judenheit, in denen sich5 die Lebenskraft, die Energie, die Elastizität, die Geistesgröße des jüdischen Stammes' kundgibt, sie kommen auch' der Menschheit zugute, aber nicht dem Judentum' zum Heil. Mit ihrer Höhe und Größe, die sie erreichen, vom jüdischen Geiste genährt und herausgehoben aus der Tiefe, ziehen sie vielmehr den Neid und' den Haß auf uns herab-, und sie, diese jüdischen Zedern Selbst, die sich' voim jüdischen Rassen - blute geäahrf und zum hochragenden Stamm' entwickelt haben, werden, groß geworden, uns untreu, verleugnen ihren Ursprung und Meten uns keinen Ersatz für die Zukunft, entwurzeln sich' ihrer jüdischen Bodenständigkeit und vermehren oft die Reihen unserer Feinde. Darum! Die wunderbare Erhaltung des1 JüdentumeS haben wir nicht diesen Zedern zu verdanken, Wenn' wir auch' mit falschem Stolze auf diese zu blicken gewohnt sindY so daß wir, wenn ein Jude irgendeine hohe öffentliche Stellung erreicht, im Staats^ oder Beamtendienste, gar Minister öder Botschafter wird, im' Gelehrtenkreise öder im Welthandel, eS in allen jüdischen Zeitungen stolz hinausposaunen. Ganz anderswo haben wir die Erhalter der Judenheit zu suchen; dort, wo in den scheinbaren Niede rangen das jüdische Leben pulsiert, das wie das Schilf tausendfach'. verzweigt und miteinander verwurzelt zusammenhält, aus dem immer neue Schößlinge herauswachsen, deren Kinder urid Kind'eskinder dem1 alten jüdischen Leben treu bleiben, von "dort aus erhalt es sich' und erneuert sich1 in allen verschieV denartigen LebeiisverMältnis'Sen, die an Israel rütteln und es unverwusfb'ar und unzerstörbar finden. Nun stehen wir wieder vor einem Wendepunkt. Der grauSe Krieg hat Scheinbar Seinen Abschluß! gefunden. Die Leiden, die der Menschheit auferlegt Wörden sind, haben die Juden in unverhaltnismäßigeö Steigerungen an sich' Selbst erfahren und trotz all dem' Sehen wir ein furchtbares Ansteigen des Judenhasses in allen besiegten Ländern, die ihre Schuld' der Kriegshetze und des' herrschsüchtigen Imperialismus' auf das aus' tausend Wunden blutende1 Israel überwalzen — ab'er ein Lichtstrahl ist eS wenigstens, der aus dem schauerlichen Orkan blitzartig hinausleueh1tet — Palästina liegt vor uns ausgebreitet, eine jüdische Heimstätte Soll erstehen — ein Traum1, ein zweitausend}änTiges Märchen zur Wirklichkeit werden! Nun erst gilt es1, der verantwortungsvollen Mahnung des großen jüdischen Gesetzgebers und Staatsmannes, Mosche Rahfcenu, eingedenk zu Sein, „nicht mehr zu tun, was einem jeden recht ist in Seinen Augen", da wir vor der Schwelle stehen, über die wir Schreiten sollen, um „zur Ruhe und zu einem sicheren Besitze" zu gelangen. Wir werden wieder mit Anklagen überhfäuffc, mit dem goldenen Kalbedes Kapitalismus wurden wir bisher mehr als genug gehänSelt, verspottet, angeklagt, jetzt ist es der allerneueste Anklagepunkt des gegensätzlichen bblschewikiSchen Kömmunismus, uni uns der wilden Meute als zu zerreißendes Jagdwild preiszugeben. Wie wenn ein Volk für die Schuld einzelner büßen Sollte, die' sich' mindestens in gleicher Zahl' hei den anderen Völkern vorfinden. ,Wie packend wurde dies in dem'Werke eines be: rühmten, neuen Schriftstellers' nicWtjüdiSch'en Stammes, von Hermann Bahrr in seinem Buche „Die Rotte Körahls" dargestellt, wie da der Jude dem christlichen Baros, 'der die. Juden heSchuldigt, zuruft: „Wie, kennst du den Juden! Woher? Aus' den Juden deines Kreises! Bis der Jude in deinen Gesellschaftskreis eintritt,- ist er längst kein Jude mehr!" - -r - Ebenso verhält es' sich' mit den bolschewistischen Juden l Bis diese jn diesen verderblichen Kreis hineingelangen, sind sie längst keine Juden mehr! Man wirft sie uns vor, ohne daß sie mehr zu uns gehören. Ebensowenig wie die protzenhaften GeldmenSchen, die in den Bars und' auf den Rennplätzen » sich breitmachen, mehr zum eigentlichen Judentum' gehören, das für sie verantwortlich1 gemacht werden kann; ebensowenig sind es1 diejenigen, die in dem: Schrecklichen Wirrsal nihilistiscner Ideen Aufstände und Revolutionen veranstalten. Welche sind die eigentlichen, wahrhaften Juden, für die das Judentum; in ihrem. Tun und Lassen volle Verantwortung übernehmen, vor Gott und Mitwelt kann? Es sind diejenigen, die in den Gotteshäusern erscheinen, in den jüdischen Lehrsälen, um' sich: 'dort in der jüdischen Religion zu vertiefen - und zu versenken; in den JesehiwoS, den Lehrschulen, wo 'die jungen Leute, ganz ohne Rücksicht auf Existenzfragen, sich' mit der jüdischen Lehte beschäftigen; von diesen Kreisen aus kommen weder die Täuflinge, die schön längst innerlich' dem Judentume entfremdet und von demselben abgefallen sind, noch auch die herausfordernden kapitalistischen Protzenkavaliere, und am allerwenigsten die bolschewistischen Blutmenschen.

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