Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 481 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr* 36 Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT Seite 577 „R e 11 s t a h wollte erscheinen, um Felix noch.1 einmal vor seiner Abfahrt .an den Rhein zu sehen, und der gelehrte Heyse, unser früherer Hauslehrer, ausf dem gleichen Grunde, und Direktor Schadow, wie ich Mrchte, auch aus keinem' anderen Grunde. Unser Herr Sohn wird uns noch' ganz überflüssig machen. Aber ich glaube, — und Du^ kannst ein dickes Haus darauf bauen, wie er gern sagt — Dir wäre trotz dieser Konkurrenz ebensowenig wie mir an einem anderen weniger begabten Sohn statt seiner gelegen." Unter solchen Gesprächen wandelten sie herunter, mdesr die da unten im Garten auf eine möglichst absonderliche Art sie zu bewillkommnen sannen. „Mit der Vorlesung, des- Kapitels: „Berliner Marmor mit glänzenden Flecken" aus unseres angebeteten „Jean "Pauls Flegel jähren" meinte Reh bekka. „Mit einem ZäMenrebus" schlug Dirichlet vor, der Familienzuwachs' entgegensah. „Mit einem leben-, den Bild, das wir stellen: „Die Erwartung" oder etwas Aehinliches!" rief Wilhelm Henstel aus. ,,Mit einer Kantate!" überstimmte Felix als Präsident des Komitees für schlechte Witze in der Leipzigerstraße die-anderen alle. Und zWar mit dem aus tfem Messias: „Sehtl Er kommt mit Ruhm gekrönt." Das ist zugleich eine hbmmage ä mön ami Haendel. Und ein jeder spielt dazu sein Lieblings'instrument!" Sie intonierten, mitgerissen von seiner Heiterkeit,. Hensel markierte eine Posaune, Fanny zupfte an einer Phantasieharfe, Rebekka geigte in der Luft, Dirichlet, mehr Mathematiker als Musiker, schlug auf ein imaginäres Triangel, und Felix ließ das Thema mit ph'rvgis'cher und äolisch'er Behandlung über eine ideale Orgel Wie der Wind seine Weisen über die Fingals*- höhle gleiten'. ,,Man kanh'ni^ sagte währeiidaern der alte Abraham, dem' Garten zuschreitend, zum fuinfhünderteintauseridsten Male zu seiner Frau. „Es gibt keinen Fortschritt in der Geschichte der Menschen. Zu Leasings Zeiten war das weniger nötig, sich1 taufen zu lassen als heutzutage. Ein Krieg kann entstehen über Nacht. Und sofort wird es naturlichf heißen: die Juden sind schuld daran. Darum War es kein Unrecht, daß1 wir unsere Kinder christlich' erziehen ließen, Lea!" Im selben Augenblick wurde er schmetternd von dem Ch'arivari empfangen. Erdruckt und gerührt von dieser halb feierlichen, halb komischen Ehrung, die so ganz nach seinem und dem Sinn seiner Familie war, stützte er sich auf die Frau, die ihn führte: „Es ist zu schön, um ewig sein zu* können." Literatur. Henriette GoFtfeoWmidt. Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen. Ein Rückblick auf die Anfänge der deutschen Frauen«- bewegung und das Erziehüngswerk Friedrich. Fröbels (Leipzig 1918. Sonderabdruck aus der Zeitschrift für päda-, gogische Psychologie. Verlag von Onelle und Meyer, Leiplzig). Die Altmeisterin der deutschen Frauenbewegung, die diese vor einem halben Jahrhundert vorbereiten half und auf die ihre 'Glaubensschwestern mit freudigem Stolz, und jh'dher Verehrung blicken, hat-am 23. JTovember ihr 93. Lebensjahr in seltener harmonischer Frische Von; Körper und Geist-vollendet. Frau Henriette Goldsch'midt veröffentlichte jüngst eine Schrift, in der sie mit bewundernsH. werter. Herzenswärme die Geschichte ihres Lebenswerkes Klarlegt. Friedrich Fröbels Weckruf an die deutschen Frauen, mittätig zu sein an einem die Menschheit uin** fassenden . "Werke, war nicht ungehört verhallt. Ungeachk tet aller Anfeidungen, die er erführ — die Reaktion untere sagte die Einführung von Kindergärten — wurde seine begeisterte _ Jüngerin, Frau von Marenhbltz-Bulow, zur Verkünderin seiner Lehre nicht nur in Deutachland, sie trug diese in alle Länder des Auslandes selbst bis nach! Amerika. Auch! Henriette Goldsehmidt vertiefte sich mit Mngebungsvolleim Eü%r in Fröbels Lehre und als sie 1871 den Verein für Familien- und Volkserziehung in Leipzig begründete, wurde zunächst ein Volkskindergarten eröffnet, dem bald das Seminar für Kindei'gärtnerinnen folgte. Schon 1874 wunden wissenschaftliche Vorträge für Damen eingerichtet, die von Universitätsprofessoren gehalten wurden und Frau Gold. schlmidt selbst Gelegenheit gaben, Fröbel einem gebildeten Frauenki-eise als den Pädagogen der weiblichen Jugend näher zu bringen. Auch! in dem 1878 von ihr begründeten Lyzeum stand, wie im Seminar, Fröbels Lehre im Mittelpunkt; an beiden Anstalten hat sie jahrzehntelang den pädagogischen Unterricht erteilt und durch die. echt mütterliche Güte ihre». "Wesens den tiefsten Einfluß auf Tausende von Schülerinnen ausgeübt. Auch für ein weibliches Dienstjahr in einer gut geleiteten Fröbelsehule ist Frau Goldschmidt schon vor einer Reihe von Jahren lebhaft eingetreten. Als letztes hlöchstes (Ziel ihres SJirebenö galt ihr die Begründung einer Hochschule für Frauen in Leipzig, diese sollte die noch fehlende Ausgestaltung des FröbelsChen Erziehungswerkea bringen und die weibliche Jugend in das lichte Reich der Wissenschaft führen. Im Oktober 1918 wurde die Hoch;-, schule eröffnet. Frau Goldschmidt, die das Wort geprägt hat „der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau", sieht in einer neuen Generation die Erneuerung des Menr schengeschlechts, den Trost und die Hoffnung unserer Zukunft. Wir empfehlen die wertvolle Schrift, deren reichen und anregenden Inhalt wir leider nur andeuten konnten, angelegentlich unserer Frauenwelt. Regina Neißer, Breslau. Ein Buch der Erhebung!*) Von Dr. Sändor Varhely. Schon im stillen Frieden* wußte man im Westen Europas, daß im Osten eine große jüdische Gemeinschaft gemeinsamer geistiger Richtung besteht, und daß die zu dieser Gemeinschaft gehörenden Juden Chassidim, d. h. Fromme, benannt werden. Viele Schriftsteller haben sich die Mühe genommen, tlas eigenartige Geistesleben dieser Menschen darzustellen. Aber ein jeder verfolgte dabei einen besonderen Zweck. Manche entblößten die Fehler und Schwächen der Chassidim, sie, zum Beispiel K. E. Franzos und Leo Herzberg- Fräfikel, wolTten dadurch Mitleid, manche wieder, zum Beispiel Karl Hans Strobl in seinem Roman. „Seide Borowitz", Abscheu erregen. Jene aber, und zu diesen zählt in erster Reihe Martin Buber, die das Innenleben der Chassidim, den Reichtum ihrer Seele, die Stärke ihres Gemütes schilderten, suchten auf dem Boden der chassidischen Lehre freigeistige, übermystische oder gar christliche Gedanken zu finden.- Ein richtiges Bild vom Leben der Chassidim konnte man aus ihnen nicht gewinnjen. *) Unter dem Titel „Die Gemeinde der Chassidim, ih!r Werden und ihre Lehre, ihr Leben und ihir Treiben" gibt die „Ostjüdische Bibliothek" bei der Societe Graphique, Wien, XVIII., ein zweiteiliges Werk von Chajim .Bloch' heraus. Wir bringen hier eine Würdigung dieses Werkes seitens" eines Mannes, der das Werfe Blochs vor Drucklegung gesehen hat... Wir werden da» Buch nach Erscheinen ausführlich beisprechen und bemerken, daß eine Auslese dieser ehassidisehen Geschichten im Jahre 1916 in unserem Blatte veröffentlicht war. Die Redaktion.