Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Dr. BLOCHES WOCHENSCHRIFT Seite 571 logie) zurück und schließt daraus auf Zusammen- Setzung iuid . HetiCLUift des .Volkes. (seine Ethholqgie);_ öder er folgert auf Seelenverfassung und Stim!- sriukg des Volkes (seine Psychologie). Die etymologisch-etlmologische Methode kommt beispielshalber zunl Vorschein, wo Dante für das Deutschtum beanspnicht wird; seit sieben Städte sich um die Ehre stritten, Homers Ge'burtsstätfe gewesen zu sein, war es unentwegtes Streben der Nur-Nationalen, den Genius fremder Nationen — konnte er schön nicht verdunkelt werden — für den eigenen Stamm zu fordern. .Alighieri, sei,, aus Aldiger; verballhornt, dein das Gotische ger\== SpeeT (wie in Gerhard, Gertrud) zügrunde liege. Dante um dessentwillen als Goten zu bezeichnen, ist nun aber ungefähr ebenso gerechtfertigt, wie die zahlreichen Siegfrieds, Elsen, Isolden als wirkliche Abkömmlinge derjenigen geschichtlichen oder sagenhaften ' PersÜnlichkeiten zu betrachten, die Wagners Musikdramen als' Gestalten dienten. Die mißbräuchliche Verwechslung von Sprache und Rasse tritt darin zutage, die oft auch sonst verhinderte, wenn Ch'amberlains Folgerungen nicht gleich und längst als Fehl- und Tnigsehlüsse entlarvt wurden. Chamberlain weiß zwar genW, daß Gleichsprachigkeit nicht Gleichrassigkeit, Versehiedensprachigk'eit ni cht Verschiedenras sigkeit bedeute; ab er er läßt nicht ab, Volk durch Sprache zu kennzeichnen .und —'■ bisweilen im schönsten Zirkel — Sprache durch Volk. In diesem traurigen Mut zu Widerspmchen erkennen wir Chamberlain, wie wir ihn gleich anfangs' charakterisierten. Besonders auf seme eigenen Volksgenossen, die Engländer, hat er es abgesehen; das Englische sei minderwertig, daher auch der Engländer; und der Engländer , sei ungebildet, $aher seine Spräche schlecht. „Die englische Sprache ist ... eine Sprache der Extreme; Ekstase öder Geschäft; sie ist nicht die Sprache der Wissenschaft und" nicht die Sprache der Philosophie." „Englische Naturwissenschaft zum Beispiel ist selbst dem •gebildeten Manne ein gänzlich imverständliches Abrakadabra, aus lauter barbarischen, griechischen und lateinischen Brocken zusammengesetzt . . Das Eng- . Hsche ist fähig, „der energischen Tat, der politischen Debatte" zu dienen, „überhaupt allem unmittelbar Gegebenen, damit' auch! dem Geschäft, dem Spiel sowie dem, Trivialen und Rohen; nicht aber ist es möglich, auf Englisch zart und tief zu denken..." In einer Sprache, die Shakespeare und Byron hervorgebracht hat, sollte dies nicht möglich sein? In einer Sprache, deren Wortkürze und Ausdrucksökonomie einzig, dasteht, sollte Wissenschaft kein scharfes Darstellungsmittel finden? Auch an weiteren Stellen des ausgezeichneten Abschnittes Wendet sichKainmerer gegen Chamberlain, der eine gehörige Abfuhr erleben muß... SefardisoW oder As&Wkenaslsch! Die hebräische Sprache steht davor, eine lebende Spracht im1 vollen Sinne des Wortes zu werden. Iii Palästina ist diese seit. jeher totgesagte Sprache längst auferstanden, und alle wahiien und falschen Propheten, welche an die Auferstehung der Tot en nieht gut glauben Wollen, zusehanden "gemacht worden. Das ist aber eine längst und ziemlich bekannte Tatsache. Hier handelt es sich um etwas anderes. Diese lebendig zu werdende Sprache, welche in der nächsten Zeit schon die Sprache unserer Gymnasien und sonstigen Schulen werden soll, (es besteht nur die Frage, ob ihr bloß die geweihten oder auch die profanen Fächer eingeräumt werden sollen, was wir hier auch nicht zu erörtern haben): wie soll sie gesprochen werden? Einerseits sind es die Modernisten, welche den sefardischen Dialekt reklamieren. Sie berufen sich auf den Wohlklang der Sprache und auch auf die Tatsache, daß in Palästina, welches doch für uns in der Zukunft tonangebend werden soll, auch nicht anders gesprochen wird als! sefardisch. Anderseits steht die ganze Schar von Hebräisten und sonstigen Juden, größtenteils Schüler der alten Schule, Zöglinge der Bäte Midraschim, nicht der neuen „Safa Berura"^-Vereine u. dgl., und sie stellen den „Row minjan" und „Row binjan" der Judenschaft dar, welche wieder das Aschkenasische behaupten und durchsetzen wollen. Wenn man ßa. eingreifen will, so muß man sich! vor fAugen halten, daß der Standr punkt der Ersteren der der Modernisten und Neuerer ist. (Ich erschrecke gar nicht (davor, weil auch ich mich mit Stolz sehr häufig zu ihnen zähle.) Was ich damit betonen möchte, ist, daß es sich vor allem um eine Minorität handelt, welche diesen Standpunkt teilt, einerseits, anderseits, daß es eine solche JVIinörität ist, welche sich davon abgewöhnt hat,, mit Geschichtstatsachen und mit bestehenden Werten und Faktoren zu rechnen. Dieser Standpunkt ist gewiß irrig und ungerecht. Irrig deswegen, weil es doch nicht Zufall ist. wenn wir sehen, daß ein ganzes Volk von etwa 20 Millionen, wie wir es sind, seine Sprache in einem gewissen Idiom, beziehungsweise einer Aussprache spricht. Und indem' wir seine Sprache wieder. ins* Lehen einführen wölken, ist es nach meiner Ansicht gewiß ungerecht, mit dieser Tatsache nicht rechnen zu wollen, d. h. in unserem' Falle, sich ganz einfach1 über den, Fakt hinwegzusetzen, daß 99 Prozent unseres Volkes! die Sprache nicht anders gelernt haben. Hier handelt es sich weniger lim die Korrektheit als um die lebenden Tatsachen. Und nur diese haben in diesem Falle das entscheidende Wort zu führen. Gerade die Philologie und die Linguistik beweist es, daß die Landläufigkeit in dieser Beziehung eine große Rolle spielt. So wurden Hunderte von Ausdrücken in den einzelnen Sprachen aufgenommen und eingebürgert, nicht deswegen, weil sie . w i s s e n s c hra f 11 i c h! richtig und. begründet, sondern einfach deswegen, weil sie aufgenommen, afso» vom Volke gesprochen werden. — Kurz, das Ge- . sprochensein ist hier maßgebend. So hat die deutsche Sprache ihre verschiedenen Dialekte, so die französische, die englische usw. usw. Und warum soll sie nicht auch die hebräische haben dürfen? Auch da müßte, glaube ich, für uns der Standpunkt bestimmend sein, daß . «jjf ftifti -pfftt p5t ro yfcpb by tos nvt p iA* tose* Die hebräische Sprache sollte ein Bindeglied zwischen dem! alten und jungen Geschlecht sein. Wieso darf man also mit dem Aufbau in einer Weise beginnen, die gerade den Widerspruch1 zu diesem Konsolidierungsbestreben darstellt? Ist es doch Tatsache, daß unseren besten j üid i s c h' - w i s s1 e n s c h a, f 11 i c h e n Elementen und mit ihnen die große Masse der Hal'bgelehrten und sonstigen Juden von einem Verkehr und anregenden Gedanken-