Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SHte?7© Br. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 36 Eine icbrechimng init Houston Stewart Chamberiain. Seine rätselhafte Stellung im deutschen Schrifttum. Huston Steward Cii'amberlaiii, der Schwiegersohn. Cosinia Wagners, ein englischer Musterdeutscher, gehört nicht gerade zu jenen Erscheinungen in der deWchen^Schriftstsllerwelt, die besonders angenehm und sympathisch' .berühren. Er ist/ genau genommen, ein ziemlich' großer Scharlatan, wenn er auch über große Bildung und reiche AusdrucksmöglicliT keit verfügt, hnmerhin ist sehr interessant, wie sich Männer der Wissenschaft zu Chamberlain stellen, und da ist nun besonders zu erwähnen, wie der Sdiriftsteller Lerch' in. der Zeitschrift „Das freie Wort" mit ihm abrechnet. Lerch' schreibt: „Wozu liest H. St. Chamberlain Goethe? — Um antisemitische Aeußerungen aufzufinden (soweit sie ihm in den Kram passen).. So heißt es denn in seinem Buch über Goethe (S. 691): Dieses Volk „hat niemals viel getaugt", „es! besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker" usw. Er verläßt sich darauf, daß keiner seiner Leser die Stelle jemals nachschlagen Wird/ Sie lautet im Zusammenhang: „Vor dem rheinischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhle des Gottes' der Völker, wird-nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern hur, ob' sie daure, ob' sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten: Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit sucht _ es seinesgleichen. Es *%t €^as^heh^rrhchste Volk auf Erden; es ist/ es' war, «s wird sein, um den Namen J. . .'va durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es1 daher als Musterbild dargestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur als Rahmen dienen." Es ist dann weiter die Rede von den „übrigen Vorteilen dieses Volke», oder vielmehr seiner Geschichte, seiner Religion", von der trefflichen Sammlung ihrer heiligen Bücher — und als'besonderer Vorteil der israehtischen Religion wird gerühmt, daß sie ihren Gott in keine Gestalt verkörpert und unis also die Freiheit läßt, ihm' eine würdige'Menschengestalt (?) zu geben, auch im Gegensatz die schlechte Abgötterei durch Tier- und Untiergestalten zu bezeichnen. So geht H. St. Chamberlain mit der Wahrheit um. Aus einer Stelle, die, als Ganzes genommen, eher für als gegen die Juden fej)rieht, macht er hokus bokus fidibus eine antv- "seinitische Aeußerung: Wenn die Tatsachen zu der Hieorie nicht stimmen, — um so schlimmer für die Tatsachen; aber freilich, was soll man denn mit einem' Goethe-Wort anfangen, das' den. Juden Selbständigkeit, Festigkeit und Tapferkeit .zuspnfMLjDas ist gerade .das Gegenteil von dem, was Chamberlain und seine Trabanten lehren! Und die Meinung Chamherlains ist selbstverständlich viel maßgeblicher als die Meinung Goethes1.' Ungleich' bedeutsam noch ist 'die Abfertigung, die ihm Dozent Dr. Paul Kammerer iii der Schrift „Menschenwürde" (Verlag „Der Friede", Wien) gewidmet hat. Er -schreibt in dem Kapitel, das „Gegen Chamberlain" betitelt' ist, daß alles, was Chamberlain besitze, prunkvolle Belesenheit und gleißender Stil sei- Das ist aber auch alles. Seine Werke verbreiten sich über die. meisten Gebiete menschlichen Wissens und "Denkens: Theologie, Philosophie^ Biologie, Kunst, Politik — Kant, Wagner, Goethe, Christus, Gebiete, deren, Beherrschung einen bei ihrem heutigen Umfaiig/kaiuh mehr; denkbaren Polyhistor erfordern würden. Diese so vielseitigen Werke sind aber weder durch Sachkenntnis getrübt, noch"Hurch bestechenden Gedankenreichtum geziert, sei dieser Schmuck selbst' unechtes Flittergold.- Wer nur ein wenig Kritik unfd Logik auf seine Lektüre anzuwenden vermag/ muß überdies auf etwas kommen, '"'was zu Chamberlains Eigenart in hohem Grade beiträgt: er läBjt sich1 selber fast niemals unwidersprochen; verwendet ein, und dasselbe Faktum in entgegengesetztem Sinne, verwertet umgekehrt einander entgegenstrebende Angaben als' Stütze ein und derselben Ansicht und Absicht. Und dennoch erreichen Chamberlains Bücher Riesenauflagen; und trotzdem blieb Zurückweisung, die ihm widerfuhr/ ziemlich vereinzelt- und wirkungslos; selbst wo sie von Fachleuten ausging, die sonst auf Dilettantismus in. jeder Gestalt doch schlecht zu sprechen sind und darin gerne übertreiben, indem - sie wegen kleiner Versehen im Detail ein umfassendes und bahnbrechendes! Ganzes verurteilen. Welcher Eigenschaft dankt es'Chamberlain, daß er allgemeiner Liebling werden und diese Vorzugsstellung behaupten durfte? Wie bereits' angedeutet, erscheint -.mir das Problem noch keineswegs geklärt. Chämberlains' Gabe, mit einem breiten Strome^zif schwiinmen. .einer mächtigen Mehrheit gefällig zu sein, alle Erscheinungen des Lebens und der Welt alldeutsch und antisemitisch' auszudeuten: das erklärt ja viel," aber nicht alles. Glücklich verbunden ist Chamberlains „chiistlich'-germanische" Sinnesart-mit der zuvor erwähnten Widerspruchsfülle, die jedem das Seinige . zu finden, gestattet:. man wird nicht klug 1 - . -: . Zahlreicher als bisher,' meint Kämmerer weiter, - venden~sich; Vertreter der iGeistes^vissenscnaften gegen Chamberlains Dilettantismus' und Scharlatanismus. Kämmerer spricht von Leo Spitzers4 „Anti-Chamberlain" (Leipzig, 0. R. Reislandj. Per junge und! temperamentvolle Spracheilforscher zwäng sich, wie er schreibt, zur größtmöglichen Nüchternheit Nichts von dem, was zu sagen; Pflicht war, sollte den Schein; erwecken, als seien persönliche, politische, konfessionelle Gründe im Spiel: es handelt sich „nur" um eine wissenschaftliche Wahrheit. Und die Enthaltsamkeit von allem, was nicht strenge zur Wissenschaft gehört, zeigte sogleich eine für den Fall Chamberlain höchst kennzeichnende Erscheinung: es kam zum Vorschein,- daß Chamberlains1 Behauptungen — entkleidet man sie ihres schillemden Wortschwalles — leere Banalitäten sind, noch, dazu falsche; um sie zu widerlegen, sind daher. abermals nur Banalitäten, ist nur die Erinnerung an lang geläufige Selbstverständlichkeiten nötig. Ein kritischer Kollege, * Hans Maver, äußerte sich deshalb . über „Spitzers „Anti-Chamberlain":, „Gemeinplätze eines Ignoranten, entkräftet durch Gemeinplätze eines Gelehrten." Das war fremidschaftlich gemeint, entschlüpfte ihm im Drange nach1 scharfer Formulie.-- rung- Die Aufgabe konnte gar nicht anders gelöst werden; und wohlgemerkt, nur dem Kenner, _ dem engeren Fachmann, erscheint ihre wichtige „Lösung in jenem Licht. Die breite Oeffentlichkeit, an die Chamberlain sich wendet> und die daher, auch von Spitzers Aufklärung L Kenntnis nehmen sollte, .. hat gerade genug für sie Neues zu lernen.; An anderer Stelle heißt es: Chamberlains „spraehkundhehes" Verfahren läßt, sich vorzugsweise als ein doppeltes entwirren: er geht auf Zusamm'ensetzung und Herkunft des Volkes1 (seine Ethho-