Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Bö Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRlFf Suite 569 Wie ganz anders unsere alten Lehrer, über die man so häufig *in diesen überklugen Kreisen, als über geistig rückständige Mens'chen, lächelt. Diese saglen: „Groß ist die Kraft der Propheten, sie vergleichen das Geschöpf mit seinem Schöpfer." „Die Thora spricht, wie die Menschen sprechen." (An vielen Stellen der Mischna und Gemarä, ferner Maimonides in der Einleitung zu den acht Abschnitten. — Man lese desselben Maimonides Einleitung und die ersten Abschnitte im dritten Teile des „Moreh Nebuchim".) Anthropomorphistisch wird in der Bibel nicht allein von Gott, sondern auch von seinen Eigenschaften and allen Naturgegenständen gesprochen. Was die Eigenschaften, die Attribute Gottes1 anlangt, so war diese Lehre. in der jüdischen Religionsphilosophie des .Mittelalters von Saadja bis ftlaimonides Gegenstand eingehendster Forschungen.*) Wir haben demnach, un4 das ist gegen den „anth'ropomorphen Gott", den man uns auf disputieren möchte, zu sagen, den Anlhropomoi-phismen symbolische Bedeutung zuzuerkennen und ihren poetischen Gehalt zu werten, wir halten sie nur vom Standpunkte der Aesthetik zu betrachten. Gottes Ällgegenwart wird dargestellt durch1 die Worte, die besagen, daß ihn kein Raum zu fassen vermag, das herrliche sechste Kapitel im Buche des Propheten Jesaias schildert ihn uns in seiner Erhabenheit, die wunderbare Vision Ezechiels in seinen verschiedenen Kräften, so wird er als Leiter und Lenker der Welten, so werden sein Wohlgefallen und 'Mißfallen, seine Liebe und sein Zorn ..... symbolisiert. Wir werden deshalb an seinem Auge, seinem Ohre, seinem Angesichte, seinem Finger keinen Anstoß! nehmen. „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels", es1 War ein großetf Dichter, der das stete Walten des Herrn, das sich so , sichtbar seinem. Yolke; offenbart, mit diesen. Worten darstellte- und wir sind ihm dankbar dafür, daß er zu uns spricht, wie ein Vater, eine Mutter zu ihren Kindern. Ist es idochi die kindliche Sprache der Natur selbst, wie sie uns in solcher Schönheit kaum aus den Dichtungen Homers entgegentönt. Unser Artikel wäre mcht vollständig, er müßte sich aber auch gar zu sehr ausdehnen, wenn wir nichts auch von den AnihropopaMsmen sprächen, d. b. der Darstellung Gottes nach mensdhlicher Gemütsbeschaffenheit und menschlichen Empfindungen. Es wird in der . Bibel von Seiner Freude und seinem Schmerz, seinem Eifern, Zürnen, Bereuen, Vergessen, Erinnern usw. gesprochen. Aber, wer erkennt nicht auch' hier das Bestreben, die Gottheit dem Volke näher zu bringen? Und erhebt sich nicht schon auch in der Bibel der Gegenruf (IV. Mos. XXIII, 19) : „Nicht ein Mensch! ist Gott, daß! er trüge, oder ein Sohn Adams, daß er sich gereuen lasse. Wie sollte er sprechen und nicht tun? reden und es nicht bestätigen?" Und wir lesen im Buche Samuel: „Auch der Herr Israels" lügt nicht, ändert nicht seinen Entschluß, denn er ist kein Mensdtr, daß er bereue." (I. Sam. XVI, 29.) Und so viele andere* Stellen bei den Propheten. Als das Judentummit dem Griechentum' in Berührung kam1, die Septuaginta und die Apokryphen entstanden^ da zeigte sich! insondei/heit das Bestreben, die AnIhTopomorphisttien der Bibel zu mildem, zu entfernen, durch! geläuterte metaphysische Begriffe, die damals schon in Alexandria herrschten; zu ersetzen. Gott spricht, nach! der Bibel, mit Moses „von Münd zu Mund", da tilgt nun die „8eptuagiutau hinzu: „in der VörsrelhtHg". So wird aus dem Berichte eine Vision. Wenn es in der Bibel heißt: „Moses stieg zu Gott hinauf", übersetzt die „Septuaginta", „Moses» sei auf den Berg Gottes Mnaufgesjtiegen." Das Anschauen der "Gottheit verwandelt sich in ein Bild des Ortes, an dem sie erschienen. Der Sklave, heifit es, soll hinteeten „vor Gott", die griechische Uebersetzung läßt ihn „vor das 'Gericht Gottes hintreten.". „Dei* Herr ist ein Mann der Schlacht" nach der Bibel. Dies Bemühen, Antbi onomorphismtn zu vermeiden, tritt be*onders in den letzten Büchern der Bibel hervor, die später als die Thora übersetzt wurden, in einer Zeit, in der die Gottesidee der hellenistischen Gottesweisheit schon weiter fortgeschritten war. Anstatt von der ,-,ätarkea Hand Gottes", spricht man von seiner „starken Macht", für „das Schauen der Gottheit auf Erden" gebraucht man den Ausdruck vom „Schauen des göttlichen Heils". So suchten die griechischen Bibelübersetzer, die wohl den Geist der Bibel besser und reiner erfaßten, als die, welche vom „anthropomorphen Gotte" sprechen, den Gottesbegriff in seiner höheren Reinheit zu erkennen und auszudrücken» Etwas ähnliches ist von den Apokryphen zu sagen. Sie vermeiden die aufehtopomorphistische Redeweise und stellen Gottes1 Handlungen als durch sein Wort, den Logos, vollzogen, dar. Wir können uns hier auf die weitere Entwicklung der „Logos- Lehre", bei Philo und im Johannes-Evaiigelium, nicht einlassen, dies gehört auch nicht mehr in den Rahmen dieses anspruchslosen Aufsatzes, der sich nur zur Aufgabe stellte, dem Lehrer unserer Religion einen Wink zu geben, wie er auf Einsprüche antworten soll. Zum giiüiidhchen Studium solcher Fragen bedarf es einer längeren Zeit, als die, in, welcher Haeckel alle ^Welträtäel", die Du Bois-Reymond in seiner berühmten Rede „über die Grenzen der menschlichen Erkenntnis" aufstellte, zu beantworten imtemahan. Auch die „Anthropopathismen" der Bibel weitden vielfach' von den griechischen Uebersetzern gemildert. So die Worte: „ich bereue es" durch „nachdenken, sich zu Gemüte führen", er betrübte sich , durch", „er überlegte sich" usw. Natürlich verleiteten solche Uebet Setzungen zu Mißverständnissen. Der Talmud ist es, der vielverlästerte, der zur einfachen leiblichen Darstellung zurückkehrt und erklärt, wie wir schon oben anführten, die Anthropomorphismen der Bibel auch mit den Worten: „Das alles, um1 es dem Ohre des Menschen verständlich zu machen" (Tanchuma S. 83), oder „Nur die Schrift gebraucht des Bildes" (Mechilta, II. Mos. 15, 7). Wir wollen nicht zu ausführlich werden und denken, das Gesagte werde genügen, um den „anthröpomorphen Gott* Haeckels gründlich zu" widerlegen. Wieviel ließe sich noch aus den Philosophenwerken des Mittelalters anführen! Haeckel hätte belehrt werden können, daß sich bei den jüdischen Denkern des Mittelalters1, wir erinnern an Gersonides, Ansätze des Monismus finden, sowie Schopenhauer aufmerksam gemacht wurde, daß seine Lehre vom Willen schon vom Gabirol verkündet wurde. Doch1 das ist unser Verhängnis. Von unseren großen Dichtern und Denkern findet sich in den Geschichten der Literaturen und der Philosophie nichts. Da ist es nun Sache des! Lehrers, einzugreifen und zu belehren,, insbesondere unserer Jugend einzuschärfen, daß das Wort „alleinseligmachend" ebenso lächerlich ist, wenn es gebraucht wird von einer Kirche, und nicht minder, wenn es in Anspruch genommen wird — vom Momsmus. Dr. M. Grünfeld. *) D. Kaufm'ann: „GtescMehfte der Attri^utenlehre". 187?. ,