Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 568 Drl BLOOH'S!W^OOHÄ<MMFT Nt .36:, lausenden als ihren eisernen Bestand im Glaubensuind GeföMsIeben für heilig und unantastbar genalten haben? Unreife Menschen lesen mit besonderer Gier derartige Werke und preisen, ohne vorherige Prüfung, jene von ihnen zum Titanentum erhobenen Helden, welche an den Tenipelsaulen rütteln und unter Truininern sdieinbar alles1 hegraben, was;, nach ihker Meinung, »wenn sie dtne solche besitzen, kulturell rückständige, in unser Jahrhundert nicht passende Menschen, noch' immer als wichtigstes Külturelenient der Menschheit befrachten und sogar als solches verehren. Fern sei es von uns, die Größe und das Talent des Mannes der Wissenschaft anzugreifen, ja ihm nähertreten zu wollen, aber der größte Zoologe kann in Fragen dessen, was man Theologie zu nennen pflegt, man verzeihe, manchmal ein — Stümper sein —. In dieser Beziehung war der große Meister Darwin, und er War ja auch Haeckels Meister, vorsichtiger. Er, wir sprechen von Darwin, fragte eine Abordnung Gelehrter, die bei ihm erschienen war, um ihn zu seinem Geburtstage zu begrüßen: Warum stürmen sie in Deutschland so gegen 'die Religion? Er mochte «dabei nicht nur an Karl Vogt, den eigentlichen Begründer der berühmten „Afxenabstammang" lind ihren Ahleitern aus1 der „Entstehung der Arten", sondern auch1 an Haeckel gedacht hiben. — Dieser spricht also vor dem „anfhropomörphon. Gott". — Uns geht dabei natürlich nur das an, was die eine von den „3 Mediterran-ReÜgionen", das Judentum', betrifft. Da weisen wir nun zunächst auf den Dekalog hin, der im zweiten Werk das Verbot jeder bildlichen Darstellung der Gottheit ausdrücklich ausspricht. Im V. B. Mos., IV, 15* geschieht dies' mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit: „Hütet «uere Seelen sehr," "neißt es dort, „denn Ihr':hahl?'keinerlei'Bilä* gesehen am Tage, da der Herr zu euch' geredet am Horeb." — Und 'man lese weiter die Verse 16, 17, 18, 19, mit welcher Feierlichkeit, hier das1 Verb'ot, sich einen bildlichen Gott darzustellen, ausgesprochen wird. Wir könnten auf noch gar manche andere Thorastelle verweisen, wenden uns aber zunächst den markanten Äeußeruögen der Propheten zu, etwa dem Deutero- Jesaias^ der in dem herrlichen 40. Kapitel, diesem Juwel der Weltliteratur ausruft: „Wem wollt Ihr mich' vergleichen, daß ich' ihm ähnlich wäre, spricht der Heilige." Gorade dieser große Unbekannte, der von den protestantischen Theologen als Evangelist des Alten Testamentes Gerühmte, schüttet die Schale seines heißenden Spottes, gleich Eliahü, auf die Gottbildner aus. 'Der Psalmist, um auch1 von diesem zu reden, läßt, wie wir im 89. Ps> V. 7 lesen, den Ruü ertönen: „Denn, wer in der Höhte mißt sich mit dem Herrn? vergleicht sich mit dem Herrn unter den Göttersphken?" Um wieder zu Deutero-Jesaias! zurückzukehren, weisen wir auf die ewigen Worte hin, in denen er sagt: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Fiüßje. Wo ist ein Haus, das ihr mir erhauen könnet und Wo ein Ort zu meiner Ruhestätte?" Aus dem letzteren Verse ersehen wir, wie die Bibel selbst, sinnlich menschliche Bezeichnungen der Gottheit, das anthropomörphe an ihr, auflieht, und sich dagegen ausdrücklich ausspricht. Im herrlichen Einweihungsgebete- Salomos "(I. Kön. VIII, 27) heißt es: „Siehe Idie Himmel, und der Himmel Himmel vermögen dich1 nicht zu fassen: gar nun dies Haus, das Ich' gehauet." — Und nun höre ich die Gegenrufe: Ist die anthropomorphistische Redeweise der Bibel nicht allgemein bekannt? Wird nicht Gott geschildert, auf einem Throne sitzend, mit einem Haupte und menschlichem' Gesicht, mit Augen, Ohren, Nase, Mund, Lippe, Zunge, Nacken, Rüicken^ Armen> Händen, Füßsh, Herz, Fingern, Eingeweiden? (Jeremias XXXI, 20; IiXIH, 15.) Werden ihm nicht menschliche Handlungen freigelegt als: Schlafen, Wachen, Gehen, Fahren, Herablassen, Hinaufsteigen, Erscheinen, Stehen, Entfernen, Sehen, Hören, Spreche^ Rufen, Gericht halten, Streiten, Kämpfen, Strafen, Züchtigen, Töten-, Beleben, Wohnen, Weilen usw;? Wohnt er nicht in einem Zelte, Spannt er nicht die Himmel wie ein Zuchthaus aus? Fährt er nicht auf Wolken einh'er? ETtönt nicht seine Stimme gewaltig über den Wässern? Man miü ßte j a fast die * ganze Bibel ausschreiben, so entgegnet man mir, wenn man. alle anthropomorphistischeii Bezeichnungen für die Gottheit anführen wollte. Auf der einen Seite heißt es allerdingsr „Stelle dir den Ewigen nicht im Bilde dar", und auf hundert anderen tritt uns der „anthropomörphe Gott" Haeckels in seiner ganzen Persönlichkeit entgegen. - Und doch können wir mit Leichtigkeit nachweisen, Wie falsch! diese Anthropomorphismen aufgefaßt werden. Wer sich nur an den Buchstaben hält, wird die Bibel in ihrer Redeweise ebensowenig verstehen, wie er Dante und Shakespeare, Goethe und Byron verstehen kami. L|äßt «die Bibel nicht auch „die Himmel erzählen"? Das Meer spricht, auch die Erde hat Haupt, Mund, Angesicht, Ohr und Flügel, Verwesung und Tod sprechen, der Stein ist Zeuge, die Berge brechen in Jubel aus und selbst der Scheol, der Hades, 'die Unterwelt tritt rufend auf. Wahrlich, der hat keine Ahnung von der Schönheit, der hinreißenden Gewalt der Bibelsprache, der kennt nichit die Macht und die dichterische Schönheit ihrer Redewei se, der weiß! nichts ' von ihren erhabenen. Allegorien und jhtem verschwenderischen Bilderreichtum;" der diese Eigehiümlichkeit 'der Bihel nicht erfaßt. Wenn mich1 ein Schüler Über den „anthröpbmorphen Gott' des Zoologen Haeckel fragt> dann antworte ich ihm damit, daß ich ihn auf das verweis^, was Heine aus1 Helgoland, den 29. Julius 1840, über ihn schreiht:*) „Ich habe wieder im Alten Testament gelesen. Welch ein großes Buch! Merkwürdiger noch, als der Inhalt, ist für mich diese Darstellung, wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist, wie ein Baum, Wie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne, wie der Mensch1 selbst." Hier habt ihr eueren Anthröpömorphismuserklärt, erschaut mit dein Auge des Dichters, der ja auch ein Seherist. Und Weiter: „Das sproßt, das1 fließt, das funkelt, das lächelt, man weiß nicht wie, man Weiß nicht warum" (es ist eben ein „Welträtsel", ein ungelöstes'allerdings), man findet alles ganz näfcürhch: Das' ist wirklich das Woft Gottes, — vom „Logos" sprachen die Alexandriner- „statt daß andere Bücher nur von Menstehenwi tz zeugen . . . Ueber diesen Stil läßt sich1 gar kein Urteil aussprechen; man kann nur seine Wirkung auf unser Gemüt konstatieren und nicht wenig mußten die griechischen Grammatiker" (siehe Septuaginta") „in Verlegenheit geraten, als sie manche frappante Schönheiten in der Bibel nach1 hergebrachten Kunsitbegriffen definieren sollten . . . Ach! wie gesagt, hier fehlen alle Maßstäbe der Beurteilung . . . Die "Bibel ist das Wort Gottes.". Wir. haben die trockenen Alexandriner auch unter uns1, sie werden das1 „Wort Gottes" nie verstehen, Sie werden es nicht, wie Longinus, mit „Erhabenheit" bezeichnen, nicht einmal, Wie neuere Aeslhetiker, mit „Naivität", sie werden von Anthropomorphismen sprechen, denn sie sehen das götthehe Wort mit der Brille des1 Naturforschers, aber nicht mit dem Auge des Propheten. *) Ueber Ludwig Börne.