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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-09-05 · 35 (5.9.1919) · p. Seite 461

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
35 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 461 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Seite 65? Menschenschicksale Aus polnischen Gefangenen- und Internierungslagera. ■Wir veröffentliolh'ejii in nachstehendem ein uns vom' Ukrainischen Pressediefnst zur Verfügung ge-i stelltes Protokoll jüngsten Datums und enthalten uns vorläufig jeden Kommentars ihiezu; es wirkt in seiner schlichten Scnüderung ergreifend und erschütternd und macht uns mit unzähdigen. Menschenschicksalen vertraut, die ein., reiner Spielball in den. Händen der Soldateska sind. Solches Martyrium muß in jedem fühlenden Herzen Teilnahme erwecken. Das Protokoll lautet: Der Kommandant des1 2. Regimentes der 17. Bri-. gade, Oberleutnent Iwan 0td o w i j c z u k, dem es geglückt ist, aus der polnischen Gefangenschaft zu entfliehen, erzählt -jüjber die Verhältnisse, unter denen die ukrainischen Gefangenen und Internierten, zu leben bemüßigt sind, folgendes: Ich, geriet in polnische Gefangenschaft am 11. Juli 1. J. im Abschnitte Beremjany-Znybroda an der Strypa, woselbst meine Brigade den polnischen Angriff abzuwehren hatte. Gegen uns standen im Kampfe überlegene polnische Kräfte der Division des General Szeligowski, das 1. und 6. Ulanenregiment, ein Bataillon Infanterie unter dem Kommando des Majors Pittl und drei Batterien Artillerie. Trotzdem hielten unsere, schwachen. Kräfte den Polen von ä Uhr früh bis nachmittags stand. Um die Mittagszeit-durchbrachen die Polen unsere Front im Südent umzingelten uns und so geriei der größte T«-n -meines iiaiailions in uelai.g. nschait. Ich wurde dem Oberleutnant des 6. Ulanenregimentes Januszewski vorgeführt. «Dieser ließ mich ganz nackt ausziehen, steckte mein Geld im Betrage von 1100 Hrywni ein und.nahm mir Uhr, Schuhe und Kleidung, darunter einen österreichischen Offiziers- und« einen Gummimantel, weg; schließlich zog er mir auch den Trauring vom Finger. Vor meinen Augen steckte der „polnische Held" die bei mir geraubten Sachen inseine Tasche und zog meinen Gummimantel an. Während man mich auszog, schlug mich! der Offiziersgehilfe mit einer Nagaika über den Kopf, und riß mir >eine große b 1 utige Wunde an der Stirne auf, deren Zeichen noch heute sichtbar sind. In Lumpen gehüllt, wurde ich sodann -ins Dorf Beremjany gebracht, wo. bereits andere Gefangene versammelt waren. Hier war ich! Augenzeuge ähnlicher Drangsalierungen und Torturen, wie ich sie zu erleiden hatte. In Gegenwart des Majors Pittl wurde jeder ausgeraubt. Die meisten wurden blutig geschlagen. >Der größte Haß richtete sich gegen die Mannschaften der _ Maschinengewehrabteilungen. Alle diese wurden ausnahmslos von den Polen derart mit Säbeln massakriert, daß jeder von ihnen fünf bis sechs tiefe "Wunden aufwies; Die Bewußtlosen und diejenigen, die stark bluteten, wurden auf einen "Wagen verladen und nach Zolotej-Potik gebracht. Auf dem Wege waren wir alle den heftigsten ,u]stilteh ausgesetzt. Als wir iiach Zolotej-Potik kamen, schien ich' das Mißfallen irgendeines polnischen Feldwebels erregt zu haben, denn, dieser verurteilte mich zum Tode. Er zerrte mich an die Seite, legte den Revolver gegen mich an und hätte mich bestimmt erschossen, wenn er nicht im gleichen Augenblick zum 'Kommandanten gerufen worden wäre. Wir wurden in Kerkerzellen eingesperrt, dabei immer wörtlichen und tätlichen Insulten ausgesetzt. In der Nacht schickte ein polnischer Stabsoffizier seinen Diener zum Fähnrich' Kuzjma und nahm ihm tiie -Ledergamaschen, die er bei ihm bemerkt hatte, ab. Wir baten den Hauptmann Liszniewski um Intervention, doch! Vergebens. Am nächsten Tage wurden, wir nach Niznow gebracht und hier übergab uns die Eskorte der Division Szeligewski den galizlschen Abteilungen, die daselbst disloziert waren; Hier kampierten wir im Freien. Schließlich wurden wir in Viehwagen einwaggoniert. . Ich bemerke, daß wir während dieser ganzen Zeit, d. i. vom 11. bis zum 16... iTjili, also fast eine gjanoze-' .Woch'e hindurch nichts zu essen bekamen. Wohl versuchte uns^ die Ortsbevölkerung auf dem Wege etwas zuzustecken, doch wurden die. Leute von der Eskorte mit Schlägen auseinandergetrieben. Auf jeder Station bestiegen polnische Eisenbahner die Waggons*, zerrten einige Leute hinaus und schlugen sie bis zur Bewußtlosigkeit. Am ärgsten trieben es die ^Eisenbahner in- Stanislau. In PrzemysI wurden wir ius Lager am „Zasanjel' gebracht, woselbst Kommandant Oberleutnant Mdwiecki ist. In kleinen Einzelzellen wurden 15 und auch! mehr Leute izusammengepfercht. Das Fenster durfte nic^t geöffnet werden, dazu kam noch, daß in der Nälte sich eine Mostest befand. Wir baten den Aufseher, er möge doch das Fenster für eine kurze Zeit öffnen, damit wir nicht ersticken. Dieser verlangte dafür 100 Kronen,* und zwar für ein,© einstündige Lüftumg. ' In diesem .Gefängnisse war eine große Zahl ukrainischer, weltlicher und geistlicher Intelligenzler eingesperrt. Die Behandlung dieser Unglücklichen spottet jeder Beschreibung. Vormittags, um die 10. Stunde, werden alle mit Peitsbbien hinaus getrieben und ess wird ihnen befohlen zu springen, am Bauch zu kriechen u. dgl. mehr. Dabei müssen ukrainische nationale Lieder gesungen werden. Wer diesen Hexentanz nicht mitmachen will oder kann, wird gepeitscht. Im Internierungslager am Zasanje, wohin wir gebracht wurden, trafen wir 20ukrainische Priester, i50 andere ukrainische Intelligenzler, 30 Frauen und Mädchen und etwa 100 Bauern, darunter Frauen mit kleinen Kindern, minderjährige Burschen und Mädchen, Invalide und Greise. Eine taubstumme uluraihische Frau, die dem' verhörenden polnischen Offizier keine Antwort geben könnte, befindet sich auch dort, und zwar unter dem Verdachte des Hochverrats. Ein Invalide, dem» der rechte Fuß und beide Hände fehlen, wurde interniert .„unter dem Verdachte, daß er die Eisenbahnschienen aufreißen wollte. Ein kleiner achtjähriger /Bursche wurde als gefährlicher Agitator eingesperrt. Im Lager befindet sich eine spezielle Wache, deren Aufgabe es. ist, mit Drahtpeitschen jeden, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts, der nur irgendwie in ihre Hände fallt, zu prügeln. Dabei wird .kein Unterschied gemacht, so wurde in der ersten Nacht ein, 75 jähriger Greis derart verprügelt, daß er am nächsten Tage in der Früh starb. Am 19. Juli wurde, eine ukrainische Bote Kreuz-* mission aus Lemberg eingebracht, . die völkerrechtlichen; Schutz genoß. Diese aus 4 Personen bestehende Bote Kreuzmission hielten die Polen einen vollen Monat in Lemberg, worauf sie sie dann verhafteten. Am 201 ttuli wurde aus den Gefangenen ein Transport gebildet. Oberleutnant Mdwiecki formierte den Transport selbst, indem er. an die Tete zwei schiwachsinnige Soldaten stellte, ihnen blaugelbe Schärpe n umhängte und an ihre Kappen Aufschirif ten, wie Petl jura, Petrusze wycz, Ukraine u.-dgl. heftete;- Außerdembefähf er ihnen, zweideutige Lieder zu singen. Wenn sie zu singen aufhörten, wurden sie durch! Peitschenhiebe zu weiterem Singen verhalten So. passierte der Irmu-pori die, blraflen a»r Stadt. Das polnische^ Publikum stand pi beiden Seiten des Trottoirs und klatschte Beifall. Die seit längerer Zeit Internierten erzählten, daß auf diese Weisei jeder Transport aus PrzemysI abgefertigt wurde. Am 23. Juli kamen wir nach Brest-Litöwsfc. Dort wurden wir in einem neuen Lager, im sogenannten Szope- Buh untergebracht. Dies ist eigentlich ein Komplex, etwa 200 Schritte lang und 150 Schritte breit. Auf diesem Komplexe stehen zwei größere und eine kleinere Scheuer, die in Oesterreichs Zeiten zur Aufbewahrung von Sappeurmaterial dienten. Diese Baracken haben infolgedessen keine Pritschen zum Schlafen, keine Ventilation und keine Fenster. Sie sind unmittelbar am Ufer dest Bug gelegen. Vor der ersten kleinen Baracke befindet sich eine Latrine, die für das ganze Jahr bestimmt ist. In den Baracken sind 5500 Menschen zusammengepfercht, so daß nachts einer auf den änderen zu liegen kommt. Ein Durchgang durch diese Menschenmasse ist naturgemäß unmöglich, die Luft ist zum Ersticken schlecht. Wir baten den Lagerkommandanten Oberleutnant Zborowski aus Lemberg, er möge uns aus der Baracke, vor der sich die Latrine befindet* hinausnehmen, doch waren unsere Bitten vergebens. Erna Bestie in Menschengestalt ist sein Gehilfe, Oberleutnant Brenner. Frisches Wasser gibt es nicht., Das Lager ist mit Drah'tzäunen umfriedet, so daß man .gezwungen ist, das Wasser des Bugflussies zu trinken, das verunreinigt und äußerst gehündheitswidrig .ist. Als der Festungskommandant General Szamota eines Tages im Lager erschien, baten wir ihn um Erleichterungen, worauf er uns folgendes zur Antwort gab: „Gebt Euch zufrieden, daß Ihr lebtl Wozu habt Ihr gekämpft, wenn, es Euch' schlecht geht, dann krepiert." Und in der Tat starben die Leute in dieser Hölle wie die Fliegen;. Vor allem* starben sie Hungers. Zweimal des Tages erhält man dort Essen. Früh heißes Wasser,, schwarzer Kaffee genannt, nachmittags eine Bohnensuppe. AHein von dieser Suppe wird derart wehig gegeben, daß die Hälfteder Arrestanten nichts erhält und die zweite Hälfte gleich Tieren sich auf die Bohnen stürzt, um einige davon zu erhaschen. Als wir ins Lager kamen, grünte überall Graa

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