Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 35 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 458 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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664 Bfc Bfiߣft*S HWi%DH££IB£iI{tfS$ üir.. 3o Und ßo etwas jetzt, zu einer Zielt, in der der Mangel seinen HöhepuiiKt erreicht hat". Bei dem Unruhen in .Tschechien gegen „Ketten-» handler und Preistreiber" "wurden zahlreiche Geschäfte gutchristlicher Inhaber ausgeplündert und selbst der auferlegte „Kettehhändlerschwur unter dem Galgen" wurde hauptsächlich von guten Ariern geleistet i .! i i'f ' •Wie erinnerlich^ haben vor dem Umsturz unsere Behörden den Entschluß angekündigt, diejenigen, die sich weigern, die durch; den Krieg gebotenen Verpflegungsvorschriften einzuhalten, an eine Art modernen „Pranger" zu stellen, indem sie ihre Namen der Allgemeinheit übergeben. Sämtliche Verurteilungen sollten mit Namen und Adressen der Bestraften in den Zeitungen zur Publikation gelangen. Als aber die erste, zweite und dritte „Pranger"liste des" Wiener Magistrates über schwere Uebertretungen gegen das Lebensmittelgesetz herauskamen,, hatten die Redakteure der „Reichspost" an der ganzen Angelegenheit keine Freude mehr , und erhoben gegen die Publikation energisch Einspruch: Es waren zu viele Parteigenossen bloßgestellt und die einzelnen Juden kamen merkiwürdiger weise mit einer allzu gelinden Bestrafung davon. Die „Pranger"listen verschwanden aus den Zeitungsspalten. Die Gefährlichkeit generalisierender Schlagwbrte zeigte sich vor Gericht auch in dem Pogromprozeßj von HoUeschau, wo es nach dem Umsturz zu Mord, Rauh und Plünderungen kam. iUle drei,- Verteidiger; der Angeklagten versuchten, die Ausschreitungen damit zu entschuldigen, daß! sich/ die Juden während des Krieges drückten, und das| Fern- ' sein von der Front benützten, um sich zu bereichern * und Wüchei^eschäfte'" zu machen.' Bei der--' Verhandlung wurde jedodh! auf Grund amtlicher Daten der Nachweis erbracht, „daß! die Juden zu großem Prozentsatz' eingerückt waren, daß viele verwundet und geiahgen wurden und auch' ein großer Teil im Felde gefallen ist und was' Preistreiberei und Wucher anlangt, zeigte sich; daß! vöh Hölleschauer Juden Wegen dieser Delikte nur neun Personen angeklagt waren, Von denen aber niemand verurteilt wurde, während von der übrigen Bevölkerung 70 angeklagt waren, von denen 22 bestraft worden sind". Das hat Raub, Mord und Plünderung nicht verhindert. Der gewesene russische Außenminister, Miljukow, bekanntlich kein Judenfreund, erklärte ähnlicherweise in London, „die Beschuldigung, daß; russische Juden bolschewistisch, als den Tatsachen durchaus widersprechend. Leider ist er überzeugt, daß, die unschuldigen Massen teuer bezahlen werden die Tatsache, daß unter den bolschewistischen Führern auch mehrere Juden sich befinden. Zum Unglück für die Juden werden speziell die jüdischen Führer allein hervorgehoben, als ob sie ausschließlich die Träger des Bolschewismus wären. Daher ist der Antisemitismus auch in Kreise gedrungen, die früher judenfreundlich waren. In Wahrheit aber ist die Beschuldigung, daßi das russische Judentum bolschewistisch sei, eine böswillige Verleumdung. Im Gegenteil, nicht hloJJ die wohmabenden jüdischen Klassen, auch die großen jüdischen Massen sind stark antibolschewistisch, weil sie mit ihrem praktischen Verstände besser als alle anderen Volkseiemente die Unsinnig- , 'keit und die Schädlichkeit des. Bolschewismus erkennen und durchschauen. Diese Tatsache wird leider allerdings diese unglücklichen Massen in der Zukunft vor antisemitischen Exzessen nicht schützen." ..! Die : Massen werden voni dunklen■'. Instinkten beherrscht; ihnen genügt auch das trügerische Schlagwort. Rechtlich denkende mteUektueUe; sollten vermeiden, mit dem Schuldigen auch Unschuldige zu verdammen.' : ,.. Mit Hochächtung : Allgemeine Hilfskommission für Palästina,; Dr. M. Grunwäld.' Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Eine Hochflut des Antisemitismus geht über die Welt und wir Juden werden gut daran tun, uns auf schlimme Zeiten vorzubereiten, uns zusammenzuschließen und unsere Organisationen so stark als möglich zu . machen. Die Antisemiten glauben, daß jetzt schon „der andere Wind weht", daß; für sie die Zeit der Frechheit und der alten Vorherrschaft wieder zurückgekommen ist. Von Ungarn geht die schmutzige Welle aus;, in der wieder die Freiheit und Gleichheit, die Wertung des1 Menschen nach seinen Fähigkeiten zu ertrinken scheinen. Die S ehre ckenss'zenen, die sich dort : abspielen, sind erschütternd. Man iaxuSi zugeben, daß in Ungarn einzelne Juden gesündigt haben. Wir haben immer davor gewarnt, daß sich Juden in irgendeiner politischen Partei, geschweige denn in einer Ümsturzpartei an die Spitze stellen. Der* Antisemitismus ist ein ewig glimmendes Feuer, das durch jede Bewegung der Juden von neuem . angefacht wird. Wir haben immer davor gewarnt, daß sich1 Juden auch aus den idealsten Motiven am Kommunismus und Bolschewismus beteiligen,-''ebenso wie 'w^^uas''mit';der* größtenSchärfe gegen^alle jene Juden wenden, welche durch ihren Besuch von Spielhöllen und verbotenen Gelagen, durch Vergehen aller Art das Gesetz herausfordern,. Wir haben an dieser Stelle schon gesagt, daß sie die Gefahr nicht gegen " sich heraufbeschwören, sondern gegen das kleine unschuldige Mädchen in der Judengasse. Demi die Masse der Juden mag noch1 so fleißig i>nd ehrlich sein, mag hoch so sehr unter dem Kommunismus wie unter der Preistreiberei leiden, so wird sie doch] .mit den Schuldigen zusammen verdammt und verfolgt. Verbrecherische Juden vergehen sich also nach zwei Seiten: gegen das Gesetz und gegen das Judentum..; " .: r' ■■" '■' :'K' : Damit soll aher durchaus nicht gesagt sein, daß die nun wieder auftauchenden antisemitischen Leute und Parteien etwa den Mut auch hur zu ihrer Existenz haben dürften. Denn sie haben größere und elendere Verbrechen begangen als jeder andere Mensch und als sie jemals vor der Gesellschaft und vor der Ge- . schichte verantworten können. Sie haben in. der gewissenlosesten Weise 'den Krieg heraufbeschworen und dadurch tausendmal mehr- Menschen getötet als der wildeste Bolschewismus. Sie haben den Kampf ohne Erbarmen gewinnsüchtig ausgenützt, ihre Feudalen sind reich geworden, ihre Agrarier haben nur den Schleichhandel bedient und Städter und Armee bis zum' Zusammenbruche hungern lassen, ßie haben in ihrer Profitgier den Krieg, als Durchhälter im Hinterland' maßlos ve^iängert/, sie haben als Besitzer der regierenden Macht den Staat auf Jahrhunderte zugrunde gerichtet. Die -Generäle, die Diplomaten, alles das edle Volk,; das5 buch'sÄUch!,; und, figürlich' unser Blut ausgesaugt hat, •: gehörten. antisemitischen Parteien an. .; V1 5