Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 35 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 455 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 35 Dr. BEÖCH'S WOCHENSCHRIFT Seite 551 des E xzieVLii.vigsmn d Unterrichts' w«sens mit Jiddiscli1 als Hanpt«präc&e. Zur Frage der S a b b a t r u h!e bemerkte Montefiore: Das schwie^ rigste Probien* bildete der Sonntagshandel — das' Recht der Juden, ihre Geschäfte am Sabbat zu schließt und am Sonntag offenzuhalten., Er hoffe, daß ach1 auch1 diese Forderung durchsetzen würde. „Eine peinliche Ueberraschung bildete das"Auft r e t e n e i n e s u n se.rer he w ä h1 r t e s' ten Freunde auf der Friedenskonferenz, der sich entschieden dagegen ausspracK, den Jude n! d e n Sonntag s h' a n d e 1 zu erlauben.";Was somit erreicht worden; da* sind Wahrung der konfessionellen Rechte auf Erhaltung eigener Schulen und WoMfahirtsinstitute. Das alles hatte aber erreicht Werden können, ohne die aufreizende Agitation? füf v^twinale Autonomie", die von vornherein aussichtslos war. . : Hätte man die ganze Kraft der Agitation und geistig gen Arbeit, die man für Erlangung nationaler Minoritätsrechte ergebnislos1 verausgabt hat,. zweckmäßiger dafür verwendet, die Sabbat feiernden Juden von der Pflicht der Sonntagsruhe zu befreien, was ungleich leichter zu erlangen war, so wäre das moralisch' und wirtschaftlich für das1 nationale Gedeihen und die Volkswohlfahrt eine segenbringende Tat gewesen von ganz unermeßlichen Folgen. Man kann ruhig behaupten, die wichtigste nationale Errungenschaft für die Ostjuden' wäre die Möglichkeit der wirtschaftlichen Betätigung5 der sabbattreuen Juden am Sonntag. Schwerer als Gerichtsdienst und öffentliche Wahlen am' Sabbat drückt es die polnischen Juden, Wenn dasf ^Verbot absoluter Sonntagsruhe auch ihnen gegenüber gilt,. wenn sie gezwungen sind, zwei Tage in deri..pochte•• - 'das!.. Geschäft zu - schließen und damit den christlichen Konkurrenten einen Vorsprung zu gewähren, der verhängnisvoll werden kann. Das konnte man im1 Namen der konfessionellen Gleichberechtigung fordern und erlangen, wenn^ man auf das nationale S chlagwbrt verzichtet hätte. Der antisemitischen Preßmeute wäre der Vorwand zu der neuen besonderen Hetzkampagne entzogen. Dieses Postulat ist ungleich bedeutsamer und fSr die IHSglichkeit jüdischer Existenzen ungleich wichtiger als alle „nationalen Belange". Indes der politische Kampf um „nationale Anerkennung" hat den Gegensatz zwischen Juden und Polen verschärft, die , Stimmung verbittert. Als Sokoloy in Paris.bei den polnischen Führern1 wegen der schrecklichem Pogrome Vorstellung erhob!, wurde .ihm nackt gesagt: „Ihr habt den Kampf haben wollen." Dadurch' "hatte man versäumt, das Erreichbare in Sicherheit zu, bringen. . Die Errungenschaften, daß es nun möglich' ist, Schulen mit „Jiddisch" als Unterrichtssprache zu eröffnen, vermögen wir, offen gesagt, nicht sehr hoch einzuschätzen. Tatsache ist, daß.in bereits bestehenden jüdischen, von Privaten erhaltenen Mittelschulen im' Königreich Polen, unter der Leitung nationaljüdiseher,. zionistischer Gymnasialdirektoren, das Polnische und in einigen wenigen Gegenständen auch das Hebräische als1 -Unterrichtssprache zur Verwendung gelangen. Jüdische Familienväter, die Schulgeldbezahlen, lassen ihre Kinder keine Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache. besuchen. Nicht jeder: nationalen Minorität gereichten Minoritätsrechte zum Gedeihen, nicht jede Minorität nationaler Natur kann diese Last ertragen. Das1 hat Doktor Zollschan in seinem! Buche klar genug gezeigt und das nahen jüdisch« Politiker in frühereii Epoche* Scharf erkannt. Daß das Judentum in Wahrheit nationaler Natur ist, War auch! früher unbestritten. In , Oesterreich galten die Juden seit je als» eine besondere Nationalität ■> - In den Lehrbüchern der Statistik, welche bisr in den Anfang der Siehzigerjahre, also nach dem Inslebentreten der Dezemberverfassung vom Jahr» 1867, an österr. MttelsAulen m Geltung und Gebrauch standen, so in Neuhaußjers1 großem und kleinen Lehrbuch1 der österreichischen: Statistik, waren die Juden als Nationalität und die israelitische Religiönsgenos- Senschaft als Konfession ausgewiesen. Haben alsto staatlich genehmigte Lehrbücher, in welchen der Jugend die Elemente der staatsrechtlichen Grundlagen der Monarchie beigebracht werden sollten, die Juden als Volk bezeichnet, so hat sie auch der Staat als solches anerkannt. Nur aus diesem Gesichtswinkel ist auch' der Bestand der poKtiSchen Judengemeinden in Böhmen und Mähren, deren Auflösung nach dem Inkrafttreten des Gesetzes* vom Jahre 1890 über die äußferen Rechtsverhältnisse der Israelitischen Religionsgenossenschaft nicht erfolgt War, zu erklären. Und selbständige politische Gemeinden waren mit den selbständigen Religionsgemeinden nicht identisch! Bestanden doch auch' diesen politischen Judengemeinden besondere israelitische Kultusgemeindevertretungen.. Aber auch eine hochbffizrelle staatliche Kundgebung neuesten Datums fuhrt die „Israeliten" als ethnische Sonderheit auf. Die statistische Uebersicht der mittellosen Kriegsflüchtlinge nach dem Stande vom 1. Juni 1917, welche vom Ministerium des Innern herausgegeben wurde und nach, Kronländern und Nationalitäten geordnet ist, führt die unterstützten Krieersflüchtlmge der Nationalität nach1 in folgender Reihenfolge auf: Deutsch«*, Polen, Ruthenen, Rumänen, Italiener, Slowenen, Kmaten , Israeliten, Zigeuner, sonstige. Würde nun die Regierung die Juden lediglich als Konfession un<I die aus Galizien als Polen ansehen, so wäre eine besondere Anführung der Israeliten höchst überflüssig» da eine Bezeichnung nach dem Glaubensbekenntnis der Flüchtlinge nicht vorkommt- Allein diese gesetzliche Anerkennung wurde ah£ besonders Wichtig nie gewertet und Zollschan zeichnet scharf genug die odiose Natur solcher Minoritätsrechte. Und er hat gewiß nicht unrecht. Es genügt, an die Geschichte des Nationalitätenkampfes im ehemaligen Oesterreich "Während des letzten Menschenalters zu erinnern, um! das zu begreifen. Die Tschechen haben die Deutschen, die Ruthenen die Polen, die Slowenen haben die Italiener auS zahlreichen Ortschaften: .„hinausgegrault", nicht durch Pogrome, sondern durch den systematischen Boykott. „Hinaus mit den Frem'dnationalen!" war das Losungswort. Metzeleien; sind nur selten vorgekommen, aber man kaufte nicht beim fremdnationalen Händler, Krämer Handwerker und Gewerbetreibenden, untergrub sein* wirtschaftliche Existenz, so daß er wegzog, in Massen auswanderte. Dabei war doch der Fremdnationale immerhin ein Glaubensgenosse, mit dem man durcfi die Bande der gemeinsamen Religion, in tausend ITallens sogar durch Blutsverwandtschaft verknüpft war. Wäre aber ein Irrtum, daß ein internationales Gesetß gegen den Boykott die Juden Schützen könnte; Auch int alten Oesterreich war der Boykott; unter schwerer Strafe verboten, aber er wurde trotzdem! unerMtterlichi durchgeführt, indem zum Beispiel die Tschechen nicht die Parole ausgaben: „Kauft nicht bei Deutschent", aoa-