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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-29 · 34 (29.8.1919) · p. Seite 441

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
34 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
Seite 441 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Dr. BLOCH'S W6CHENSCHRIFT Seit» 53? allzu starte BMeiuguiag judischer Studenten, gar wenn - sie auf unrechtmäßige Weise zustande gekommen wäre., energisch1 zurückgewiesen. Aber wie immer, hatten auch1 diesmal die antisemitischen Lügen "kurze Beine. Das Komitee der Hochschiiler, dem1 alle politischen Parteien und auch die katholischen Antisemiten angehören, stellte sofort fest, daß von einer unrechtmäßigen Beteiligung oder der Teilnahme von Geschäftsreisenden keine Rede sein könne. Daß es auch! nicht richtig sei, daß man das Paßvisum für die Studenten zurückgezogen habe, von denen (über 200 im Laufe der nächsten acht Tage abreisen werden. Das schönste Dementi aber kam zum Schluß durch die schweizerische Gesandtschaft seihst. Diese erklärte nämlich gegenüber den Zeitungsnachrichten aus eigenem Antrieb und in der schärfsten Form, daß sie der Aktion nach wie vor mit den besten Sympathien gegenüberstehe und sie in jeder Weise unterstützen wolle. Von einer Entziehung der Paßyisa sei also keine Rede^ Die Gesandtschaft-'-hätte das sicherlich! nicht getan und hätte mindestens! geschwiegen, wenn die Hälfte der Beschuldigungen richtig wären, welche in der „Reichspost" gestanden sind. Wozu also die ganze antisemitische Kampagne, der doch' die Entdeckung auf dem Fuße folgen mußte? Man (wollte .eben versuchen, in der Schweiz und hei der Gesandtschaft selbst Mißtrauen zu sjäen und dadurch1 die ganze Aktion unmöglich zu machen.; Wäre das gelungen, so hätte man unter der Wiener Studentenschaft einen tosenden Lärm mit der1 Anschuldigung erhoben, daß die Juden die Erholung def Wiener Akademiker in 'der Schweiz immöglich! gemacht hätten. Aber bei der redlichen und menschlichen-Gesinnung der Schweizer l^tte'^e5»r.'iversiacfe. fcnit "seiner" giftigen' Absicht kein Gluck : und das' antisemitische Sturmlaufen aus dem Hinterhalt war wieder einmal vergebens. ' ■ * , * * Das Wort „Pogrom" wird jetzt von den Ohxistlich'sozialein in der Oeffentlichkeit so oft gebraucht, .daß man fast Jstutzig werden könnte. So ist es wieder ' einmal bei einer Debatte in der Bezirksvertretung Ottakring gefallen, wo zwei Christlichsoziale, statt wegen der Kriegs'sünden ihrer eigenen Partei zu verstummen und sich zu verkriechen, sich Wieder einmal mit den galizisoh'en Flüchtlingen beschäftigten. Ein Bezirksrat Hof er beantragte,- die Flüchtlinge aus? dem Osten, die nicht abgeschoben werden können, in Baracken unterzubringen, damit die "dadurch freigewordenen Wohnungen für die Heimkehrer vorbehlalten blieben. Bezirksrat Gollinger meinte, die Landesregierung weise die Fremden aus, aber nacheinigen Tagen kehren diese wieder zurück und leben hier ruhig "We^er; Hieran sind hauptsächlich die Gemeinden an der Sftdhahh schuld, die sich um die Gesetze nicht kümmern. Sie erMicken in den Flüchtlingen ein kaufkriäftiges Publikum, dessen Anwesenheit ihnen nur von Vorteil sei. Traurig ist es nur, daß jeder Bürgermeister und Ortsvorsteher heute mächt, was er will. Der Bezirksrat meinte also, wenn wir ihn recht verstehen, daß seine Parteigenossen auf dem flachen Lande ihre Gesinnung und in Wählerversammlungen geäußerte Ueherzeugung recht gern auch zugunsten der Juden veräußern, wenn sie dafür. gehörig bezahlt werden. Das wäre nun eine bekannte, christh'chsbziale Eigenschaft, „erst das Geschäft, dann das Vergnügen des Antisemitismus". Aber wenn man von d^esei^ die angegriffe- Ben Gemeindeai an der Südhahn gescheiter als die gewissen Sumper mit der Parole: „Juden' hinaus»!" An der Südbahin versteht man den volkswirtschaÄlichen Wert einer starken Zuwanderung von Menschen, den Bezirksrat Hofer nicht hegreifen kann. Noch! radikaler ist sein christlichsozialer Kollege, der- Bezirksrat Schafranek, dessen Vorfahret es wahrscheinlich auch nicht gern gesehen hätten, wenn man gegen die Einwanderer in Wien scharf vorgegangen wäre. Schafranek sägte, die polnische Regierung habe wegen der Ausweisung der Galizianer interveniert, worauf diese vorläufig eingestellt wurde. Als zu Kriegsbeginn die Flüchtlinge herkamen, wurden sie sehr bedauert; doch haben sie sich derart benommen, daß es geradezu aufreizend ist. Unter der Bevölkerung herrscht eine ä r g e E r h i 11 e - ruing gegen die galizischlen Juden, und ea muß offen gesagt werden, daß eines Tages bei uns auch Pogrome stattfinden können. Unter der Arbeiterschaft herrscht bereits1 große Erregung, welche sich' namentlich gegen die jüdischen Prasser in den Spielhöllen richte. Was. nun die Spielhöllen anbetrifft; haben wir schon öfter erklärt und wiederholen es nun, daß wir sie samt ihrem Publikum aller Konfessionen dem Herrn Schafranek gern preisgeben. Was jedoch die Pogrome anbetrifft, so muß sich dieser gemütvolle Herr mit den deutlichen Aufforderungen in Seiner Rede noch: ein bißchen gedulden. Denn wenn man tatsächlich gegen alle losgehen will, welche sich ^während des Krieges aufreizend benommen haben, so kommen die gahzischen Juden durchaus nicht in die erste Reihe. Man denke zum Beispiel an die großen Armeen der Greisler, der .Grünzeughändler, der. Gastwirte, der Fragner, der LohinfiihTwerker, der Agrarier, der Feudalen, gewisser Politiker, die zum Durchhalten aufforderten, Gemeinderäte, die Sauerkraut in Lastzügen aufkauften und andere Christlichsoziale. Dann können die gahzischen Juden darankommen,. wenn es dem Herrn Schafranek durchaus darum' zu tun ist. Er soll aber für .ftiesem Fall achtgeben, daß das. Feuer nicht weiter greift, als von antisemitischer Seite beabsichtig*; ist. Denn wenn der aufgehetzte Pöbel die Judeogaroe überschreitet und auch nichtjüdische Kreise in Bedrängnis bringt, werden sich doch die christlichsozialen Blätter und Bezirksräte mit Recht über diesen unerhörten Terror beklagen. * * * Auch in jpeutschland draußen wird jetzt eine unerhörte Judenhetze betrieben, die u. a. zu der bedauerhchen Szene geführt hat, daß tätlich angegriffene Juden von .der Berliner Stadtwachenichjt in Schutz genommen 'wurden. Daß eine Judenhetze in Deutschland überhaupt Erfolg haben konnte, ist eine geradezu wunderliche Tatsache. Denn die jüdische Bevölkerung Deutschlands beträgt überhaupt nur ein Prozent. Dieser verschwindende Bruchteil soll an dem Unglück aller anderen schuld sein? Wie sich die Juden im Feld benommen haben, geht wohl daraus hervor, daß man ihnenden jahrzehntelang verweigerten Grad eines Reserveoffiziers; verleihen mußte. Hingegen ist als Kriegsschuldiger, Kriegsverlängerer und KriegswücheTer niemand so kompromittiert weiden^ wie die alldeutschLkonservative Agrarpartei. Gerade diese, zum* Teil vor das 'Gericht gehörende, Leute betreiben eine ungeheuer starke Judenhetze und dies zum großen Teil unter den Truppen, deren Führung zum großen Teil noch immer ihre Gesinnungsgenossen haben. Nun hiat diese Partei aber doch in einer gewissen Beziehung' Pech. Denn einer ihrer Agitatoren nach

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