Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 33 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 526 Dr. BLOGH'S. WOCHENSCHRIFT *Kr. 38 oder Mohammedanern, verschieden dargestellt und in iiia^^faltigsten Formen personifiziert wird, bleibt er doch' als1 persönliches Weltwesen immer ein reiner Glaubensartikel. „Beweise für das Dasein dieses Gottes sind nirgends' zu finden., das hat am / schärfsten Kant selbst gezeigt, obgleich! er meint, daß die praktische Vernunft den Glauben an seine Existenz fordere . . . Was1 angebliche „Offenbarungen" uns1 darüber lehren sollen, gehört ebenso in das Phantasiegebiet der Dichtung, wie die Wunder, die den frommen Glauben stärken sollen." Der fromme Glaube, d. i. die naive Leichtgläubigkeit! f,,Lebenswunder", Volksausgabe S. 198.) — Das alles klingt prosaisch; trocken und oberflächlich. Man sieht, mit diem schVeren Pack der Theologie hat sich" Häckel nicht beladen. Mit der Chemie und Zoologie allein kommt iman aber zum1 Gottesbegriffe nicht. Schleiermacher, gewiß kein Gottesgläubiger gewöhnlicher Art, iein „Leichtgläubiger" hat sein ReUgionssystem: „In allem EndKeben das[ Unendliche zu erblicken", nach dem' Spinozistischen Grundsätze: „alles* Endliche sei im! Unendlichen enthalten" (Spinozas1 „Ethik" Leh'r- %dtz 28) aufgebaut. Der Mensch], der in sich' sowohl daW Endhche, als' auch' das Unendliche vereinigt, muß durch! „Selbstanschauung" das1 Unendliche in sich' erkennen. Dann hat er Gott gefunden und die religiöse Höhe erreicht. Durch! Selbstbeobachtung gewinnt er die. Vereinigung des1 Endlichen mit dem Universum!. (Schleiermächer: Uefoer die1 Religion, zweite Rede.) Es' ist nun merkwürdig, wie wir . diese "Gedanken, die gewiß nicht die von Mystjfkera sind, Spinoza und Schleiermächer gehören sicherlich nicht zu ihnen, bei einer jüdischen Sekte, der Chässidinr, 'deren Hauptvertreter Rabbiner Nach'- Bman aus' Brazlaw*) ist, wiederfinden. .Das1 Suchen Bund die Beobachtung Gottes1 in jedem' einzeihen Dinge, (in Hern ganzen Weltall, - das ist "die höchste Religion. '_' jDiese Religion heruht auf keiner Dogmätik, auch'nicht ~ auf dualistischer Metaphysik und traditionellem' Aberglauben. Auf Grund von Forschung und profanem JWissen gelangt man allerdings5 zu diesem Gottesbegriffe nicht. Es1 ist auch' nicht richtig, Was'Häckel von der „vergleichenden Religionswissehs'chaft" sagt, die er äl'sf wichtiges1 Gebiet "der „theoretischen Theologie" gelten läßt'. Richtig ist zwar, daß sie die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Religion untersucht, und zwar auf den Grundlagen der mödemen Anm>öpologie, Ethnologie,'Psychologie und Gesehichte. Ob' aber die Ergebnisse dieser Forschungen durchr die. monistische Theologie zum Pantheismus im' Sinne Spinozas' und Goethes fuhren („Deus sive -natura"), das' ist mehr als* fraglich', ich' denke, die „vergleichende Religionswissenschaft" verfolgt ganz andere Zwecke, und einer von ihnen, der Hauptzweck, ist, zu zeigen, wie sich? der religiöse Gedanke bei den verschiedensten Völkern entwickelt hat und wie der Urgrund alles' dessen, was1 man Religion nennt, IM den:mannigfachsten Nationen derselbe ist; will man dies' Monismus nennen, feb ist ja sicherlich' dagegen nichts . einzuwenden. Mit' dem' „anthropomorphen" Gotte komme man uns' Juden nicht. Schon Msehina und Talmud sagen: Die Thbra spricht, wie die die Menschen -sprechen. Dem ^persönlichen Gotte" Häckels' stellen wir entgegen das Wesen, das sich durch' den Verstand allein nicht erkennen läßt, das Wesen voll Erhabenheit, Gerechtigkeit und Liebe, wie *es' unsere Propheten verkündet "haben. (Cornill, .jDer israelitische Prophetismüs";) *) Vgl. über-diesen das Budh! von S. A. Horodezky, Berlin, 1910. . ■ ' „Wer darf ihn, nennen? Und wer bekennen: Ichr glauh' ihn. , Wer empfinden, Und sich1 unterwinden , Zu sagen: ich' gfauh' ihn nicht?" f; ' ' (Faust.). Wir können im Religionsünterichte darauf hinweisen, daß wir Juden einen starren Dogmatismus überhaupt nicht besitzen. Ich verstehe dies nicht im! Sinne Mendelssohns, der da lehrte, daß das* Judentum' eine Religion der praktischen Betätigung sei und nicht auf Glaubensdogmen beruhe; das' Judentum ist auch' nicht, im Sinne der Chassidi'm, eine Glaub'enslreligiön allein, „ohne jede . Klügelei", uns" ist es1 eine Sache des' Herzeiis, des Gefühls', in ihr findet man neben dem geistigen, auch' das materielle Glück, d. hr. der von Sorgen Bedrückte, der Zusammenbrechende findet in ihr Trost und Erqüickung .*) Das' mag ein „Welträtsel" sein oder .ein Lebenswunder". „Nenn' es' dann, wie du willst, . Nenn's" Glück! Herz! Liebe! Gott! s Ich' habe keinen Namen; Dafür! Gefühl ist alles*; : .': '' Name ist Schall und Rauch', . Umnebelnd Himmefsglüt." .' " . •'.\;\ (Faust.): Darauf möge im Religionsunterricht hingewiesen werden, daß alle. Wissenschaft, xmd wenn sie auch noch! so giraidHch1 ist, ujid noch so vornehm' tut, immer _ die Pforte offen läßt \ für ungeiö ste Fragen, Und wir können . freimütig bekennen,. wie unsere großen G'eister: gerungen und gekämpft haben, gleich' dem1 Stammvater Jakob; - um' die „Weltratsel" zu" * W's^f Was ihnen," heißen, sie nun Saädja, nides, Gersoni.des' oderCjeskäs, ebensowenig gelungen ist'\r-!m&731äckel. Hätte sich! dieser, igleidhiSpinoza, mit ihnen Ibes'chaftigt," hätte er Einsicht genommen in die Werke unserer Kabbalisten, er hatte merkwürdige Analogien gefunden mit seinen eigenen Gedanken. Freiheit, d. h'. Willensfreiheit, Unsterblichkeit, es sind Fragen, die, wie der Gottesbegriff, .seit den Tagen' 'der Propheten, Philos', der Tanaim' und unserer inittelalterhchen Phiiosbph'en unsere Denker neschäftigten. Diese Gedanken haben mit starrem1 Dogmatismus1 und Schblastiris'mus nichts zu tun. Häckel hat die Frage der Freiheit des' menschlichen Willens ebensowenig gelöst, wie Aristoteles', Maimonides, Creskas, Spinoza oder Schopenhauer. Kants „kategorischer Imperativ", das1 Sittengesetz in uns, die Forderung der praktischen' Vernunft, die von Häckel verneint wird, der „Deus1 in no'bis", er ist es, der dasl Pflichtgefühl in uns1 erzeugt und alles Große und Edle im Menschen tum hervorbringt. Das* ist unsere „monistische Ethik". Diese läßt. sich1. allerdings1 auf die Naturgesetze der Biologie nicht zurückführen. Sie findet keinen' „Ersfatz" in der „physiologischen Ethik". Und wir Juden müssen auch nicht auf Piaton und Aristoteles zurückgreifen, seien nun ihre Prinzipien dualistisch' oder nicht. Unsere „monistische EtMk'V unsere alleinige Sittenlehre kündet: „Heilig sollt Ihr sein', denn heilig bin ich, der Herr,' Euer Gott." - Häckels Leistungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft sind anerkannt bahnbrechende. Mit diesen h'ätte er sich1 begnügen sollen. Aber .es' gibt Wunder, wenn auch' nicht jm landläufigen Sinne *) Horodezky ./Et, Nahnian von Brazlau", S. -~ 41, 42.