Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 33 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022381--27898-3053341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 524 Dr. wL®m% wQ(m&mm&wv Nr. 33 vorurteilslose „Närodni Listy" in dieser Beziehung geschrieben haben? „Mit den gefangenen Ukrainern verfährt iman in Krakau schlimmer als mit Vi eh'. . y.' Aus' Hunger suchen sie Sich: auf den Gassen die Abfälle auf . . . , weil die Polen die Brotstücke absichtlich' in den Kot "werfen; kein Wunder, daß die Ukrainer unter diesen Umständen wie Fliegen hinsterben. Für die Erkrankten sorgt niemand und feie gehen rettungslos zugrunde." Diese Zitate sind €er erwähnten Prager tschechischen Zeitung entnommen, ohne daß! eine Widerlegung dieser Tatsachen pölnis'cherseits erfolgt wäre. Die begangenen Greueltaten der polnischen Soldaten an ganzen Ortschaften, die sie total ausge: plündert, zerstört und eingeäschert haben, Wobei auch zahlreiche Menschenleben zu beklagen waren, qualifizieren sich' als gemeiner Ans'c'h'lag auf un- &ch'ü 1 d i g e V o 1 k sm assen, denen nichts zur Last gelegt und nichts zugemutet werden kann, nicht einmal poiitis'cher Instinkt/ da es' sich größtenteils1 um Landbewohner handelt, die an der Scholle und ihrem Pflug Heben und mit Politik nichts1 zu tun haben. Daß diese echt herostratische polnische Tat über Befehl des kommandierenden Generals der polnischen Entsatzungstrupperi erfolgte, beweist . nur, wie tief fler Haß der Polen gegen die Ukrainer wurzelt und daß sie bestrebt sind, dieses gedemütigte Volk mit Stumpf und Stiel aus'zurotten. Es würde izu weit führen, wollten wir uns heute auch' darüber auslassen, wie die Polen das ukrainische - Volksvermogen und ihre ganze Kultur zu vernichten trachten, um jede Spur ihrer Existenz zu verwis'chen, aber soviel sei noch gesagt, daß sich die Herren Schlachzizen gewältig irren, wenn . fe'ie _ glauben, ein ganzes1 Volk durch Anwendung von Gewalt niederringen zu können. Auch' die polnischen Bajonette werden schließlich' versagen ... Derweil die Polen unermüdlich in der - Verfolgung der Ukrainer sind, sollte man meinen, daß sie zeitweilig wenigstens' die Juden in Ruhe lassen.. Doch nein. Das' wäre von ihnen zu viel verlangt. Neue Pogrome werden in Polen bekanntlich seit neuester Zeit standrechtlich behandelt, aber da müßten die Pogromisten Juden und keine Polen sein. Deshalh geht esi in Kongreßgölen und Galizien iiach wie vor schändlich' zu gegen Juden und Ukrainer. Doch' Paris schweigt dazu und der Fünf errat faßt neue Beschlüsse zugunsten der polnischen Schlachta (sprich! Schlächter). 0, Zeiten, o, Sitten! ■ . Ifoliin der Antisemitismus fahrt» Das Königreich Sachsen w'ar das klassische Landchen des Antisemitismus'. Der einzige deutsche Staat mit einem Schächtverbbt. Die Minister Sachsens1 bekannten sich offen zum', antisemitischen Programm. Nuin erlebt man^ als' Resultat emsiger antisemitischer Kulturarbeit, daß gerade in Sachsen eine kirchenfeiadliche Richtung die Staatsleitung beherrscht und eine Trennung desf Staates von der Kirche hier auf radikalstem -Wege praktisch eingeleitet wird. Früher die Hochburg des' orthodoxen Luthertums, hat der Freistaat Sachsen gegenwärtig eine rein sozialistische Regierung (Mehrheitss'ozialisten) und ebenso im Parlament, in der ^Volkskammer"; eine absolute Mehrheit von Anhängern der alten sowie der unabhängigen Sozialdemokratie. Wenn sich daran nächstens etwas ändern sollte, dann höchstens in einem weiteren Ruck nach links1. Die beiden sozialistischen Parteien stehen in wirtschaftlichen Dingen in scharfem Gegensatz zueinander, nur im kulturpolitischen Programm sind sie. sich' In den Hauptpunkten einig; So erklärt es sich1, (daß) die' Volkskammermeh'rh'eit, einfachen psychologischen Gesetzen folgend, sich' nach der Richtung des! geringsten Widerstandes1 hin, also vorzugsweise auf schul- und kirchenpolitis'chem Ge-" biet betätig!. - Da die bürgerliche Minderheit des' Sachsenparlaments1 den radikalen Reformen hartnäckig Opposition geleistet hat und solche auch jetzt im ganzen Lande zu entfachen sucht, spricht man. in Sachsen heutzutage allgemein von einem „Kulturkampf", stellt also die jetzigen Vorgänge. im sächsischen Freistaat mit dem einstigen Vorstoß Bismarcks, gegen den katholischen Klerus* in Parallele. Dieser Vergleich ist gar nicht von der Hand-zu weisen, wenn man die beiden Gesetze betrachtet, die jetzt der Parlamentswille als» Erisapfel ins sächsische Volk geschleudert hat. . Die s'chärfste Kampferklärung gegen den überkommenen. Zustand enthält das neue Kirehenaustrittsgesetz. Darin ist die Wesentlichste Bedingung, daß von jetzt an jedermann nach Vollendung des! vierzehnten Lebensjahres berechtigt ist, in einfachster Form; bloß durch mündliche Anzeige beim Standes'- amt, den Austritt aus der Kirche zu erklären und hierdurch' den Dis'sidentenschein und die Kirchen - Steuerfreiheit zu erlangen. Der Austretende braucht sich nicht bei der Kirchengemeinde abzumelden. Bezeichnend für den Radikalismus der neuesten sächsischen Gesetzgebung ist die Festsetzung der releriös!eh Reife, auf das' vierzehnte Lebensjahr. Leider war hier das alte Oesterreich Vorbild, . Zu diesem schroffen Kirchengesetz gesellt sich ein nicht minder radikales Schulgesetz,- 'das „Uebergangs'gesetz für das Volksschulwesen".. Neben anderen einschneidenden Reformen enthält "dieses den grundlegenden Satz: ,Religionsunterricht wird in der. allgemeinen Volksschule nicht mehr erteilt." Um den konfessionellen: Volksschulen auch nicht den geringsten Ausweg mehr zu lassen, enthält es ferner, ein Verbot der Gründung neuer Privats'chulen. Da das'. Gesetz erst am! 1". April 1920 in Kraft treten soll, wurde eine Vorschrift angefügt, wonach1 bereits' jetzt auf 'die Lehrer und Kinder ein Zwang auf Erteilung von Religionsunterricht, beziehungsweise Teilnahme an solchen nicht ausgeübt Werden darf; auch' die kirchliche Aufsicht hat zu unterbleiben. Bei diesem Gesetz war gleichfalls^ die Kammermehrheit über den' gemäßigten Vorschlag ihrer eigenen Regierungsknitglieder "weit hinausgegangen, die"rnur beantragt, hätten, den Religionsunterricht in der bisherigen'Form' bis* zur Regelung in der Reichsverfassung beizubehalten. Wird, nun von der Nationalversammlung reichTsgesetzlich die Aumahrne des' Regionsunterrichtes' in die Reihe der Zwangsfächer der 'deutschen Volksschule verfügt, so steht ein sehr interessanter Verfassungskonflikt zwischen Sachsen und dem1 Reiche "bevor. Einstweilen aber wird in nächster Zeit der sächsische Religionsunterricht zu einer kümmerlichen PrivatveTan'staltung der Kirche degradiert sein, Die Stimmung der protestantischen Kreise .ist daher begreiflicherweise sehr gedrückt. Daß auch die jüdischen Gemeinden dabei stark in Mitleidenschaft geraten, ist wohlunvermeidlich. Mit Recht schreibt J. Addier, in dem Hamburger „Israelitis'chen Familien - Blatt" zu dieser Frage: Wenn auch hei uns1 Juden die Entfremdung von der Rehgion hfei weitem nicht den Grad erreicht, hat, wie bei einem Teil unserer nich'tjüdis'chen Mit-