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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-22 · 33 (22.8.1919) · p. Seite 424

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
33 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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Seite 620 Dr. BLOGH'S. WOCHENSCHRIFT Nr. 33 nämlich! mit großer Schärfe gegen die östlichen Juden. Nun dürfte Wohl der sozialdemokratischen Partei bekannt feein, daßi das Ostjudentum zum größten Teil aus1 drem ärmsten Proletariat der Welt besteht. Es ist ihr ferner bekannt,, daß! die Ostjuden in ihrer Maske zu den bedauernswertesten Kriegsopfern gehören, daß sie zum; größten Teil in Internierungslagem waren und daß sie von hier zum' größten Teil in ihr sogenanntes Vaterland zurückgekehrt sind, wö sie von zerschossenen und1 ausgeplünderten Wohhßtätten, Mangel an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, dem Krieg gegen die U&ainer und furchtbaren Pogromen erwartet wurden, gegen die jetzt erst, nachdem Tode von Tausenden das Standrecht erklärt wurde,. Es1 ist wohl richtig, daß in1 Wien vereinzelte galizische EljOiChtlinge zu Reichtum! gekommen sind, daß es unter ihnen Leute gibt, welche; sich gegen die Gesetze vergangen haben. Diese 'interessieren uns nicht, wie wir schon sehr oft betont haben und man möge mit ihnen nach ihren Taten verfahren. Wie kommen aber die vielen unschuldigen, hart arbeitenden Juden dazu, die Verbrechen einzejlher Menschen oder Gruppen, welche sie gar nicht kennen, welche sie niemals gesehen haben, deren Opfer sie vielleicht selbst sind, auch noch auf ihrem von der Last alles Uebels gebeugtem Rücken zu tragen? Nehmen wir einmal an, daß die Juden in der Bevölkerung die Mehrheit hätten. Dürften sie die Verbrechen und Vergehen einzelner Christen allen anderen Christen anrechnen? In Rom hat man das getan, in London wurden ebenso einmal alle Katholiken verfolgt und die katholische Kirche bezeichnet diese Jahte als Märtyrerzeiten, in denen unschuldige Menschen leiden mußten. Was sie nun für die« Kinder ihres' Glaubens beklagt, das hält man den Juden gegenüber für erlaubt und diese Erlaubnis ist eigentlich1 der Hauptinhalt des christlichspzialen Programms^ Will nun die sozialdemokratische Partei diese mittelalterliche, demagogische Mejthöde nachmachen und die gleiche Ungerechtigkeit begehen? Von Zeit zu Zeit hält man es' in der „Arbeiter)-. Zeitung" für nötig, - mit' antisemitischen Mäzenen . die chtisitich'soziale Behauptung von den vielen Juden in der Leitung der sozialdemokratischen Partei abzuschwächen. Aber es ist wahrhaftig traurig, Wenn man der Gefolgschaft des modernen Programms nicht den Sinn für Gerechtigkeit, für die Wertung. des! einzelnen Menstehen nach Verdienst oder Verbrechen beibringen kann, s'ondern den Instinkten des Pöbels hie und da einen Brocken hinwirft. Es! ist bedauernswert, wenn Karl Leuthner nichts' besseres1 zu schreiben weiß, als folgendes : . „Ist der Osten nicht unter uns selbst leibhaftig aufgestanden,, seitdem der Krieg die Welt unserer westlichen Gesittung verwüstet und den Menschen dieser Gesittung das Herz verkehrt hat? >,Die Wüste Wächst, weh' -dem, der Wüsten; birgt." Um uns herum ist es russische Steppe geworden, Steppe eingeebneter Kultur, in' unseren ehrwürdigen Kultur- . und Arbeitsstädten wimmelt und wuselt die untätige ' Geschäftigkeit von Warschau und Berdiczew, Und esl sind nicht nur die Gäste aus' dem Osten, die ihr l altehrwürdiges' Handwerk in modernen ScMeichhandfeK umgemodelt haben. Zu ihnen gesellen sich gelehrige Schüler, alles, was im Lungerleben des Krieges1 die Arbeit hat meiden lernen. Ein neues1 Lebensideal steigt auf, nicht öffentlich1 anerkannt, desto eifriger befolgt: zu leben ohne prodüktivtätig zu sein, zu leben, indem man eine Ware, wo immer erzeugt, zins|- nehmend von Hand zu Hand schiebt. Und diesem Orund- und Haupttypusi des* östlichen'Lebens schließen sich notwendig die abgeleiteten Typen und Gestalten an." "; ' Karl Leuthner mag an den Werkstatten des 2. und 3. Bezirkes1 vorbeiwandern, wo zählreiche Juden aus! dem Osten arbeiten; er mag die Asyle unserer Kriegswais'eri besuchen; er mag überall hingehen, wo Beschäftigung angesucht und geboten wird "und er wird andere Leute sehen, als die Zinshehmerj die der jüdischen Masse, : dem1 jüdischen Religions*- geSetze so zuwider sind: wie alle anderen Menschen, Karl Leuthoier wird die Wahrheit sehen und1 diese mag er dann sagen, statt gegen verfolgte und unschuldige Menschen dem antisemitischen Pöbel hetzen zu helfen. r \ - "■ ' * * * Bekanntlich ist jetzt das Ausweisen der Freunden große Mode. Soweit es sich um1 dringende Notwendigkeiten handelt, kann und will niemand, protestieren. Aber äußerste Sörgfalt und Rücksicht sind besonders für Wien ein unbedingtes Gebot- Denn ein Bezirk," der sich schließlich von seinen Erzeugnissen seibist erhalten kann, darf sich abschließen, aber" Wien lebt vom: Fremdenverkehr, vom Geschäftsleben, vom guten Ruf im Ausland; Wien muß eher Mens'chen anlocken als abstoßen und an Seine Zukunft denken. Trotzdem hat die'antisemitische Partei sich mit Wut und Wucht auf die Fremdenhetze ge-' werfen, weil sie damit die Juden zu treffen meint. Daß sie schließlich' aber auch die eigene Bevölkerung trifft, daß noch ändere Motive in Frage kommen als) antisemitische Gefühle, geht aus! folgender Meldung hervor; Dasi Gremium der Wiener Kaufmannschaft hat . * beim Polizeipräsidium Vorstellungen gegen die Ausweisung der- Fremden aus Wien erhöben. Auch hinsichtlich der Erteilung von Einreise- und AufeiithaltsbewilHgungen für Wien wird ein weit .größeres Entgegenkommen verlangt. In" der Begründung dieser Vorstellung Wird darauf hingewiesen, daß die Wiener Detail-Kaufmannschäft nur mit Hilfe der Fremden die notwendigen Einnahmen zu erzielen vermochte,, um den Pflichten der Angestellten sowohl wie dem Staate gegenüber nachzukommen. I)urch die FretmdenausWeisungen einerseits und durch! das zu rigorose; Vorgehen bei Erteilung von Einreise- und Aufenthaltsb'ewilligungen anderseits, werden der Kaufmanh- - Schaft die? einzigen kaufkräftigen Käufer entzogen;. Diesem, den ganzen Geschäftsverkehr in Wien lähmenden Zustand, möge das Polizeipräsidium dadurch ein Ende bereiten, daß bei Erteilung von Einreiste,- nnS Aufenmältsbewilligung für Wien ein größeres Entgegenkommen an den Tag gelegt und die Ausweisung von Fremden aus! Wien auf jenes Mindestmaß beschrankt werde, welches aus staatlichen Rücksichten unbedingt notwendig ist.;; , : ■ ■ * * * -j'•'-' •/ : - ' Der frechste und dümmste Antistemitismüs aber wird in den Alpenländern bei der Bewegung gegen die Fremden getrieben. Die Juden smüßten geradezu wahnsinnig sein, wenn sie tatsächlich! das alles1 begehen würden, was man ihnen vorwirft. . Es ist ganz klar, daß man einfach einen jeden, der in die Sommerfrische kommt, einen jüdischen Kriegsgewinner nennt. Das' tatsächlich die meisten Kriegsgewihner Bauern sinsfl, daß sie es sind, welche die Preise ihrer Erzeugnisse immer weiter hinauftreiben, das; wird wohlweislich verschwiegen und die antisemitische Hetze wird maßlos weitergetriefren1. Man lese aber einmal in den alpenländisehten Blättern. nach, wer beim Schleichhandel und Preisteeiben im größten

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