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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-08 · 31 (8.8.1919) · p. Seite 398

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
31 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 398 (sequence 10)
Language
German
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Seite -494 Dr. BLOeH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 31 » "Wbzut überhaupt ein © e m e i n d e Jtempel im 2. Bezirk? Hatnicht-die Gemeindeselbst; fürsorglich! wieimmer in selbstmörderischen Maßnahmen, Konkurrenzen im Bezirke. s>o. Wie :tu .seiner F^riijh-ri« eroßge-/.üch:eL *iie e.nen solchen „Luxus" ganz überflüssig machen? Hat; sie* nicht weise alles vorgekehrt, daß möglichst viele Stellen; ein sehr,' begründetes Interesse daran haben müssen, daß der Tempel überhaupt nicht wieder gebaut werde? Hat es sich! schon so glücklich gefügt, daß der Tempelzur Büine wurde, vielleicht stürzt nächstens auch die zusammen 1 Ein, Lastenauto braucht.nur einige "Male durch die Tempelgasse 'zu. rattern. Aber eine Körperschaft ist doch eigens dazu bestellt und sollte sich! vor Gott und der "Welt heilig im Gewissenverpflichtet fühlen, dieser Tragödie ein Ende zu bereiten. Wo ist denn der Beth!ausvorstand der Leopoldsta-dt? Daß diese Herren an dem Hause, das ihrer ' Obhut anvertraut ist,\ keinen Anteil nehmen sollten, wäre doch widersinnig. Würden denn diese Kaufleute und Anwaite .es in ihrem bürgerlichen Beruf, ja: können' sie_ es mit ihren. Pflichten als Ehrenmann vereinbar, finden, irgendetwas — sei es auch! nur ein. Ehrenamt — zu, übernehmen; um es dem schimpflichsten verfall zu überantworten? Und mit diesem Tempel darf man so umspringen lassen, ohlne ein energisches Ve t o e iazul e g.e n? Bringen aber die Bethausvorsteher nicht die-Kraft und. den Mut auf, ihre gerechten Forderungen durchzusetzen, bo' wäre doch' das Geringste, was1 sie der Oßffentlichkeit schulden, daß sie solche Männer in ihre' Mitie aufnehmen, die diese Fähigkeit besitzen^ denen das: Judentum und Fragen, wie der Tempelbau, nicht Nebensächlichkeiten, nicht Bagatellen, sondern ernste Aufgaben smd. Bimweg mit diesem Jammerbild der Hilflosigkeit und OKnmacMI Zwei Jahre lang mutet man nun bereits den mit rührender Treue anhänglichen Besuchern des abgebrannten Tempels den weiten Weg zu den improvisierten Gottesdiensten im Konzerthaus am Jomtof, ja selbst am" Jomkippur zu. Fastend sollen ihn Greise und Frauen zurücklegen. An den Sabbaten dient der schön aus diesem Grunde zusehends zusammenschmelzenden Gemeinde als Unterschlupf der Türkientempel. Gewiß ein Glück, daß der Gemeindevorstand wenigstens diese Auskunft gefunden hat. Mehr Glück al» er nach! .seinem Verhalten in dieser Tempelbaufrage verdient. Aber - von der Temperatur in diesem- Steinbau, von dem Mangel an jeder Akustik für einen Eedner, davon hat sich noch! kein Vorsteher überzeugen können, weil — keiner sich! dort blicken läßt. Der Gemeinde wird alles zugemutet, > denn sie läßt sich! alles bieten. Mit einem Worte: wir wollen den Gemeinde vorstand nicht an den Pranger stellen. Das ist ivonanderer Seite ananderer'Stelle hinreichend geschehen. Nur^die Gemeinde selbst wollen wir an eine Pflichtder-Selbstachtung;: und Selbsterhaltung erinnern: Wir müssenihr immer und^immer wieder ins Gewissen." rufen: Der Tempel ist noch' 'immer Tiich't gebaut!! Vergeßt es nicht; Juden, Wiener, Leopoldstädteri Unser Ceterum censeo muß "lauten: Die fiuine des Leopoldstädter Tempels ist eine Schande für das Wiener Judentum. Sie muß; verschwinden!__ Ing. Jakob M ay e r; Die Lage der Juden im Sowjetrußland. Aeußlerungen eines Sozialrevolutionären Führers1. ''. Ein Mitarbeiter des in Rom' erscheinenden-italienischen Wochenblattes „Israel" hatte eine Unterredung mit. dem in Rom. weilenden: Führer der. russischen sozj^evolutionären Partei; Gregor S chne i - der, dem gewesenen Bürgermeister von- Petersburgüber die Lage der Juden in Rußland. Es' ist zweifellos, sagte. der Ifekannte russische Politiker und genaue Kenner der gegenwärtigen Verhältnisse seiner Heimat; daß~#chder A^ Rußland ausbreitet. Eine: systematische Lügen- und Verleumdungstätigkeit wird ins Werk, gesetzt, welche imL Osten Eiu ropas1 zu. tragischen Konsequenzen^ führen kann. Die/ Antisemitenbedienen sich meistens1 des Schlagwortes" vom' jüdischen Bolschewismus'. Dazu ist zu bemerken, daß. die Juden,, welche eine bedeutende Rolle in■ der. russischen revolutionären und demokratischen. Bewegung spielten; sich in; allen:* Lagern befinden; und infolgedessen auch unter den Bolschewiken nicht fehlen. Jedoch; sind die Juden unter den. antibolschewistischen- Strömungenviel stärker vertreten* als1inr Bolschewismus:Wiänrendder-^rsten MonatederRevolution. waren die Juden sowohl in;, den städtischen Vertretungen "als1 auch indem' Vorparlament, das mit aller' Kraft gegen den Bolschewismus ankämpfte, verhältnismäßig zahlreicher-als in den gegenwärtigen bolschewikistohen Kommissariaten. Auch', nachdem1 die Bolschewiken zur. Macht gelangt sind, stellt sich die Mehrheit der Juden gegen idie Diktatur desi Proletariats, und sie sind in großer Zahl in den demokratischen gegenbolstehewistischen Regierungen, in! den städtischen und den Semstwoorganisationen vertreten. Die-, ste Haltung ist leicht erklärlich': Vor dem Krieg und der Revolution waren die Juden, die an derrussischen Politik: teilnahmen-: revolutionäre. Sozialisten, gemäßigte: Sozialdemokraten, eher Kadetten als1 Extremisten. Und dies1 sind: sie bis heutegeblieben. Auch trifft in Anbetracht der* ökonomischen Lage der jüdischen- Massen die soziale Politik der Bolschewiken die Juden -viel 'harter als! jeden anderen Teil der Bevölkerung; Ueberdies' bringt sie das politische Chaos, der häufige Machtwech'sel> wobei gewöhnlich die Situation vom Mob ausgebeutet wird, in die ewige Gefahr von Massakers^ Welche bereits', besonders in der Ukraine, schreckhohei Dimensioneni, angenommen haben. Daß es1 eine stärkere Teilnahme der Juden am Bolschewismus geben soll, ist eine optische Täuschungdie daherstammt, daß die Judenaus' dem antibolschewistischen Lagersichzur Zeit Kerenskis sowie gegenwärtigim Hintergrund halten, während die jüdischen- Bolschewiken, dienichts1 zu riskieren haben; ohheweiters1 die sichtbarsten Posten in der gegenwärtigen Regierung einnehmen, t)ieser Umstand Wird von; der russischen Reaktion", geschickt ausgenützt, welche: an der antisemitischen;- Hetze die direkte Verantwortung trägt. Da sie weder "Wurzeln noch reale Grundlagen hat; und. wohl, weiß, daß sie sich mit; einer. Methbde des', offenen; ehrlichen Kampfes inicht behaupten kann, versucht die Reaktion, die verlorene Partie zu gewinnen,,indem sie das traditionelle Instrument der alten zaristischen Politik hervorzieht, den nationalen Haß, welcher von jenen Kreisen in immer akuterer Weise entflammt wird. Die separatistische ukrainische Bewegung, welche in den letzten Zeiten; einen reaktionären Charakter angenommen hat und nicht mehr als4 eine gesunde nationale Bewegung angesehen werden kann,, ist in eine Reihe grausamster Pogrome entartet. Ausgesprochen reaktionär, ist auch.- die Bewegung, des1 .Generals Denikin; und des Admirals i Kolts'chak.. Es beideutet Wenig, daß diese aus1 Opportunismus1 ihre Armeen, bisnun von..antijüdischen Exzessen zurückhalten. TatsiäcJhh^chlsind. die Offiziere und.zaristischen Funktionare, welche, den Kern, der sibirischen Bewegung, bilden, durchaus' vom Antisemitismus beseelt, und. die. zügellose antisemitische Propaganda, die durch Manifeste,. Flugblätter, offiziöse.' und offizielle Leitungen besorgt. wird, bildet den organischen, und hauptsäcMichsten, Teil ihrer Tätigkeit. Es,dist bezeichnend^ daß im der Armee. Denikins1 Juden den, Offiziersgrad nicht erhalten können, und in der letzten Zeit auch nicht* alsL Soldaten,.zugelassen werden. Der Sieg dieser Reaktion.,würde zweifellos1 für die Juden eine Aera der, schwersten* Verfolgungen und der schrecklichsten. Pogrome bedeuten, und ihre, gegenwärtige tragische.. Situation inveine Katastrophe verwandeln. In, den bolschewistischen. Gegenden ist der Anti- '.semitismus fast unbekannt,. und:., es; hat dort keinen Pogrom gegeben. Dies! ist der deutlichste Beweis5, daß der Ursprung des ■ wiedererweckten Judenhasses

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