Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-08 · 31 (8.8.1919) · p. Seite 396

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
31 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 396 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022353-3022379--27864-3053305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Se'.t* 492 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 31 Richtig ist allerdings, daß eine soziale Verflechtung, ein Einigungsgedanke, ein menschliches Band entdeckt werden muß, "wenn der polnische Staat mit seinen drei Millionen Juden einen Zusammenhalt haben niuB. Dieses Band kann nicht die Nationalität sein: so suche man es1 in gemeinschartiicher Arbeit. Auf sozialem Gebiet könnte eine-Lösung der Judenfrage in Polen gefunden werden, wenn erreicht würde, daß die Juden in jeden öffentlichen Dienst, die Arheiter in alle Fabriken zugelassen werden, wenn die getrennten Gewerkschaften und Arbeiterparteien sich' vereinigten. . Aber dazu müßte die (rückständige und schwache polnische sozialistische Bewegung (die einzige Kraft in Polen, welche für küe Zukunft Hoffnung gibt) mutiger, zahlreicher und ihrer Idee treuer Werden. Die sonstigen Heilmittel, besonders1 den Schutz durch den Völkerbund,, beurteilt das1 englische Blatt sehr pessimistisch: Das politische Stimmrecht werde den Juden nicht helfen. Sie sind in verschiedene Parteien geteilt und wurden oft durch geschickte Wahlkreiseinteilung um ihr Stimmrecht gebracht. Aber auch die Erziehung einer entsprechenden Mandatszahl würde ihre Lage eher verscMeohtern; wenn sie eine unter Um'ständen clen Ausstehlag gebende Partei würden, so könnte die Ausübung dieser politischen Macht leicht durch verschärfte Verfolgung beantwortet werden. Was die Minoritätstechte betrifft, so ist es allerdings klar, daßj die Juden eigene Schulen haben müßten, mit entsprechendem Anteil an den öffentlichen Geldern, beaufsichtigt von einer jüdischen Gemeinschaft auf demokratischer Basis1. Aber was wäre damit getan? Da ist eine Rasse, welche täglichen Insulten, gelegentlichen Massakers ausgesetzt ist, welche tats!ä<Mich vom' Staatsdienst ausgeschlossen, von den ffiaüptindustrien durch nackten Fanatismus ferngehalten wird und mühsam' durch Kleinhandwerk, Krämer-j und Hausierhandel das Leben fristen muß, und . wir bieten ihr als1 Lösung — jüdische Schulen. Der. Völkerbund, siagt man uns1, wird dem polnischen Staat in hezug auf die Juden gewisse Verpflichtungen auferlegen. Die Liga ist aber vorläufig nur eine große Allianz. Polen fühlt sich1 als Alliierter und wird in Paris1 als unerläßiliche Schutznlauer gegen Deutschland und Rußland betrachtet. Französische Offiziere richten die polnische Armee ab, kommandieren sie beinahe und die französische Diplomatie, #eren Tendenzen stark klerikal sind, ist-jetzt die einstige wirkliche Vertretung Europas oder der Liga in Warschau. Keine Allianz noch setzte sich zum Ziele, den Alliierten zu kontrollieren. Von einem' Alliierten verlangt man eine Armee und 'keine Tugend, und so lange der Völkerbund eine militärische Allianz gegen Deutsche und Bolschewiken bleibt, wird er nichts! für die polnischen Juden erwirken. Die Polen kennen ihre Rolle in der französischen Emkreisüngsstrategie und wissen, daß so lange sie sie erfüllen, sie die Juden und Deutschen und die anderen Minoritäten nach ih-rem Belieben behandeln können. Das1 ist eben die Folgeerscheinung des neuen Militarismus. Ein polnischer Pfarrer an Mergenthau. Der aus1 Wolhynien nach1 Warschau geflüchtete Pfarrer Felix S z n a r b a c h hat an den Senator Mergenthau, den Präsidenten der Enten tekommission, zur Prüfung der jüdischen Frage ein Memorandum gerichtet, in dem er in drastischer Weise die Schrecknisse der Bolschewikiherrsehait in Wolhynien und in der Ukraina schildert. Das Memorandum weiß entsetzliche Einzelheiten von den Morden, den Plünderungen, dem Raub und den Schändungen an der jüdifechjen Bevölkerung , in Wolhynien und in der Ukraina zu erzählen. Es! zählt eine ganze Reihe von Städten und kleineren Ortschaften auf, in denen die Bolschewiken fast die ganze jüdische Bevölkerung förmlich hinschlachteten; u. a. kam es<zu solchen Judenmetzeleien in ßlyka,. RoWno, Sökolow, Zytomierz, Radomysl, Human, Monasterzyska, Braclaw, Olgopol, Tulczyn, Chmielnik, Latyclze, MlynoW, Klewan, Dubno usw. In dem Memorandum führte der Pfarrer zahlreiche Namen der Beschädigten' und Zeugen sowohl der jüdischen wie christlichen Bevölkerung an. Die Namen der geschändeten und gemar? terten Judenmädchen will er nur dann anführen, wenn er von diesen dazu ermächtigt wird. Zum Schluß sagt der Pfarrer, daß er die Verhältnisse in Wolhynien und. der Ukraina genau kennt, Weil er dort lebt und arbeitet. Die einzige Rettung für dieses arme gepeinigte "Volk ist nur die rasche Hilfe der Entente. Das1 Memorandum.' schließt mit den Worten: Rette, du "freier Bürger Amerikas', deine Glaubensbrüder auf wolhynis'chem und ukrainischem Boden! Die Odd-Feliows gegein die JutfenWetzer. , ,,Das' Bruderwort", che Zeitschrift des Deutschen unabhängigen Ordens1 der Odd-Fellows, veröffentlicht in der Nummer vom: 14. Juli d. J. folgenden gegen die antisemitischen Treibereien gerichteten Artikel, der schon aus dem Grunde besondere Beachtung verdient, weil er vom Großf-Sire des* Ordens gezeichnet ist: Von der -Vergiftuug des deutschen Volkes. So betitelt sich! eine Flugschrift, welche gegenwärtig in ganz Deutschland verbreitet wird und sich1 an die deutr; sehen Geistlichen, Lehrer, oind s Erzieher wendet,-, um sie „aufzuklären über die eigentlichen Ursachen des jetzigen deutschen Niederganges" und sie 'zu gewinnen für' den Kampf gegen das Judentum. Es fällt :wirklich unendlich schwer, gegenüber einem sölqhen tendenziösen Machwerk ruhig und sachlich zu bleiben. Wer zeit seines Lebens Schulter an Schulter mit Juden für die höchsten und heiligsten Ideale gekämpft hat, der weiß, wieviel Edelsinn und wieviel sittliche Tüchtigkeit in unseren jüdischen Volks.-, genössen steckt, den muß. es empören, daß wieder einmal eine Hetze aufflammt,, die geeignet ist, das Volksgemüt zu vergiften und die scMimmsten Folgen herbeizuführen. Das fehlt gerade noch' zu allem Elend, daß auch in die empfänglichen Herzen unserer Jugend das Gift des Glaubenshasses geträufelt werde. Es war schon in Friedenszeiten ein merkwürdiger .Beweis von christlicher Liebe und Gesinnung, daß von - manchen Seiten dem Judentum ein Kampf auf Leben und Tod angesagt wurde. Heute ist solches Vorgehen in erhöhtem Maße eine Dummheit und ein Verbrechen. Eine Dummheit, weil man vernünftigen Menschten doch nicht immer wieder mit alten, aufgewärmten Geschichten kommen soll, ,um sie gruselig •zu machen, eine Dummheit, weil wir ohnehin schon tief in der Achtung der anderen Völker gesunken sind und wahrlich nicht mehr viel von unserem Kredit zu geben haben. "Will man uns denn ganz unmöglich machen durch ein von Tag zu Tag unwürdiger werdendes Verhalten? Ein Verbrechen aber ist die neueste Judenhetze, weil sie mit den schlimmsten Mitteln arbeitet, um gegen einen Teil unseres Volkes Haß zu säen, weil sie Vor offenbaren Lügen nicht zurückschreckt, weil sie verallgemeinert, weil sie unser -Volk entzweit in einer Zeit, die nichts weniger als Zwietracht vertragen kann: Gewiß sind nicht alle Juden Idealmenschen, sind es etwa alle Christen?' Gewiß waren auch unter den deutschen Juden manche, die ihre Pflichten gegen das Vaterland nicht erfüllten oder verkannten. Das sei alles zugegeben. Aber daraus erwächst . nicht das Eecht, alle Juden zu beschuldigen, daß sie schuld trägen an Deutschlands Unglück, und die Volksleidenschaften gegen sie aufzureizen. Den Freimaurern wird der Vorwurf gemacht, sie seien ein Werkzeug des Judentums; nun, sie werden sich' wohl selber zu verteidigen wissen, falls sie es überhaupt für notwendig halten sollten. "Wenn ich! als- Vertreter der. deutschen Odd-Fellows- Logen das Wort ergreife, so geschieht es, um offen aus.-, «usprechten, daß wir uns freuen, zu unseren Mitgliedern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.