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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-08 · 31 (8.8.1919) · p. Seite 393

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
31 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Seite 489 tragten, die eine wahnsinnige Idee mit wahnsinnigen Mitteln verfolgten, wenigstens einen vernünftigen Abgang gefunden und mögen, nun in Ruhe und Verborgenheit über. die wirklichen Gesetze der menschlichen Gesellschaft nachdenken. Wir stellen nun an dieser Stelle fest, daß die überwältigende Mehrheit der Juden gegen den neuartigen Kiommimismug und seine Sowjets stets aufgetreten ist . und zu seinen leidenschuftlichisten Feinden gehört. Es ist auch1 gar nicht anders möglich, da die Schwäche Judenschaft seit jeher auf Ruhe, . Ordnung und Gesetzlichkeit seit jeher auf Ruhfo, Ordnung und Gesetzlichkeit angewiesen. Man möge daher endüch1 aufhören, den Kommunismus (den Juden in ihrer Gesamtheit in die Schuhe zu schieben. Es ,sind bloß einige von ihnen durch ihr Temperament und ihre Rednergabe zur Führung einer großen Bewegung gekommen, welche die ganze Welt erfaßt hat und darauf auskehlt, die krassen Ungerechtigkeiten dieses Krieges, des' „Krieges der Christiicihsözialen und Agrarier", auszugleichen. 'Wenn das aber geschehen soll und auf jeden Fall auf gesetzlichem Weg geschehen soll, so mögen es alle anderen durchführen, nur nicht die Juden. Denn es1 ist eine alte Geschichte, daß die Teilnahme der Juden in der Leitung jeder Bewegung: diese wegen des1 rasch efwachfenden Antisemitismus nur behindert. Deswegen sind wir froh, daß die Räteregierung verschwunden ist und wünschen dasselbe von Rußland; Feststellen möchten wir auch' noch, daß das Judentum des1 am schwersten bemakelten Szamuely, der sich erschossen hat, und des leider in Deutsch- Österreich zu „Gaste" weilenden Bela Kun eine Erdichtung ist. Bela Kun ist der Sohn eines Dorfnotars' in. Siebenbürgen; Tiber Szamuejy war Mitarbeiter chris^iich'sozialer und klerikaler Blätter und war daher wenigstens den Antisemiten in seiner Gesinnung und 'seinen Gefühlen näher als den Juden. * * * ~ In gefahrlosen Situationen den Helden zu spielen und gegen Wehrlose Brutalitäten zu verüben, lag seit je in der Art antisemitischer Menschengruppen. Billiges1 Heldentum' ernteten die „tapferen" Rumjanen als die Bulgaren wehrlos waren, Lorbeeren gleichen Wertes1 Iholen sie sich jetzt gegenüber dem zu Tode verwundeten Ungarn. Triumphierend zogen sie in Budapest ein, da niemand Widerstand leistete; haben sfämtiichfe Brücken und Bahnhofe besetzt; die Soldateska ermordete zahlreiche Personen und nun diktieren sie auf Grund ihrer „Siege". Waffenstillstandsbedingungen, die einen förndichen wirtschafte liehen Aderlaß Ungarns1 bezwecken. Ungarn soll jede Möglichkeit des Auferstehens verlieren: dasi ist das Diktat der antisemitischen Bojaren. Daß unter ihrem Schutze Pogrome gegen Juden veranstaltet werden — ist kaum verwunderheh! * * * Der Ausweisungsbefehl gegen Galizianer und Ungarn ist ergangen. Der sacro egoismo ist nun einmal Mode geworden, und das! kleinste Dorf wirft die Fremden ohne Umstände hinaus. Eine Großstadt hat aber eine andere Kultur und vor allem wegen ihrer Zukunft andere Bedürfnisse als das flache Land, und so hat das Verlangen Gehör gefunden, daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit geübt werden. Wien hat es vor allem1 [nötig, seinen guten Ruf der Gastfreundschaft auch1 in bedrängten Zeiten zu wahren. Denn die Großstadt ist darauf angewiesen, anders als1 kleinere Orte in Zukunft aus dem' reichen Strom von Handel und Wandel, vom Fremdenverkehr und von der freundlichen Stimmung der ganzen Welt zu leben. Man darf daher "über die Nöte des Lebens hinaus, üiber den Mangel an Wohnungen und Lebensmitteln die Gefühle des Hasses nicht aufschießen lassen. Es ist ganz klar, daß die Idee der Ausweisung von den Christlichsozialen ausgegangen ist. Namentlich die „Reich'spost" hat in dieser Beziehung ihr möglichstes gegen die Galizianer getan. Nun steht vor allem fest, daß die vielen Galizianer gar nicht nach Wien gekommen wären, wenn die „Reichls.*- post" und ihre "Partei nicht gewesen wären. Denn diese Waren es, welche vor allem zum Krieg gehetzt und getrieben haben, dem dann die Juden zum Opfer gefallen sind. Von den Russen wegen ihrer öfiterreichfreundlichen Gesinnung verfolgt; zum Teil massakriert, flüchteten sie, häufig bereits im Feuer der Granaten und haben Werte in der Höhe von vielen Millionen verloren. Die „Reichspost" ist also nach; ihrer Kriegshetze das letzte Blatt, das wegen des Zustroms' der Flüchtlinge Lärm Schlagen dürfte. Doch behauptet sie, daß die Galizianer in ihrer überwiegenden Mehrzahl hier Schleichhandel und Lieferungsgesohäfte betrieben haben. Wir verteidigen nun wahrlich! solche Elemente nicht im mindesten und wünschen lebhaft, daß jeden Schuldigen und Kriegsgewinner die volle Härte des Gesetzes, respektive der SteuervorsChreihung treffe. Aber nur diesen und nicht die allzuvielen, die kummerlieh in Löchern wohnen, um niedrige Löhne arbeiten oder von Unterstützungen leben und ihr Elend beweinen. Die Redakteure der „Reichspost" mögen nur in die vielen Massenquartiere, die Werkstätten, die Zwergbetriebe der vorwiegend jüdischen Bezirksteile hineinschauen und das Wort von den vielen jüdischen S(Mei<Miiändlernvund Kriegsgewinnlern wird ihnen slchbn vergehen. Was aber Schleichhandel und Kriegsgewinn anbetrifft, so mag doch» die antisemitische Presse ihre eigene Partei betrachten, die großen und die kleinen Feudalen, die großen und kleinen Agrarier. Wagt sie es vielleicht zu leugnen, daß diese fast ohne Ausnahme die unermüdlichsten Kriegsgewinner, die grausamsten und unerbittlichsten ScMeidhhändler sind und waren? Es gehört daher geradezu eine eiserne Stirne dazu, Anklagen wegen eigener Verbrechen gegen andere Leute zu richten. Von allem dem künstlich geschürten und unberechtigten Haß der Antisemiten umbraust, wären viele Tauslende der .Galizianer längst gern in ihr Land zurückgekehrt. Was1 aber erwartet sie dort? Der Haß gegen sie wegen ihrer Zuneigung zu Oesterreich', der Krieg und j Bürgerkrieg, weithin zerstörte Wohinstatten. Und vor allem, wie sollen sie hinkommen? Nur aus Gnade erhielt man Pässe, nur unter den größten Schwierigkeiten Fahrkarten. Man kann sie wohl unmöglich mit ihren Schwachen Frauen und armen Kindern in Eisenbalmzügen zusammenpferchen und auf einem1 Gebiet ohne Wohnung und "Nahrung dem Haß der Einheimischen wieder ausliefern. Man sieht, wieviel Grausamkeit in dem Befehl zur Ausweisung lag, und daß die Aufforderung zur größten Rücksicht und Menschlichkeit von jedem fühlenden. Menschen gehört Werden mußte. Merkwürdig ist es nun, daß die „Reichspost", während sie die Galizianer angreift, die Ungarn in Schutz nimmt, obwohl sich' auch unter diesen viele Juden befinden. Die „Reichsipost" behauptet nun, daß man diese Leute schonen müßte, Weil sie hier Millionen anbringen, ihr Geld verzehren uslw. Merkst du etwas, lieber Leser? Nicht die ungarischen Juden sollten geschont werden, sondern das! .Interesse der christlicnsozialen Gastwirte. Jedermann fühlt, daß gerade die reichen Ungarn höchst unsympathisch sind,

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