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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-01 · 30 (1.8.1919) · p. Seite 381

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
30 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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Nr; 30 Dr. BLOCH'« WOCHENSCHRIFT 3«ite 477 die ganze Judenschaft Polens ist quasi existenzlos und berufslos. . . Die Folge solcher .wirtschaftlicher Not ist; daß nicht. bloß der irreguläre Handel von anno dazumal, sondern ein noch schlimmerer - Wucher und ein unanständiger Handel und Schmuggel üppig Wuchert. Ein Wucher, der das Gros der Judenschaft zu versumpfen und geradezu zu entarten droht. Das1 alte Geschlecht ist mit Rücksicht auf die schweren Verhältnisse vielleicht nicht mehr .zu retten. Anders* die Jugend, die sollte unbedingt aus' dieser Pfütze herausgerissen werden: . durch Gründung und Schaffung von — entsprechenden Berufssohulen. Es' ist'noch immer die Leidenschaft des' Juden, seine Kinder vorwiegend für intelligente und nicht, immer prakltis'che Berufe zu erziehen. Das* rächt sich' jetzt bitter, und dieser Fehler sollte nicht in Zukunft, indem sich jetzt eine neue Zeit vorbereitet, wiederholt werden. , Sonst herrscht Lehen und Bewegung, die letzten Zeitungsexemplare berichten uns von Konferenzen der Arbeiterschaft und des jüdischen Proletariats,-das sich mit Rücksicht auf die gegenwärtigen kritischen Verhältnisse zu .organisieren und zu festigen bemüht. Wir nehmen da zu unserer Freude wahr, daß 'sich die "besten Kräfte des Volkes, seine t üchtige Intelligenz dem Proletariat zur Verfügung stellen und es vernünftig leiten. Die Palästinabewegung schlägt hier ziemlich hohe ' Wogen. Die von den in letzter Zeit entstandenen Palä&tinaämtern angelegten Evidenzblätter weisen aus, daß in vielen Großstädten Galiziens' sich für die Auswanderung nach Palästina zumindest zehn bis fünfzehn Prozent der jüdis'chen Gesamtbevölkerung gemeldet haben. Besonders-ist es die Jugend, welche sich für die Palästinaansiedelung erwärmt und alle Anstalten macht, nach1 dort zu gehen, sobald sich nur die '„erste ' Gelegenheit bieten sollte. Die VorarbeitenAverdenflei^g gemacht. Man sucht die Grundstücke der jüdischen Gutsbesitzer auf und man lernt allein Betracht kommenden Arbeiten, pflügen, jäten, ernten usw. usw. Größtenteils tun es ehemalige Talmudjünger. Für den Talmudkopf ist das1 natürlich nicht' schwer. Für die Hände und für den Organismus .vielleicht mehr, allein auch sie gewöhnen sich langsam an diese neuen Funktionen, und es tut ihnen ziemlich wohl. In dieser Jugend entsteht uns ein neuer Typus1 junger kräftiger Juden, der an den alten Hebräertypüsl erinnert. Von den jetzt bestehenden Bewegungen ist es in erster Reihe der Misrachi, der die breiten Massen der Orthodoxie bannt. Diese Strömung verspricht, eine der größten innerhalb desi Judentums zu werden und das Palästinawerk entsprechend zu beeinflussen. Das Schulwerk wird von ihnen in einer neuen Weise reorganisiert und 'ausgebaut: Es' handelt sich hier gerade um den Kern desi Judentums, der, indem er vpn seiner Lethargie erwacht ist, Großes und Schöpferisches1 leisten wird. Ungeachtet dessen fehlt esK jnoch immer nicht an feindlichen Elementen, die sich auch? gegen diese Richtung — das einfache Erwachen zur Tat — auflehnen. Das ist bei ihnen auch Sünde. So wurde einer der angesehensten Räbbinen Polens, der jetzt Galizien in den Diensten des! Misrachi bearbeitet, in Krakau gelegentlich eines anzuhaltenden Vortrages mißhandelt, dadurch; daß man ihm seinen Hut vom Kopfe riß. Mit Not vermochte der betroffene Rabbiner Graubard, eine Talmudgröße aus StassoW in Polen, erst nächsten Tages' dank den Bemühungen der Zionisten und eines reichlichen Aufgebotes von Polizisten und KommiösläiiQn^ in einer der Synagogen zu sprechen. Das geistige jüdische Leben nimmt neue Formen an. Das jüdische Theater in modernisierter Form und jüdische Konzerte stehen überhaupt in den vornehmeren Zentren Polens1 auf der Tagesordnung. . Die hebräische Literatur, die in den berühmten polnischen Verlagen „Aehiassaf" und. „Tuschija" seit jeher ihre, dasl neue Schrifttum so bereichernde und ausgestaltende Pflegestätte hatte, seit Kriegsausbruch aber ganz einge&'chiafen ist, beginnt sich wieder ein bißchen zu regen. Es ist dies der Stübelverlag, der in der letzten Zeit wieder eine ganze Reihe moderner Werke in hebräisicher Uebertragung unter Redaktion desi berähmten hebräischen Schriftstellers FriSchman erscheinen ließ. Im selben Verlage erscheint jetzt schon auch' das vierte Buch des Hatekufa, ein gediegener Almanach in hebräisfcher Sprache.. Wieder die ersten Schwalben, die uns' den herannahenden Geistesfrühling der hebräis'chen Sprache ahnen lassen. "; Auch die Presse, insbesondere die in jüdischer Sprache, hat sich zu einer merkwürdigen Höhe emporgeschwungen. Die Zeitschrift;,Der Moment" usw. gehört zu den besten auf diesem Gebiete und erfreu^ sich eines Leserkreises, der nach Hunderttausenden zählt. . Auch künstlerische Zeitschriften beginnen seijt jüngster Zeit wieder zu erscheinen und befriedigen nach jeder Richtung hin den feinen Geschmack jedes Literaturfreundes'. Die Herzlfeier anläßlich des wiederkehrenden fünfzehnten Todestages', wurden in allen Gegenden Polens!, selbst in den entlegensten Krähwinkeln, mi$ aller Weihe begangen, wieder ein Zeichen der großen Popularität, welche Herzl innerhalb der Judens'chaft Polens gewonnen hat. Abraham Koh!ane, derzeit in Krakau. Von 'der Presseabteilung heim Zentralbureau der „Agudas Jisfo;ef". In Posen wurde eine Anzahl jüdischer Notabilitäten interniert. Auf Grund diesbezüglicher Meldung an das1 Zentralbüreau der Agudas Jisroel in Zürich hat dieses die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Polen zu Schritten veranlaßt. Reichsratsabgeordneter Rabbiner Halpern reiste sofort nach Posen, wandte sich an den obersten Volksrat daselbst und erhielt die Zusicherung, daß( die Internierten baldigst freigelassen werden würden. Er besuchte sie auch im Lager. Ebenso wie der Waad Hoir Aschkenasim wurde auch das vereinigte sefardistohe und as'ehkenasisch'e Rab'binat der Stadt Jerusalem von der interalliierten Kommission empfangen. Die Deputation, die von den Vorsitzenden des Rabbinates, Elj a S c h a r und S c h! u U w a c h s", jg&fjüihrt wurde, brachte ebenfalls1 den Wunsch zum- Ausdruck, daß bei der Verwirkhchung der Balfours'ohen Deklaration Vertreter der orthodoxen Organisationen, wie „Agudas Jisroel" zugezogen werden mögen. Der „Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien und Niederösterreich", der schon bisher im innigsten Zusammenhange mit der Agudas Jisroel stand, hat in seiner Sitzung vom 6> Juli d. J. beschlossen, sich auch offiziell als A g u d a s J i s r o e 1 — Landesorganisation — zu erklären. Auch die Organisation „Sinai" in Prag ist als "solche der „Agudasi Jisroel" beigetreten.

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