Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022378--27847-3053287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JSeUe 476 Br. :BL©OH*S WÖG»BNSGHilIFT Rr. 30 fillin" anhätte, da sagte er zu mir in russischer Sprache mit eiaem naiven Ernste und yon einem leisen Seufzer begleitet etwa folgendes: Zu Hause hab icn auch1 alltäglich gebetet und „Teflllin" gelegt . Ich' ■war von dieser senhchten Deklaration als Jude seitens1meines' Kriegs1- und Leiden'sgenossen im feindlichen Waffenrock eigentümheh! undefinierbar berührt und gerührt; ichf war aber auch verwundert über die Ehrfurcht, mit welcher er vom Beten unl „Teöllinlegen" gesprochen hatte, da' die*s! bei seinen russischen Kameraden nicht 'üblich war. Ich' hielt eine Weile inne, betrachtete ihn gut und dachte: Auch1 ein „Jewrej", ein Glied unseres Volkskörpers, der seit zwei. Jahrtausenden gemartert, gefoltert und gehetzt, und doch1 nicht untergehen wird, ein Sohn des Volkes;, welches sein Blut in Strömen vergießt auch' für ein Vaterland, in welchem es. nur sehr : stiefmütterlichbehandeltT wird. Dann fragte ich den Gefangenen, von welcher Gegend in Rußland er sei. Er sagte mir, er sei ein grusinischer Jude von jenseits der kaukasischen Gebirge. Ich sprach' versuchsweise zu ihm einige hebräische Worte und erfuhr zu meiner Ueberraschung, daß er, trotzdem er ein ganz einfacher, ungebildeter Mensth war, nicht wenig hebräisch' sprechen konnte, fast mehr als ein „Halbintelligenzler" bei uns. Ich ließ: mich mit ihm in ein Gespräch' ein, um etwas Näheres über die Art der dortigen Juden, ihrer Sitten und Gebräuche zu -erfahren. Er lieJ3j.mich; wissen, daß die Juden . seiner Heimat die jiddische Sprache gar nicht kennen; sie sprechen russisch' öder hebräisch. Sie sind nochr recht konservativ und orthodox, und unterscheiden sichr damit von den Juden desi Silbrigen Rußlands1. Am Sabbat ist bei ihnen noch' die „Drostehbh!" des' Rabbiners usSoellr Der Lehrplan tur ihre Kinder ist — hach1 seinen Aussagen —t etwa folgender: Zuerst*]"ifl(Tanacn^, dann DVOttfÖ (Mischna 5©t) und die sogenannten IDItt S^&D Moral-.jind Sitten- Jelirbucher), hauptsächlich den Tt£>\7 (Kaw hajoschor). Nur diejenigen Kinder, die sich dann weiter dem Studium widmen, beginnen hernach1 Talmud zu lernen. Er habe das Lernen mit lp beendet sagte mir mein Gewährsmann, — Ich1 lernte dann viele grusinische Juden kennen, die fast nur hebräisch sprachen. Ein interessanter Typ von Juden. . Jehudah'1 Jizchak Meilen. Korrespondenzen. Zu den Kultuswahlen in Wien. Ein vereinigtes1 Wahlkbmitee der nicht jüdischnationalen Parteien für die Kultüswahlen 1919 hä-t sich konstituiert und zu seinem Obmanne Herrn JDr. L. König s! tiein, Universitätsprofes'sor, Wien, 1. Bezirk, Georg Gochplatz .3, gewählt. Anmeldungen von WaMwerb'ern, ^welche auf Grundlage des' Wählprogrammes dieses Komitees1 in die Wahlbewerbung einzutreten beabsichtigen, werden von dem oben genannten Ohmanne entgegengenommen. * * _ * ' Zur Wahl dieses Titels: „Vereinigtes' Wa hUkomitee der nicht jüdis-'clhnationalen Parteien" wird von orthodoxer Seite der Kommentar geliefert, „daß sieh der beistehende Wahlkampf vornehmlich im7 Zeichen des1 nationalistischen Schlagwortes abspielen dürfte. Hie national -— -hie nichj};- national — -wird die Parole der Wahlkampagne sein. Da nicht' alle; politischen Gegner" der Nationalismen das1 nationale Moment im Judentum negieren, so konnte für die Parteien Vereinigung keine antinationale, resp. assimilatorische Bezeichnung gewählt werden» Sie deklarieren sich-ganz einfach als nichtnational, womit sie ihre Stellung gegenüber den Nationalisten, die mit Hochdruck auf die Eroberung der Gemeinde losgehen, klar darlegen". { „Daß die Orthodoxie gegebenenfalls! sich keineswegs1 darauf beschränken wird, eine negative Parole auszugeben, sondern mit einem positiven trogramm vor die Oeffentlichkeit treten werde, braucht nicht erst besonders' betont zu werden. Die Orthodoxie verfügt ja seit jeher über ein klares, umfassendes Kultusgemeindeprogramm: die Kultusgern'einde muß und soll eine religiöse Institution sein, in erster Reihe dazu berufen, die religiösen. Interessen des Judentums' zu währen und für die restlose Befriedigung der religiösen Bedürfnisse Sorge zu tragen. Kein Kvie immer geartetes' modernes- Schlagwort Wird die organisierte Orthodoxie dazu verleiten, von den obigen Richtlinien abzugehen." Die gegenwärtigen Verhältnisse in Polen. Was1 sich in der jüdischen Geschichte bereits wiederholt bewährt hat, daß „jokem s'eooro lidmomo wäjechsehu gealehem", daß der Sturm verschwindet und die brandenden Geschichtswbgen gedämpft werden, scheint auch' gegenwärtig in Polen einzutre: ten. Der Henker hat sein Mordwerk vollzogen, ein Mordwerk, wie es die Geschichte noch! nicht gesehen hat, die unglaublichsten Greuel wurden verübt. Nun aber, nachdem dies' bereits1 geschehen ist, s;cheiint die bessere Einsicht einzukehren, die Gewissensbisse beginnen sich zu regen und man scheint ein wenig versöhnlicher -zu sein und, zu werden. Nun wird auch wahrscheinlich! auch das1 übrige folgen, das erwünschte Einvernehmen zwischen Juden und Polen, jenes! Einvernehmen, das1 geradezu die unerläßliche Vorausfsetzung ist eines Zusammenlebens und gemeinsamen Arbeitens zwecks' Wiederaufbau dieser jungen und aussichtsreichen Republik. In diesem Sinne scheint auchf der hierzulande jetzt weilende Vertreter der vereinigten Staaten Amerikas' Morgentau zu wirken. Es1 wäre ihm1 nur 'Erfolg zu wüns'chen. Und wenn die Zeichen nicht trügen, bestehen die besten Aussichten, nach dieser Richtung hin. Es1 ist s'chbn wirklich Zeit, daß sich' der jüdische Firmament ein wenig klärt. Genug der überstandenen Leiden. Trotz aller dieser günstigen Merkmale ist. die Luft noch immer ziemlich verpestet. Das; »Werk der vergifteten antisemitischen Presse ist nicht so leicht aus1 der Welt zu bannen. Die Mas'se istnoch immer voller Wut den Juden gegenüber. Es' ist dies vielleicht auch eine, Folge des), ersten nationalen Rausches, der zuversichtlich1 mit der Zeit gewissermaßen abflauen wird. Es sollten Bemühungen nach dieser Richtung angestrebt werden. In erster Reihe durch' eine objektive Presse. 1 Indem st> die Aussichten sich1 allmählich1 bessern und manche bessere Hoffnung hinsichtlich' der drei MilHonen Juden Polens aufkommen lassen, ist ihre wirtschaftliche Situation eine recht trostlose. Die Juden Polens sind seit jeher hinsichtlich der Haltlosigkeit ihrer Existenzen ziemlich1 bekannt! Nun sind während dieser unnormalen Zeit noch Taus'ende und Abertausende von "Existenzen untergraben, und die Mas'se der Berufslosen noch! größjer geworden:, Rurz^