Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 472 Dr. BLOCH'S WOCHBNS8ÖRIFT Nt. 30 er sieh nicht gerade in Wien amüjsiert hat. Dieser Herr hat auch1 eine schriftstellerische Befähigung, wie er in seinem eigenen Blatt erzählt, er hat nämlich, bei der Abfassung der Heeresberichte mitgewirkt. Die (berühmten Mitteilungen an die Bevölkerung „Lemberg ist noch in unserem Besitz" und „Vor der . Uebermacht des! Feindes haben wir unsere Streitkräfteumgruppiert" fcindialsö durch die Hände dieses persönlichen "und Federhelden gegangen. Wahrenddie Bevölkerung vergeblich nach einem Bis'sen Brot schrie, ist der Generalstäbler ruhig und behaglich in Baden an der ewig vollen Tafel gesessen, hat sich nach Beheben kleiden und equipieren können und hat nebst freiem Quartier in einer unserer schönsten Sommerfrischen in Baden draußen die vollen Feldzulagen bezogen! Natürlich! ist es1 ihm dann leicht gefallen, eine antisemitische Zeitung zu erwerben. Dieser Mensch Wagt sich1 nicht nur auf die Gasse, sondern auch noch arbeitende und anständige Leute in seiner Zeitung anzukläffen, weil sie Juden sind. Eine solche Tapferkeit und Zuverlässigkeit hat aber auch der schmierigste Gesell aufgebracht und was' die Ehrhchkeit und das! Leben jm. Pfuhl von Baden anbetrifft, den er nicht verlas'sen hat, sind schon Bände voll wuchtiger Anklagen geschrieben worden.; . * * * Den entzückten Christlichsozialen wird mitgeteilt, daß ein Fremdengesetz in'-Vorbereitung sei. Alle jene Ausländer, welche nach dem 1. August 1914 in Wien und Niederösterreich ansässig sind und die Zuständigkeit nicht erwerben konnten, sollen ausgewiesen werden können. Im allgemeinen ist dieses Gesetz natürlich ebenso ein Unsinn, wie das Ehireisegesetz nach Wien und Niederösterreich. Denn die Länder können sich wohl absperren, weil sie sich selbst erhalten können. Wovon soli aber die Steinwüste Wien leben und - ihr Dasein in Zukunft bestreiten? Sie ist doch auf Handel und Wandel, auf möglichst freien Verkehr angewiesen und vor allem auf ihren guten Ruf im Ausland. Fremdenverkehr, Fremdenverkehr! schreit man auf der einen Seite und hört auf der anderen Seite nicht auf, die Fremden wegzuekeln und ihnen den Aufenthalt und das Wiederkommen für imimer zu verleiden. . Es' mag aber sein, daß außerordentliche Notstände außerordentliche Schutzmaßregeln rechtfertigen, und daß) das Fremdjengesetz nicht mehr zu vermeiden wiar. Dann wird eben alles! darauf ankommen, wie es1 angewendet {werden wird. Wir möchten nur darauf verweisen, daßi die Wiener in den Alpeniändern behandelt werden, als' ob sie räudig wären,, und daßi es' daher zur Antwort nur recht und billig wäre, die hier ansässigen und nicht zuständigen Tiroler, Salzbürger und Oberösterreicher nach Hauso zu schicken. Auch die ungarische Gentry, welche uns1 während des' Krieges verhungern ließ;, hat hier nichts zu suchen. Nur gegen einen Vorsatz erheben wir schärfsten Einspruch, nämlich' Fremde einfach1 mit galizisfehe Thiden zu iühersetzen. Die galizischen Juden wurden von den Rusteen zur Flucht nach, Wien gezwungen und können in ihre zum; Teil verwüsteten Städte und in die Pogrome hinein nicht zurück. Sie verdienen also vor allem Rücksicht. Aber wie wir iden herrschenden Geist kennen, ist das: Fremdengesetz vor allem gegen sie gerichtet. " *• * ■ * . '. Merkwürdig ist das Verhalten der Prövinzblätter, auch der sogenannten freisinnigen Organe in. den Alpenländern. Sie. nehmen fast in jeder Nummer Gelegenheit, in den alten und überlebten antisemitischen Jargon zu verfallen und die Juden aller möglichen Vergehen und Verbrechen zu beschuldigen, fast (hie mit Nennung eines' Namens. Dagegen müssen sie zahllose Namen nennen unter den Rubriken „Wieder der Schleichhandel", „Betrug und Diebstahl" und ähnlichen. Diese Namen sind alle ohne jeden Zweifel rein arisch, und ein Beweis dafür, daßj sich der Schleidhh'andeL in den Alpenländern durchwegs in christHchsozialen Händen befindet. Oder will etwa jemand behaupten, daß| die zahllosen Händler mit Butter und Eiern zu unerschwinglichen Preisen, die jetzt in Wien von Tiür zu Tür gehen, nicht alle biedere Landleute sind? Es war eine Liebhngsbehauptung der antisemitischen Presse, daß| der jüdische Schleichhandel den Wiener Kindern die Milch wegtrinkt. Wer ist es" nun, der den Wiener Kindern und1 Kranken die Milch nicht liefert und sie lieber dem Vieh ins1 Fütter schüttet, wenn er nicht sechs bis zehn Kronen für iden Liter erhält? Und wer sind die .Leute, welche von den Bauern weg die Milch in die Stadt bringen, um sie 'hier den. armen Müttern und Kränken zu unerhörten Preisen zu verkaufen? Das' alles sind Freunde und Leser der antisemitischen Blätter. Es1 ist (das1 die alte Taktik, andere zu beschuldigen, um die Täterschaft von sich5 selber abzuwälzen. * .* *. Der Atem (bleibt stehen, wenn man die Worte liest, welche der Reichsfinahzminister Erzberger in offener Sitzung der Nationalversammlung an die Alldeutschen richtete. Diese behaupten bekanntlich und agitieren mit dem Schlagwort „der Schmachfrieden sei ein Werk der Juden". Das hindert sie nicht, gelegentlich aüch! andere aü beschuldigen. Bei Erzberger sind sie jedoch an den Unrechten gekommen und dieser hat den alldeutschen Antisemiten im eigenen Namen und ohne Absicht auch für die Juden eine wuchtige Abfuhr vor Deutschland und vor der Geschichte erteilt. In seiner historischen Rede, die wir festhalten müssen, heißt es unter anderem: „Wir müssen dem deutschen Volke sagen, wie es1 zwei Jahre gewissenlos1, gefühtt W,urde. Hätte es diese Bedingungen besser gewußt, so hätte es einfach den Frieden erzwungen. ^Ende September war die von ehrhchbm Willen des1 deutschen Reichstages getragene Friedenspolitik auf einen verständigen Ausgleich durch' die Agitation erledigt. Die "Hoffnung, die auch die andern Völker hatten, mit einem Schlage, vernichtet. Deutschland ist mit offenen Augen in den Tod hineingerannt. So kam das Jahr 1918. Jeder .Versuch, diese Seite zur Vernunft zu bringen, wurde mit militärischen Mitteln niederge^ * schlagen. Die Antwort war,, man jhöge noch' ein Weilchen Warten, und dann kam Ende September der militärische Zusammenbruch." „Wir haben die Verantwortung übernehmen müssen für das; was Sie verbrochen haben. Wir Werden aber niemals! zugeben, daß Sie versuchen, aus' der Verantwortung, die auch Ihre Schuld ist, unsere Schuld zu machen und uns1 heuchlerisch mit Hohn und Haß! zu übergießen. Der. Friedensvertrag ist die ScMußrechinun^ eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert denr Frieden. -Wer aber hat den Krieg verloren? Diejenigen, die mit unvernünftigem, trotzigern, verhlemdetem und verbreche• r i s e h e m E rg e n s i n n sich1 der Möglichkeit eines ehrbaren Friedens1 entgegenstellen. Und wenn Sie zehnmal durch Ehr lautes1 Nein Ihre Hände in Unschuld waschen wollten, sö Werden Sie die Schbld nicht los, weder vor uns; noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen." (Stürmischer Beifall, der sich auf die Tribünen fortpflanzt.) ' ,