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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-01 · 30 (1.8.1919) · p. Seite 374

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
30 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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-Seile 470 Dr. BLOCHE WÖCMSC58&IFT Nr. 30 sprang vielmehr dem begreifhchen Streben eines' jeden Menschen, eine höhere Wirtsehaftsstufe zu er:, Mirninen. Da aber bisnun der Ackerbaustand die; unterste und (der>' Haiidel-die; .hodfste Wirtsehaftsstufe repräsentierte, so strebte jeder Jude dem Handel zu. Nun hat aber der Krieg Idas'-Wirtschaftsleben umgestürzt und das unterste zu oberst gekehrt, und es1 wäre daher vom Juden unter ^len gegebenen Verhältnissen geradezu ein wirtschaftlicher Selbstmord, wenn er sich nicht jetzt dem Ackerbau zuwenden -sollte. Die oben zugrunde gelegte Fläche von 41 Hektar für ein Bauerngut ist wohl karg bemessen, aber nicht unzureichend, denn 1 Hektar bringt durchschnittlich 12 Zentner Brotfrucht und das1 genügt, um eine aus1 5 Köpfen bestehende Familie mit Brot zu versorgen. Ebenso wwirdje 1 Hektar genügen, um ein für die Wirtschaft nötigesPferd zu erhalten. Rechnet man noch rund 1 Hektar für Wohnung, 'Wirtschaftsgebäuden und Gemüsegarten, so bliebe noch immer 1 Hektar zur Erhaltung einer Kuh und zur Geflügelzucht Voraussetzung ist, daß ganze Bauernkolonien von etwa 50—100 Wirtschaften entstehen sollten, damit die Kolonisten ihre kulturellen Bedürfnissie ohne größere Kosten befriedigen könnten. Solche jüdische Bauernkolonien im ganzen Lande zerstreut, wären übrigens' von großer moralischer Wirkung für die jüdische Einwohnerschaft in Galizien .und für ihr Veiihältnis1 zur Laridesbevölkerung. Wichtiger erscheint uns hier die Kostenfrage. . So eine Bauernwirtschaft mit den dazu gehörigen Wohair und Wirtschaftsgebäuden, sowie das' hiezu erforderliche tote und lebende Wirtschaftsinventar würde, hoch gerechnet, sich' auf etwa 1000 Dollar stellen. Als Grundsatz müßte hier gelten, daß, wer eine solche Wirtschaft erwerben will, den dritten Teil in Barem einzuzahlen hat, der Rest aber wäre durch eine .in 30—40 Jahren zu amortisierende Hy> pothek aufzubringen. Es' wäre, also im Wege, eines zu diesem Zwecke zu errichtenden Finanzinstitutes eine Summe von etwa 60,000.000 Dollar aufzubringen.. Das ist gewiß eme nette Summe. Wenn man aber bedenkt, daß dies ein Finanzgeschäft ist, das seine Zinsen trägt, und daß es hier gilt, eine Miilionenfcevölkerung vor wirtschaftlichem Untergang zu retten, so erscheint wiederum diese Summe nicht so groß. Die in Amerika lebenden Galizianer werden, jeder nach seinen Kräften, sich tüchtig anstrengen müssen, um , ihren sich in großer Not befindenden Brüdern beizustehen. Und sie werden es um so sicherer tun, bei der Erwägung, daß sie sonst gezwungen wären, ihre zu Bettlern gewordenen Verwandten permanent mit Geldsendungen zu unterstützen, und daß sie täglich gewärtig sein müssen, daß ihnen deren Nachwuchs, auf den Hals gejagt wird. Man muß es ihnen nur begreiflich' zu machen suchen, und sie werden es sicher nicht unterlassen, sich für dieses großizügige Werk zu interessieren. i Es wäre daher unumgänglich notwendig, von hier aus eine diesbezügliche zweckentsprechende Aktion einzuleiten, wobei jede Politik und sonstigen unfruchtbaren Diskussionen vermieden werden müssen. Es tut hier Eile not; wenn wir nicht bei der Verteilung der Eide uns; wie der „Poet" im bekannten Gedichte mit dem Himmel begnügen wollen. , : '.. f. Pogrom. Yöa Dr. Heinrieh SehEeiiJcr. ■ y Schon dasi'.Wort; klingt Jiart. und rauh; was es bezeichnet, ist 'Mord und Raub und ist; doch; anders wie dieses1. Es' ist die fanatische;'Menschen%Mäehterei. Dieses1 Unheils „wohlgerüttelt Maß" hat sich über müdegehetzte, schwerbeladene Menschenkinder ergossen: Die furchtbarste der.: Plagen, welche ~ der unselige Krieg heraufbeschworen hat, hat sich du einer Sturzwelle aus' den russischen Steppen in die: polnischen Gaue fortgepflanzt — einer Seuche gleich,, in der Menschen gegen Menschen wüten: Henkersknechte, die sich mit ihrem vernichtenden Kontagium auf s'chwache, hilflose Opfer stürzen. Der Pogrom, als1 scheußlichster Ausfluß der Ju- -denhetze, ist die gräßliche Renaissance grauenhafter ftiqmslitionji (die gefoltert und gerädert hat. Doch die Inquisition war — formell mindestens und psychologisch — immerhin noch gelinder. Sib individüa1 lisierte; sie perhorreszierte den 'Massenüherfall und den Massenmord; sie setzte die Geste, des Geistes auf, mag diese auch zu blutrünstiger Fehme eht- artet worden sein; sie hüllte sich' in den Mantel desf Glaubens1, mag es auch Irr- oder Aberglaube gewesen sein. Für die Opfer wiegt es freilich gleichviel; allein sittlich ist der. Pogrom liocW viel bösartiger, er-ist der Trumpf aller Schändlichkeit. Selbstt der Neronische Wahnsinn reicht nicht an seine Scheußlichkeit heran. Wenn Nero den Finger seiner ruchlosen Hand hob1 'als Zeichen, daß; die wilden Tiere auf ihre Opfer gelassen werden, so waren es* immerhin, Ävenn auch «auf menschliches Geheiß, vernunftlose, grausame Bestien, die in wilden Trieben Wüteten', freilich zur Lust-und Wonne einer irren Verbrechernatur. Der Pogrom aber, ist Mensch'enlnelzelei, das grause Wüten von Menschen gegen Menschen und — zum schreckhaften Uebermaß — unter obrigkeitlicher Sanktion; der Hexen tanz der Menge, der sich unter dem wachsamen Auge der gesetzlichen Gewalt, ja unter ihrer Aufmunterung austobt; Mord, Plünderimg, ßrands'chatzung . und' all die furchtbaren Schrecken und Greuel blutiger Nächte unter Assistenz oder passiver Resistenz der Behörde. Das1 ist die spezifische Eigenart des Pogroms. Man sage nicht, der Krieg habe viel Gräßliches gebracht, er habe das' Gefühl für Menschlichkeit abgestumpft und ertötet! Hat auch der "Krieg täglich Hekatomben von Opfern gefordert, so sind sich doch wehrhafte Männerim Schützengraben oder in offener; Feldschlacht gegenüber gestanden, sie sind — wie der trostspendende Ausdruck lautet — ,auf dem Felde uer Efrre. und als' Helden gefallen. Der Pogrom kennt nur die Schlachtbank und. die Schmach von feigen Mordbrennern, die ihren blutrünstigen ■■ Instinkten frönen, . aufgewiegelt und angetrieben von wohlgepflegten Anführern -und eleganten Weibern, die lä-. chelnd und schmunzelnd eine Zigarette schmauchen, während zuckende und zerfleischte Menschenleiber sich in ihrem Blute wälzen und kreischendes Wehgesehrei die Luft durchzittert. Pogrom ist der Blut rausch, der sich sadistisch an den Schmerzen unä Qualen unglücklicher Geschöpfe weidet. Pogrom ist; d^e infernalische Rohheit, die sich' an ächzenden Seufzern lechzt und ergötzt ' Unschuldig vergossenes Blut aber schreit zum Himmel und der göttliche Wächter [überhört es nicht; _er schläft und schlummert nicht. Es schreit aber auch gellend, zu den irdischen Wächtern des' Erdballes;,, die es' nicht zusehen und hinnehmen dürfen, .wenn der widerlich* Streit um1 einige Fetzen Bodens auf

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