Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 373 (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 30 Dr. BloetTs Jahrgang XXXVI Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums Pottsparkassenamt Deutschösterreich: 810.976 Ungarn: 5.634 Tschecho-Slo wak.: 10.076 oooo Redaktion and Administration: Wien, H/1, Praterstraße 9 Telephon 45.359 Wien, 1. August 1919 OOOOOOOOOOOOOOOOOOOO Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, H/1, Praterstraße Nr. 9 Telegramm-Adresse: Bioch's Wo chenschrif t Wien Bezugspreis: Halbjährig;... 15 Kronen Ganzjährig . . 30 Kronen Einzelexemplare 80 Heiler Anzeigen: Die zweiaal gespalten» Petitzeile 70 Heller oooooooooooooooooooooooooooooooooooouuuonw Inhalt: Leitartikel: Abgeblasen! Posaunen yersorgen! — Pogrom.— Vom lahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgescbichte. — Die Wahrheit über die polnischen Pogrome. — Eine Massenkundgebung gegen die Pogrome in Polen und in Galizien. — Die Wirkung der antisemitischen Hetze im Ausland. — Ein Judengemetzel in Odessa. — Ein ehrende» Zeugnis für die deutschen Auslandsjuden. — Ein russischer Metropolit über Juden und Bolschewiken. — Erinnerungen an hervorragende jüdische Komponisten. — Zwei namenlose Propheten. — Grusinische Juden. — Korrespondenzen: Zu den Kultuswahlen in Wien. — Die gegenwärtigen Verhältnisse in Polen. — Von der Presseabteilung beim Zentralbureau der >Agudas Jisroel". — Zentralhilfs verein der Hochschüler Wiens. — Generalversammlung des deutsehöaterreichischen Kantorenvereines. ■— Bericht Claude Montefiores. — Breslau. — Vermischtes. — Feuilleton: Salomon Loeb Rapaport. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Abgeblasen! Posaunen versorgen! - " -v - ' . Abgeblasen! Posaunen versorgen! sollte man all unseren Berufspolitikern und nationalistischen Agitatoren von hüben und drüben zurufen. Inbrünstiges Beten und lauter Posaunenächall mag am Neujahrstag seinen guten Sinn haben, wie das Kastexen der Leiber am .VersÖhnungstage. Selbst seine Malkoth' hat mancher ehrlich verdient. Und sollte er sich beklagen, daß er sie bei denen, die sie ihm versetzten, am wenigsten verdient, so möge er sich damit trösten, daß dies eben eine Ironie des Schicksals ist. Dagegen aber wird schwerlich jemand unter uns sich rinden, der keine Veranlassung hätte, sich bei „AI ^het44 in die Brust zu schlagen. — Nachdem wir noch zum Schluß eine s'ehöne Alije. in Paris und eine bekannte rlakofah in London hatten, so haben wir bereits den F&stmonat hinter uns und es wäre nun die höchste "Zeit, die Laubhütte abzubrechen und an unser Tagewerk zu gehen. So war es immer Sitte und Brauch bei nüchternen Menschen. Und nur Batlonim sprechen noch! in Werktagen von Schofar, Lulow, Ethrog u. dgl. Das galizische Judentum macht jetzt eine furchtbare Krisis durch, und wir wollen sie mit dem Schofar beschwören? Fast einer Million jüdischer. Seelen wankt der Boden unter den Füßen und wir schlagen noch immer Kaparoth? In Galizien wird jetzt eine neue Wirtschaftsordnung von unberechenbarer Tragweite geschaffen und wir beschäftigen uns5 init Alijoth! und Hakofoth? Sollen'wir auch! diesen Augenblick, der vielleicht nie wiederkehren wird, verpassen, um dann wieder im die Postaune zu stoßen? Sind wir denn wirklich unverbes'sernche BaÜonim? Die .Agrarreform in Galizien nimmt nun greifbare Formeh' an und der Grundbesitz wird bald , unter die Bevölkerung verteilt. Und es ist unbedingt notwendig,- daß! - diese wirtschaftliche Umwälzung, die uns am nächsteh angeht, uns nicht; unvorbereitet findet, ja daß sie ohne uns nicht geschehe. Wir müssen vielmehr mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln dahin wirken, dafy bei der bevorstehenden Ablösung des 'Großgrundbesitzes, ein unserer Kopfzahl entsprechender Anteil an Ackerboden uns zugeteilt wird. Gelingt uns dies nicht, dann verliert der größte Teil des1 galizischen Judentums den Boden unter den flüßen und keine Macht der Erde (wäre dann in der Lage, das Unheil, dessen Tragweite .niemand auszudenken wagt, von diesen Unglücklichen abzuwenden, i Galizien mit einem Flächenraum von 78.47$ \Quadratkilometer hat 48V2 Prozent Ackerboden. Die jüdische Bevölkerung, die etwa 11 Prozent ausmacht, würde etwa 400.000 Hektar Ackerboden erhalten, eine Fläche, die genügen würde, 100.000 jüdische Bauemwirtsöhaften und ebensoviel jüdische Existenzen zu gründen. Die brennende Judenfrage wäre auf diese Weise aufs beste und einfachste gelöst. Es handelt sich jetzt nur darum, eine Körperschaft zu bilden, die mit Nachdruck ^iese unsere Forderungi vertreten soll und ein finanzielles Instrument ins Lebten ruft, das die hiezu nötigen Kapitalien gegen hypothekarische Sicherstellung und übliche Verzinsung vorächießt Die Einwendung, daß die Juden sich nicht entschließen würden, Ackerbauer zu werden, ist in diesem Falle nicht stichhaltig, denn die Not lehrt bekanntlich nicht nur beten, sondern auch Schwer arbeiten. Uebrigensl ist Landarbeit nicht schwer und anstrengender. als manche andere Arbeiten, die die Juden in Galizien geleistet. Es ist umgekehrt zu erwarten, daß mancher Jude, der oft unter den Schlechtesten hygienischen Bedingungen schwer gearbeitet,, die 'gewiß gesunde Arbeit auf seinem Acker als: eine Erlösung empfinden werde. Ich hatte jahrelang Ge-. legenheit, Juden bei Ackerbauarbeit zu beobachten und konnte konstatieren, daß( sie mehr als ein Burchs'chnittshauer darin geleistet. Und wenn die Juden in Galizien fsfcch dem Ackerbau bisnun nicht gewidmet, so geschah' es! Iweniger darum, weil sie die damit verbundene schwere Arbeit gefurchtet, -sondern es eat-