Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 29 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 365 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29 x Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT Seit» 461 ihre teueren Verb'licheiien mit prunkvollen Denkm'älern zu ehren — doch: finden sie ihre archlitektoni* Sehten Fomien im' mauri s chen Stile, der an Zeiten "-und Orte erinnert, die keineswegs beschämend für unser Volk waren. Es' erinnern die spaniolischen Friedhöfe an die s^anisch'-inaiTrisch'e Kulturperiode, wo das Judentum in europäischer Blüte stand. Der reiche Wiener Jude, der sich' darnach1 sehnt, sein Geldopfer zu biringen, um die Erde 'zu schmücken, in der stein Teuerstes ruht, steht hilflos' und verlassen da, keine Kultusjgemeinde besorgt seine kulturelle Leitung? im Labyrint der Stjle. Mangels! kultureller Propaganda: charakterlos1 (d. hl des1 jüdischen Charakters bar) wie stein Leben — sind seine Friedhöfe. - Das1 beweg einen stehmerzgebeugten Vater, sicbT in den Dienst der Sache zu stellen. r Am Ende der Hauptallee der israelitischen Abiteilung des' Wiener Zentralfriedhofes!, da, wo längs der Friedhöfmauer sich die Hauptstraße zu-den Heldengräbem Wendet, befindet sich als zweites Grab von der Ecke (Reihe 31, Gruppe 76 B) die Ruhfe- ' Städte des1 jung verblichenen Leutnants' Felix L a - zarus. - Als. Sohn eines polnischen Vaters und einer spaniolischen Mutter,, besteht stein Grabmal aus einer polnischen M'ze'wah1 in Form eines1 offenen ThoraschreineS, geschützt in einer spaniolischen Moschee. Auf der M'zeWah ne*bst den letzten Worten des Verblichenen das hebräische Gebet: „Allmächtiger, die Seele,- die*.Du mir gegeben — ist rein. Du hast sie geschaffen, Du hiaSt sie gebildet, Du hast sie eingehaucht in mich1, und Du ihfast sie bewahrt in meinem' Körper. Du hast sie mir genommen (bei Lebenden-: „Du wirst sie mir nehmten") und Du wirst sie mir wieder geben —in der Zeit, die kommt." Die Mosehee ist nicht in maurischem1, sondern in rein arabischem Stil,, der sich' wegen seiner klassischen Linienführung edel ebhebt vom verspielten maurischen Stile. - . - - Es' ist dies daserste Massisch-arabische Monument auf unserem' Friedhofe. Der gramgebeugte Vater hat eS für seinen Sohn gezeichnet. Er stellt die Kopiennahhie jedermann , frei, damit die griechis'chen und ägyptischen Denkmäler verschwinden und jüdische Friedhöfe ein jüdisches' Aussehen bekommen. "~ Quo vadis? Unter - den Juden des1 (jSfcens ist eine sinnige ^Legende verbreitet. Das kritische Messias-Zeitalter wird dadurch ausgezeichnet stein, daß) anscheinend größte Gefahren leicht werden überwunden werden, - wähnend unscheinbare Hindernisse, zu größten Katastrophen führen Werden. Die* einen werden eine papierene Brücke ohne Unfall passieren, während andere wieder beim Uebefgang *über eine nach allen Regeln "der Technik erbaute Eisenbrücke zum. Sturze kommen würden. * . -. Wenn diese Merkmale £üy das messianis'che Zeitalter in der zeitgenössischen Epodhfe gesucht werden sollten, würde man zur Erkenntnis1 kommen, daß trotz so mancher ,,ErruAgm^c3iaften" von. der Entente Gnaden die Zukunft der Juden im Osten trüber denn je aussieht. Die Brücke, übler die die Juden in den Frieden eintreten, ist ein durch: die KriegsS- und Pogromfurie empfindlich geminderter Bestand des1 ohnehin, relativ unbeträchtlichen Besitzes an Sach&ütern. Der Besitz an PapierweTten, die durch Inflation an inneren Wert zunehmend verlieren oder durch diverse StaatS(Bankero1tt)-ErMäriiingen ganz wertlos' werden, ist eine Papierbrücke, die die Belastungsprobe nicht überstanden hat. Allerdings ist der Besitz der Juden selbst an diesen Papierwerten, angesichts ihrer Volksnah! nicht bedeutend. Daß aber diese Werte fast die ausschließliche Form des Besitzes bei den Juden darstellen, trägt mit zur Er-, Stärkung des' Antisemitismus4, dieses „blinden" Sozialismus, in dieser sozial orientierten Zeitperiode bei. In dem Besitzer selbst uneinbringlicher Scheine ist man seit jeher geneigt, den hartherzigen Shiylock zu stehen. Ist die ökonomis'che Lage der Juden bei einer solchen Sachlage sehr ungünstig, so ist der Einfluß der-Unterernährung, unzureichenden Bekleidung der jüdischen Massen auf die Gesundheit geradezu unheilvoll. - Selbst begeisterte Nationaljuden werden nicht behaupten können, daßi stelch1 geartete Uebelstände durch1 die Anerkennung der Juden als Nation wettgemacht werden. Insofeme aber die Rückkehr zur Scholle die Rettung bedeutet, kann dies nur in den gegenwärtigen Aufenthaltsländern ausreichend erzielt werden. Da, wo die jüdischen MaSsen wohnen und akklimatisiert sind. Die gegenwärtige Handelskrisis' und die Lebensmittelnot weist diese Juden auf die Bodenkultur hin. Die im Gange befindliche Bodenreform in Verbindung mit der unvermeidlichen Aufbauaktion der zerstörten jüdischen Ansiedlungen wäre ein seltener Anlaß für Agraritizieruflig der Juden im Osten. Die Ausschließung der Juden als' Religionsgemeinschaft von der Bodenreform ginge auch . Schwer und würde angesichts der Indifferenz der Volksmassen in Religionssachen schwer plausibel zu machen sein.. Wenn man aber den Erwerb deS heimatlichen Bodens' fremdnationalen Elementen unmöglich' zu machen vorgibt, so i^ das in unserer Epoche des1 Nationalismus leider begreiflich, weil üblich'. Die jüngsten Beschlüsse der deutschösterreichi- . sehen Nationalversammlung geben in dieser Beziehung ein klassisches Beispiel ab und man kann nicht sagen, ob eS das einzige sein. wird. Demgegenüber ist es ein? schwacher Trost, wenn in manchen Schwülen des Ostens: die Pflege der landesüblichen Sprachen zugunsten des „Jiddisch*" zurückgesetzt werden darf. i Die Mächte der Reaktion, welche die Erbitterung der Massen von sich ablenken wollen, nützen den Vorwand, daß die Nationaljuden ein gefahrdrohendes' fremdes Element bilden, . das man um so eher vernichten muß, weil eS im Innern wirkt. Es ist kein geschichtlicher Zufall, daß wälhread der ClirmelnicM-Schlädhtereien im 17. Jahrhundert die nichtjüdischen Bewohner vieler Städte ihre jüdischen Mitbürger selbst um den Preis der eigenen Rettung nicht ausliefern wollten. Und der religiöse Haß war doch zu jener Zeit gewiß potenzierter. R. D. Schattner.