Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 29 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 361 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT Seite 45? Vom Jahrmarkt des Lebens. * Glossen zur Tagesgeschichte. Noch' immfer macht der Antisemitismus den Juden den Vorwurf, daß( sie vor wirklicher Handarbeit zurückscheuen und vom* Schweiß 'der Christen leben, während sie seihst bequemen Handel treiben. Ihren Ansichten entsprechend, mußten sie also jede Bewegung stürmisch1 begrüßen, welche die Juden vom Handel weg* in die Werkstätte führt. In der Tat wurde ein Aufruf an jüdische Industrielle, Gewerbetreibende und Handwerker veröffentlicht, mit der Bitte, in ihren Betrieben jüdische Arbeiter anzustellen und diese so dem Handel zu entreißeil. Endlich! mußte die antisemitische Presse ausrufen. Sie sagt aber etwas ganz anderes. Das christlichsoziale Abendblatt findet in dem Aufruf eine prächtige Gelegenheit, die Arbeiter gegen die Juden»aufzuhetzen und schreibt im Rahmen eines unglaublich verlogenen Artikels!: „Die Zahl der jüdischen Unternehmer, 'Schon vor derft Kriege ganz unverhältnismäßig hoch, ist während und durch" den Krieg natürlich .entsprechend der Ansammlung ungeheurer jüdischer Reichtümer gewachsen. Man fühlt sich jetzt 'stark' und mächtig genug, auch die Arbeitsplätze an Juden zu vergeben und christliche Arbeiter nach Beliehen auszusperren. So reiht sich ein Glied an 'das aridere, bis1 die große Kette fertig ist und ein Fremdlingsvolk vollkommen Herr ist über unsere Heimat." - Gegenüber so gemeiner Demagogie darf man sich wohl auf den gesunden Menschenverstandder Arbeiterschaft verlas'sen, welche wohl nicht jedem chris^ lich'sozialen dummdreisten Manöver_und Schwindel aufsitzen; wird! -Leider ist der Bestand an jüdischen Industriellen minimal und diese können natürlich nicht nach Christentum' ,oder Judentum vorgehen, sondern nur nach dem1 Sachverständnis ihrer Arbeitskräfte. "Die Arbeiter wissen doch .wohl auch gut, daß ohne den Willen ihrer Organisationen keine bedeutende Äenderung in den Betrieben stattfinden kann. Dagegen besitzen sie Gedächtnis5 genug, um sich zu erinnern, wer eigentlich den unharmheÄigen wirts'ch'aftlich'en Boykott gegen „politisch Andersgläubige" erfunden und. ausgeübt hat. Main denke nur zurück an die Zeiten, in welchen die Christlich'Sozialen -die uneingeschränkte Macht "im Rathaus besaßen. Damals war daS Bekenntnis1 zur sozialdemokratischen Partei für einen-Angestellten der Gemeinde gleichbedeutend tmit Sofortiger Entlassung und unausgesetzter Verfolgung. Mit brutalem Teirorismus W#den die Bediensteten der Straßenhahn, der ElektrizitätS^ und Gaswerke gezwungen, hei den Wahlen gegen die Partei aufzutreten, der sie natürlich! ^zugehöfett, gegen die Arbeiterpartei. Auch die Beamten, Lehrer und überhaupt jeder, der an einer städtischen Kassa Lohn oder Gehalt zu beheben hatte, mußte nicht nur eine Quittung, Sondern auch ein politisches Glaubensbekenntnis vorlegen. 4gin Blatt cüöser, mit Schmutz und Gewalttätigkeiten bedeckten Partei versucht nun andere des1 Boykotte aus politischen Gründen zu beschuldigen. Wieder, ein Beweis' dafür; welches1 die gefährlichste Fähigkeit der Christliohsbzialen im' politischen und agitatorischen HandWerk ist: Seihst die größten Verbrechen zu begehen uirid dann andere als Täter zu beschuldigen. Diesmal aber durften sie kein Glück haben, weil sich diese Reaktionäre bei ihrer Hetze zu hoch in .. die Dummheit verstiegen haben. Das neueste Schlagwort der antisemitischen Sippschaft lautet: „Der Vernichtungsfrieden ist ein Werk der Juden." Man' könnte über diesen Blödsinn -wohl zur Tagesordnung übergeh:e*h, wenn man nicht die traurige Erfahrung gemacht hätte, daß auch die dümmsten Lügen über die Juden bereitwilligst geglauM werden. AuS diesem Gruiride muß man sich' wohl die Mühte nehmen, die wirklichen Ursachen deS Niederbruchs in großen Zügen festzustellen. Die erste Ursache für den Umsturz war wohldie vollständige Entkräftung und Ausblutung des armen Volkes durch das' vollständige Versagen der Ernährungspolitik. Man "braucht wohl niemandem erst ausdrücklich zu schildern, wie diese kam. Die Dummheit und Kurzsichtigkeit der durchaus in den Händen der Christlich- Sozialen und DeutSchnationaleh befindlichen Regierung und der rein Christlich'Sozialen Wiener Stadtverwal hing spottet jeder Beschreibung. Weder in den Magazinen des1 Staates noch in denen der Stadt befanden sich nennenswerte Vorräte. Der Doktor W e i S k i r c h n e r nahm immer den Mund voll Kriegsbegeisterung und Patriotismus, aber in seiner Unfähigkeit dachte er' gar nicht daran, für die Bevölkerung vorznsorgen. Wenn unter diesen Umständen der Krieg überhaupt vier Jahre lang fortgesetzt Werden konnte, So hat man das hauptsächlich1 den jüdischen Kaufleuten zu danken, welche aus eigenem Antrieb und auf eigene Gefahr so viel Vorräte als möglich^ aus 'dem Ausland nach Oesterreich' hereinführten. Hier im Inland aber begann ein erbitterter Kampf zwisfehen der Profitgier der Christlich'Sozialen Agrarier und 'dem' Ernährungsamt. - Bevor die Stutzen der cbristlicbsozialen Gesellschaft ihren gesetzlichen Pflichten zur Ablieferung des Getreides nachkamen, hauten sie lieher gar keine Brotfrüchte an, Sondern zum1 größten Teil Rüben, mit denen sie die Bevölkerung zu unerhörten Preisen fütterten. Es lag ihnen gar nichts daran, daß der Hungertod im Hinterland gras'sierte, daß die Truppen nicht verpflegt werden konnten, daß die Revolution gegen das jon ihnen angeblich geliebte Kaiserhaus immer näher rückte. Vergeblich machte der Ernährungsminister immer neue Bittgänge zu ihnen — was sie anhauten, gaben sie nur dem Schleichhandel her und führten mit ihrer unerhörten, wucherischen Profitgier -einen zweiten Krieg gegen das eigene Vaterland, einen Krieg, der? heute noch fortdauert im<J den angeblich von den Juden verschuldeten Kommunismus herheiführt und fördert. Ang der Spitze dieses ekeln Treibens aber standen die großen Protektoren des christlichen Sozialismus, die Feudalen vom Erzherzog abWärts', diese mit hohen Gehältern und sicheren Posten bedachten Nutznießer des' Krieges, Welche hinter der Front Hasard spielten, gewinnbringende Protektionen ausübten und den riesigen Ertrag, ihrer Güter einstrichen. Die kleineren Agrarier und Bauern wurden zur Bestellung ihrer Felder in Scharen enthoben, bekamen für ihre Produkte unerhörte Preise, außefdem hohe Prämien. Kriegsgefangene als' Arbeiter, die ihnen nochr bezahltwurden — aber das! alles' nützte nichts, es wurde doch nur dem "Schleichhandel geliefert und nichts dem Vaterland, Getreide aber überhaupt nicht angebaut. Unter diesen Umständen mußte kommen, wozu es denn auch wirklich kam, zum Zusammenbruch' der Ernährung. Und während die Regierung und alle Eingeweihten ganz klar, fest und deutlich' wußten, daß an eine Verpflegung "der Bevölkerung und der Truppen narch dem November 1918 überhaupt nicht jzu denken wäre, wie eS das* Ernährnngsamt ganz