Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 23 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 343 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. ss ..Dr. Broich's Wochenschrift" Sette 35g Wer erinnert sich nicht an. die Wahllosen gehässigen Erlässe MMiliMs, an die geradezuzum Pogröm auffoikdernde Verfolgung!der!RlBbiMtskandidaten, von denen die Meisten wieder nach langer Hast als unschuldig entlassen werden mußten, an die gleiche Verfolgung der Zensuristen, an den offiziellen Antisemitismus an allen Ecken und Emden? DM war wahrscheinlich der Dank dafür, daß die Juden im fetzigen Königreich ^Polen die Mittelmächte aus allen Krsäften unterstützten und sich dafür von den Nüssen massakrieren ließen. DM war die Anerkennung-der Tatsache, daß die Juden Lei allen Unternehmungen der öffentlichen Wohlfahrt und Lei der Zeichnung der Kriegsanleihen weitaus an der Spitze standen, gaäz «.abgesehen davon, daß sie Tausenden auf den Schlachtfeldern fielen. Die Christlichsozialen schrien wie Lesessen Der die jüdische Feigheit,. aber weder in ihren Medaktionen noch in ihren politischen Körperschaften waren Todesfälle an Heldenmut zu beklagen. Sie schrien Mer jüdische Prositgier und heimsten Millionen ein. Wo sind diese Schreier heule? Mit ihren Millionen-sind sie in die Schweiz geflüchtet, drücken dort mtf unsere Valuta und unser Ansehen und verlachen unsere Nöte, während sie selbst 'üppig prassen und ihren Raub .verzehren. Diesen Beuten, diesen Whr'ern, Hintermännern, Beschützern und Beschützten der Ehristlichsozialen und nicht den Juden ist es zu verdanken, daß sich das Schicksal, des von ihnen wie eine Domäne bewirtschafteten Deutschösterreich so traurig gestaltet hat. Es ist wirklich recht unvorsichtig von dem geistreichen Mann des christlichsozialen Abendblattes, an die Verfasser des schrecklichen Trauerspiels zu erinnern, das wir jetzt erleben. . Eine Bemerkung' können wir Drigens angesichts der Zeitereignisse nicht unterdrücken. .Die christlich soziale und die Ostdeutsche Presse rufen ganz mit.Recht die ganze Welk zum Zeugen an, wie großes Unrecht uns geschieht,, wie man Deutschösterreich verfolgt, unterdrückt und unmenschlich behandelt. Sie fragen an, wie es möglich ist,, daß man ein ganzes Volk entgegen allen Grundsätzen der Kultur und Zivilisation wie Sklaven behandeln und zugrunde gehen läßt. Auch wir Juden protestieren dagegen, aufrichtig. Und als treue Staatsbürger können sich jedoch-die Christlichsozialen und Großdeutschen nicht Zufällig daran erinnern, daß es einmal oder vielleicht gar noch heute und gestern ein. Volk gegeben Hai, das sie selbst so behandeln wollten, wie sie jetzt von der 'Entente behandelt werden? Ein Volkdüs' entgegen allen Grundsätzen der Zivilisation zu Sklaven gemacht und zugrunde gehen sollte? Dieses Volk sind die Juden Und seine Bedrücker und Verfolger spüren einmal am eigenen Leibe, was Gewalt und Gemeinheit gegen Wehrlose.bedeutet. Vielleicht wird diese Lehre für die Zukunft eine Bedeutung haben. Dien Agrariern wurden im Krieg nicht nur die Kriegsgefangenen in beliebiger Anzahl zur Arbeit zugewiesen, sie hatten nicht nur nichts für diese Hilfskräfte zu bezahlen, bekamen nicht nur eitlen großen Teil der Nahrungsmittel für sie zugeschoben, sondern auch noch einen Zuschuß von K. 2.50 für den Mann! Die Agrarier wären bekanntlich auch die ersten, die mit der Preistreiberei begannen, indem sie gleich zu Beginn des 'Krieges unerhörte und unverschämte Höchstpreise für ihre* Produkte festsetzen ließen. ÜÄer ihren heutigen Besitzstand braucht man wohl kein Wort zu verlieren. Jeder Dauer hat soviel Geld in Kisten und Kasten, daß er sich jeden Luxus leisten kann und auch t wirklich leistet. Gaß es in seinem UeberMNt die Städter einfach drangsaliert, ihnen trptz allen Gesetzen - keine NahrunM'mittek /liefert, ihnen die Reise aufs Land verbietethungernde Mütter,hon seinen Türen, wegjagtauf die politischen Notwendigkeiten einfach.pfeift, .sind so bekannte DiNge, baß es 'überflüssige Miühe wäre. Wer bas Verhallen dieser Masse der chrifllichfozialen Wählerschaft -überhaupt zu reden. Trotz diesen Zuständen ,aber haben die Agrarier zu einer neuerlichen Erpressung ausgehokt. Ihre Vor- Ampfer hatten den Mut, die Zeitungen systematisch mit Erfindungen Mer den „Notstand der Landwirtschaft" zu bombardieren. Die Regierung schwenkte denn auch mit ihrer vollkommen vergeblichen Unterwürfigkeit gegen die Bauern sofort ein und ging zunächst mit einer Erhöhung der Rindfleischpreise, vor. Kaum war diese neue Beute {im. Sack, wurde alsbald eine neue Erpressung an der '^wtleidenden .Stadtbevölkerung VerMt. Gegen die "Bewilligung der Einreise in die Länder wurde die Erlaubnis durchgefetzt, daß die Selbstversorger keine Rayonierung an Mehl mehr einzuhalten brauchen. Das heißt mit anderen Worten, daß der Bauer jederzeit sagen kann, er brauche das Mehl für seine eigenen Bedürfnisse. Er wirdgar nichts mehr liefern, sondern nur an den Schleichhandel zu entsprechenden Preisen verkaufen! Und eine Partei, die das fördert und fordert, spricht von jüdischer Ausbeutung, jüdischer Profitgier und jüdischen Erpressern! Der Liberalismus in der alten Monarchie war in den letzten Jahren meistens ein schäbiger Geselle. Er hatte nur den Namen über keine Gesinnung, wollte von den Juden nichts wissen und schien immerfort zu sagen: „Ich bin von den .Juden gewählt und kann daher nicht öffentlich als Antisemit austreten. Wer ich kann sie noch weniger leiden als Ihr." Die .Juden waren immer zu bedauern) daß sie auf diese Partei angewiesen waren. Nun haben die allen Erben der schäbigen Gesinnung, die Spekulanten ans Wisches Geld und jüdische Stimmen wieder einen Versuch gemacht, zur Geltung zu kommen und sind bei den Wählen in die Nationalversammlung mit Woßenr Lärm ausgetreten. Man erinnert sich noch, welche Reklame die fogenannten bürgerlichen Demokraten gemacht, wieviel Millionen sie hinausgeworfen haben. Trotzdem sie nun die Plakatwände bombardierten und die Straßen mit Flugzetteln pflasterten, vermochten sie mit diesem riesigen .Aufwand doch nur ein winziges Ergebnis zu erzielen. Die Partei, die eine politische Eintagsfliege war, vermochte auch nur wieder eine Eintagsfliege Hervorbringen, den Abgeordneten Friedmann, welcher der Sohn eines 'getauften Juden ist und doch letzthin durch seine Stimme den Antisemiten zu einem Sieg verhoffen hat. Der schmähliche Durchfall hat nun bei den bürgerlichen Demokraten einen unauslöschlichen Rachedurst hervorgerufem Jemand muß dafür büßen, daß sie von der Wählerschaft verlassen wurden. Wer ist nun in Deutschösterreich zürn Büßen da, wer ist für solche Zwecke am leichtesten bei der Hand? Die Juden natürlich. Denen Muß" man es zeigen, denen muß mqn es beweisen. Die bürgerlichen Demokraten hätten sagen können: „Ich weiß, daß unsere Partei noch zu jung ist, daß wir uns durch unsere Geldverschwendung Verdächtig gemacht haben, daß wir der Wählerschaft nichU Geistiges und Politisches zu bieten hatten. Aber an unserer Gesinnung ändert sich natürlich nichts und wir werden schon bei der nächsten Gelegenheit beweisen, daß wir etwas bedeuten und Erfolge erreichen werden." . Was tut aber statt dessen die Partei, die so viele Geldmittel hat? Sie zeigt sich als eine Seifenblase, die plötzlich in einer anderen Farbe schillert. Die antisemitischen Großdeutschen haben etwas zu bieten. — vielleicht Mandate oder Stellen. Also rasch die Juden wegwerfen und zu den Antisemiten übergehen. Dieser Weg