Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 22 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022375--27796-3053233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette S4S ,.Dr. Bkochtz Wochenschrift" - M pjßtt toifl ich nichts misssn, darüber mag ich nicht unterrichtet fern? Verdient solch eine Einrichtung die BHeichnung freiheitlich öde-' fortschrittlich? Frei vom Wsssen und frei von Kenntnissen und Erkenntnissen in Dingen, welchen der Mensch, zumal dÄ: Jude, nicht ausweichen kann, ist vielleicht auch eine Freiheit, kaum "aber ein Ideal. Nicht viF anders liegt die Sache, wenn die Entscheidung über die Teilnahme öder Nichttellnayme am Rckigionsunterrichte den Eltern des Schülers anheim- - gestesst werden soll. Das würde soviel heißen, als: die jeweiligen religiösen Ueberzeugungen der Eltern bleiben bestimmend^ für die Richtung, welche die geistige und seelische EntwEung der Jugend nehmen soll. Ihre Arterie Müßten als Bor urteile den jungen Geist des Kindes beherrschen, das in allen anderen Dingen seinen eigenen Weg gehen kann und darf, oft vielleicht Zumeist einen Weg, der wertabsührt von der Denkungsart der Eltern, sofern diese überhaupt urteilsfähig sind. Wie könnte da überhaupt vom Zustandekommen eines eigenen Urteils, vom Zustandekommen des gerade für das RÄigiöfe fo unentbehrlichen persönlichen Erlebens die Rede sein, weirn es der nicht immer auf einwandfreie Weise entstandenen Anschauung der Eltern über die Religion <z. B. Erhöhung, der Kultussteuer) in die Hand gegeben wäre, das Kind jeglicher Belehrung über Religion und IudentuM zu entziehen. In solcher Anwendung sind die Begriffe Freiheit und/ Fortschritt nicht bloß Schall und Rauch, sondern geradezu schmählich mißbraucht. In unserer Zeit der sich mächtig regenden Iugeikdbewegung die Eltern darüber entscheiden lassen, ob ihre Kinder etwas, von der Religionslehre erfahren dürfen oder nicht, heißt einfach das Vorurteil der Eltern kanonisieren und petrisizieren und die Iusend von vornherein der Möglichkeit berauben, den her- , vorragend kulturöildenden Faktor der Religion und der' Lchre vom Iudentum auf . sich wirken zu lassen. Dem Herangereisten und Kundigen soll, natürlich und kann jä auch übrigens die Freiheit der Stellungnahme zur Religion in keiner Weise geschmälert werden. Dm Besuch der Synagoge, die Teilnahme an den Ressgionsübungen, bei uns Juden vorwiegend Bekenntnis- Handlungen, mögen sich als Aeußerungen der religiösen Ueberzeugung ergeben oder können unterbleiben, wenn diese Ueberzeugung nur auf ünterrichtlichem Wege als Riederschlag von persönlichem Wissen und Erfahrung zustande gekommen ist. Ein e sonderbare Art v o n Freiheitlichkeit wäre es aber, wenn das Vorurteil der Eltern sich rächen müßte an Kindern am dritten und vierten Geschlecht. Nicht p vernachlässigen scheint uns aber auch der Umstand, daß der RÄigionsunterricht, abgesehen von der Bedeutung, die ihm als G<ssrmmngsgegens1and im Interesse, der Religionsgenossenschast zukommt, die Funktion Hatz zur Erreichung des allgemeinen'Bildungszieles der Mittelschule wesentlich beizutragen. Durch ihn lernt hex Schüler Zusammenhänge in der Geschicke der GntwiMmg der Kulturideen kennen, wie sie iijm anderwärts kaum in solcher Anschaulichkeit erschlossen werden. Dies scheint jenen Pädagogen vorzuschweben, die als Effatz fuc den Beitrag, den die RÄigionsstunde zur assgemeinen Bildung des Schülers leistet, einen interkonfessionEen Unterricht in allgemeiner oder vergleichend er Religio ns geschichte fordern. Da sei es denn gleich festgestellt, daß wir Juden, ganz abgesehen von der Vernachlässigung ernster Interessen/ die uns zunächst am He^en liegen, zu emem derartige Unterrichte noch fange kein Vertrauen haben könnten. Die hergebrachte Anschauung, daß die Religion der Mehrheit der Schüler auch di«-<,,he«schende"'vMr.psr die StaützsrMgion ist,, sitzt mrch zu fief, als daß in, absehbarer Zeit eine wirklich vorurteilsfreie, objektive, \ h. wissenschastliche, allgemeine Religionsgeschichte denkbar wäre. Es wird noch eine gute Weile dauern,- bis man davon abkommen wird, Ms Judentum in 'seiner ewigen kulturellen Bedeutung zu schmälern, es als Hintergrund für die sich leuchtend abhebende Tochterreligion und als. vössig überholt und überwunden Hinzustessen. D ar ein zu willigen, daß derartige allgemeineReligionsgeschichte unseren Schülern vor gesetzt würde, wäre mit einer Abfallspropaganda gleichbedeutend. Dariißlik kann für die jüdische Erziehung nur die in der Religionsstunde zu bietende jüdische Religionsgeschichte in Betracht komtneit, bei der auch sicherlich die vergleichende zu ihrem Rechte gelangt. Einer der ernstesten Einwände, welche gegen den Föftbestand des Religionsunterrichtes als' obligaten .Schulgegenstandes erhoben werden, ist der tilgende: Der Religionsunterricht schafft einen GeigeiHatz Aum ganzen pädagogischen Geiste der wesslichen Schule. Im besonderen entstehen durch ihn Konflikte mit dem Unterrichte in den Naturwissenschasten, Konflikte Mit der wissenschaftlichen Behandlung der Weltanschauungspröbleme. Im allgemeinen aber mit dem Geiste, auf welchen unsere Bildungsanstalten eingestellt sind. Dieser Geist ist der der Erziehung zu wissenschaftlichem Denken, zur Selbständigkeit im Denken, der Geist der Erziehung zur Kritik und erakter Forschung. Der Religionsunterricht hingegen ist gegenteilig orientiert. Er verlangt vom Schüler den Gehorsam seines Intellekts und/Unterwerfung desselben unter andersgeartete, höhere Gesichtspunkte. So gefährdet er in bedenklicher Weise die innere Freiheit des Schülers. <5^ gegen die Stessüng- Ves Religionsunterrichtes im Rahmen der öffentlichen - Schule auch sind, sie schießen samt und sonders am Judentum v o r be i. Im besonderen wie im assgeMeiüen. Selbst nach Ansicht jener Lehrer des späteren Iudentumes, dis ihm eine Dogmatik . zuerkennen, spielt diese bei uns eine ganz andere Rosse als anderwärts. Der Gebrauch, den das Judentum von Glaubenskriterien macht, ist ein derart eingeengter und sparsamer, daß sich die Angst um die Gefährdung einer sreienForschung oder gesicherter Resultate wissenschaftlicher Erkeimtnis vössig erübrigt. Weder steht das Iudentum. im Gegensätze zu den Naturmissenschaften — bekanntlich kornmentierl bereits die lalmudische Tradition diesbezügliche BibMellen mft größtem Freimut —, noch kann . eine RMgion, welche die Bücher Hiob und Koheleth. in ihre Bibel ausgenommen hat, die Erörterung philosophischer Probleme, und sei es vom Standpunkte einer radikalsten Skepsis, furchten und verbieten. Es kann als schlechthin undenkbar und absolut ausgeschlossen angesehen werderr, daß der.jüdische Religionsunterrichck hierin die innere Freiheit des Schülers gefährden und ihn seelisch in eine peinliche Lage versetzen könnte. Aber nicht . minder Werflüssig ist die Sorge, daß der sonstige pädagogische .Geist der Schule durch ihn ungünstig beeinflußt Werden könnte. Geist der Kritik. Selbständigkeit im Denken ist zaus dem Mischen Religionsunterrichte ganA gewiß nicht verbannt; er ist ihm weit eher in hohem Grade geläufig. And wenn man sich vergegenwärtigt, daß ge^ vade die Mische RelWonsstundeals -Vermittlerin dM Geistes der Geschichte unseres Volkes den Schiller mit einer eiMigartigen Schätzung der Wissenschaft und Gelehrsamkeit' vertraut macht,, dann darf wohl die. Be- . hauptung Mvagt werden, daß der wissenschaftliche Geist. der weltlichen Schule der Mischen Religionsstunde eine