Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 21 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- Seite 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 33t Nr. 21 ,,Dr. Bloch's Wochenschrift" Nicht. Deutscher seiil können und noch nicht. Jude sein, das ist der verWngmsvolle Zwiespalt runder Seele des jungen Äilden, der ihn martert und unstät macht. Diesem Zwiespalt nmß ein Ende gemacht werden. Die jüdische Äugend weiß, daß sie derzeit auf die jmoralische und werMtige Hilfe der Erwachsenen nicht rechnen kann. Sie wird daher sich selbst diejenigen Institutionen schaffen, die es ihr er nrö glichen, wirkliche Juden zu werden, Juden mir jüdischem 'Seist und jüdischer Sprache, mit jüdischem Gottglauven und jüdischer Weltanschauung. - Daß die bisherigen Quellen, aus denen der jüdischen. Jugend Nachrichten über den Gottglauben und die "Geschichte ihres Volles vermittelt wurden, versumpft, trübe und spärlich, also vollkommen unzulänglich sind, dies weih ein jeder. Es ist nicht' iwtig, auch nur ein Wort . zu verlieren über den tragikomischen Verlauf der. Religionsstünden, über die würde- und weihelose Form des gegenwärtigen so gebrannten Jugendgottesdienstes. Solange nicht die Äugend int Priester und Lehrer den jüdischen Menschen Jehen kaust. solange wird sie .sich seiner Kläglichkeit bewußt bleiben und solange werden jüdische Retigionskehrer klagen, daß mit der jüdischen Äugend nichts anzufangen ist. Einem vielleicht herzensguten, aber durch und durch unyädagogischen Manne, der einige Jahre iwtdürftiges Wissen aus Büchern bezogen hat, muß die Eignung, dir jüdische Äugend zu jüdischen Menschen zu erziehen, übgesprochen werden. And selbst wenn dieser Religionslehrer eine anerkannte geistliche Größe ist. so ist er damit zum Erzieher, Bildner, Gestalter unserer Jugend noch lange nicht legitimiert. Er muß rm ganzen ein wirklicher. Mensch (Persönlichkeit. Charakter) sein, uw Äugend erziehen zu dürfen und M rönnen, und er Muß ein jüdischer Mensch sein, rmr jüdische Jugend zu wirklicheir Juden zu erziehen. Nun wird die Frage laut werden: Was stellt, ihr jugendlichen Schwäviner euch unter einem jüdischen Menschen vor?- So gefragt, müssen wir in Verlegenheit geraten^ denn die Antwort ist nicht mit wenigen Worten knapp zu geben; sie kann nur angedeutet, nicht erschöpft Werden. Besonders Martin B ub er hat in seiner Ansprache „Zion und die. Jugend" und in .seinen zwei! Gesprächen „Jüdisch leben" („Jerubbaal", Heft 1 und 2) uns ahnen lassen, was eigentlich unter „jüdischem Men-, scheu" zu verstehm sei. Wir wissen nur, daß wir Wederdeutsch noch jüdisch sind, und daß 'wir das Judentum suchen müssen, um von unserer - Seelenkrankheit. von unserem Zwiespalt erlöst zu werden. - Es liegt aber die gesegnete Straße, nach Zion vor uns. . Jeder junge Jude, der sie unbefangene betritt, wird allmählich seine Seele mit'jüdischen .Werten füllen. Arid was versteht die jüdische Jugend unter Zion? „Zion ist uns mehr,als ein geographischer oder geschichtlicher Begriff." Zion ist für uns die' Wiedererlangung des jüdischen-Geistes, des jüdischen Gottglaudens. des jüdischMDLandes. der jüdischen Sprache, was alles sich zusammenfasssn läßt in dein Satz: Zion ist für uns die wahrhaft jüdische Gemeinschaft. Nur wenn wir diese werden erlangen können, wird die jüdische Jugend wieder gesund und stark werden, die mannigfachen Kräfte und Fähigkeiten, die. in uns schlummern, und die tm? Galuth entweder überhaupt nicht oder nur mißgestaltet und umgewertet zum Ausdruck kommen können, diese' wunderbaren Seelenkrafte/die überall den Juden aus. der Masse der Böller emporgehoöen haben, werden m der wahrhaft jüdischen Gemeinschaft sich fter entfalten. Der Jude, wird es nicht Mehr nötig habery. rp der Welt des Handels feine Intelligenz' anwrnden zu müfsen. er wird auch andere Betätigungsfelder, ergreifen, und wie auch immer er arbeiten wird, er wird jüdisch leben, er wird ein jüdischer Mensch feiu. Hm es .nochmals zu wiederholen: jüdisch im Geiste, ßm Goitglaubrn, in Sprache, in Lebensart. Und nun, unt zu unseren „jüdischen" Lehrern zurückzukommen, sind diese also jüdische 'Menschen? Lehren sie uns nicht jüdische.Geschichte ebenso wie sie uns Weltgeschichte vortragen , würden, wird nicht die Brdei ebenso überseht wie ein.äateinischrr Schriftsteller? Wird dir jüdische Äugend nicht mit der Ke-mtms bslangloser Em zecheiten geplagt, die so gelehrt werden, als gäbe es eine mosaische Dogmatik, an Stelle, daß ihr ein Überblick über das Leben und die Lebeirserscheinungen des jüdischen Voltes in Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft gewährt werde? Hat uns nicht das Schulstudium der Sprache unserer Väter bloß das Auswendiglernen hundert fremder Bskalr bedeutet, war uns nicht die «jaisc Wiederholung der alltestamentarischrn Geschichten in der Darstellung irgendwelcher Religivnslehrergröße eine Plage? Sind wir nicht völlig verständnislos den Bräuchen und Sitten unserer Ahnen gegenüber gestanden, weil alles schulmäßig behandelt worden ist? Jeder lebendige Brauch muß auch als ein. Stück Leben hingestellt werden. Es soll von jüdischen Sitten und Lebensartfchauungen nicht heiß eil:' Tin „frommer" Jude darf nicht. . .. sondern: Ein Jude wird nicht. . . And dies sollte dm Kindern von dem Alter ihres ersten Erfassens an emgermpft werden. Da streifen wir nun ein überaus schmeHlichss Kapitel der jüdischen Jugenderziehung: die sogenannte „jüdische" Familie. Es ist wahr, daßt in der jetzigen Zeit des Erwerbskanrpfes dem Vater und der Mutter hier-in Europa im allgemeinen nicht soviel Zeit, Geduld und Liebe übrig bleibt, um sich mit der körperlichen! .und seelischen Aufzucht ihrer Kinder eingehend zu befassen. Zu jüdischen Kindern konnten uns aber unsere Eltern überhauptnicht erziehen, da sie selbst keine wirklichen Juden waren. Sie gingen vielleicht alte hohen Feiertage in den Tempel, zu Hause wurden noch klägliche Fragmente der einstigen jüdischen Bräuche grübt, ist dies aber lebendiges Judentum? Bei einigem guten Willen hätten uns abtt unsere Eitern nicht so ganz jämmerlich allem lassen müssen. Wenn viele unserer Väter, anstatt Tarock Zu spielen, lieber die Kinder nach ihren tausend großen und kleinen Sorgen und Fragen ausgeforscht hätten, wenn viele uw serer Mütter an Stelle endloser Konferenzen bei der Schneiderin es vorgrzvgen hätten, in unserer Kinderstube zu fitzen und uns nicht christlichfozialsn Gouvernanten zu überlassen, dann wäre manches besser gewesen. Freilich, wenn Man dies den Eltern ms Gesicht sagt. wirdMan als undankbar gescholten. Es-wird einem vorgsrechnet, wieviel Geld für die. Erziehung ausgegebrn wurde, Man wird auf das reichliche Essen und auf dir schönen Kleider aufmerksam genmcht. „Soviel Geld hat man für die Erziehung ausgegeben, und dann koMmt so ein Kind dahör und sagt," es fei überhaupt von uns nicht erzogen worden." Ist Aufp-äppeln eine Erziehung zu nennen? Wo bleibt das jüdische Märchen, das jüdische Kmdsrli'ed? Wo bleibt die SabbatstiMmmrg? Wo bleibt das jüdische Leben? Wenn morn noch nicht so stark liberalisiert oder assvnriliert ist. um zugestehen! zu könnsn, daß ein wahrhaft jüdisches Leben für die Wohlfahrt der jüdischen Jugend notwendiger ist, als Speise, Trank und Wohnung, dann wird män ebenso emgestehrn müssen, daß ein solches jüdisches Leben hier in Europa unmöglich ist. Wer es schon weiß, daß der Seelenhunger der jüdischen Kinder nach gesundem jüdischen - Leben stärker ist als der Magenhunger nach ftäftiger Kost, der muß dann auch vor