Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 20 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 298 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I m I / Seite 814 - „Dr. Glochs Wochenschrift' ' ' Sir. 2» pouden jetzt i» der Lat der ganzen ^gesitteten Menschheit einen Di«rst erweisen, wenn sie den Schandprozeß usgwe ad finom fuhren werden. Es scheint übrigens, daß auch di: konservativen Schichten der französischen Bevölkerung und ihre Führer zu begreifen -beginnen, daß der obstinate Generalstab nicht dem Patriotismus, sondern dem Anarchismus dient >. . > /Gelegentlich des Kuttenberger Prozesses will ich mich nicht über den „Ritualmord" im allgemeinen verbreiten. Darüber sind die kulturgeschichtlichen Akten geschlossen. Allein erlauben Sie -mir rm Hinblick auf den speziellen Fall folgende Betrachtung anzustellen: ' Die Antisemiten werden es nicht müde, die 'Juden als das Nonplusultra der Schlauheit und Verschlagenheit Hinzustellen: wie paßt nun zu diesen Eigenschaften die brutal-blöde Untat in Polna? Wenn heute irgendeine offenbar geheime Gesellschaft oder Sekte Menschenblut Hecken wollte, so würde sich ihr wahnsinniger Verbrechergeist seine unbekannten und schon im Leben : verschollenen Opfer in den größeren Städten suchen und «nicht aus dem Landti Bon diesem s Gesichtspunkte beurteile ich Me in letzter Zeit als Ritualmord angeführten Fälle, . . /Soviel ich sehe, hat der antisemitische Aberglaube chom Ritualmord gegenwärtig eine vorwiegend ökonomische Bedeuümgj. Die Antisemiten geben por, das Volk .von . den wirtschaftlichen Vampiren befreien zu wollen. Ein Volk aber, respektive Volksschichten, welche in wirtschaftlichen Fetischismus LroßgeZogen wurden, werden 6e fnci* mir für die verschiedensten Vampire jüdischer und christlicher Kon- . session geradezu präpariert. Dieser antisemitische Aberglaube, wie ersichtlich, ist allgemein, . ist international, -gegen chn ist darum gemeinschaftliches Auftreten aller Gegner emgezeigt 'Später schrick Masaryk jene berühmte Broschüre „Die Notwendigkeit einer Revision des Polnaer Prozesses", die «er Münz mit einem Schreiben übersandte, dessen bezeichnendste Stetten wie folgt lauten: „Ich wünschte, eine flammende Feder würde zeigen, welcher Justiz und welcher Medizin in Oesterreich das Leben der Menschen /«wertraut ist — einer Justiz und deiner Medizin, der ein Laie sagen muß, wie sie denken sollte. . . . Das k. k. Justizministerium kann nur liquidieren. Die Polnaer Affäre ist ein blutiges Memento, rin grauenhaftes System unserer österreichischen Deka- - _____ i WtW die Kriegszensrrr während der Knegsdauer zur Veröffentlichung verboten hat. Machstchiend folgen wiederum einige Mitteilungen, die eine weife österreichische Zensur der öffentlichen Kenntnis enWehen M Wen vermeinte. „Mn russischen Juden verdanke ich mein Leven." (Die Abenteuer eines nngarischen Honved.) Alexander Bvrsos, Waurergehilfe uns Groß^ Wardein, Am, — so erzählt „Egyenlöseg" — mit den 4 er Hvnveds an die russische Frönt und geriet in einer blutigen Stunde der WliZischen Kämpfe in russische Gefangenschaft. Die. Umstände, die Kampfe, unter denen Borsos in russische KriGsgesangenschaft geraten ist, bieten nichts von besonderem Interesse. Die Umstände jedoch, unter denen Borsps Ms der Gefangenschaft entkam, sind sicherlich neuartig! und stehen beispiellos da. ' In JekateriwbüW wie an so Vielen anderen. Plätzen, in denen sich Gefangenenlager befinden, hatte Borp sos naturgemäß keine sehr glücklichen T,age. Monate hindurch sann er darüber nach, wie er ohne Gefahr ans der Gefangenschaft fliehen könnte. Eines Dalles, als er mit Zivilinternierten tzusammenAm, stieg in ihnr der rettende Gedanke aus, er werde als galiKischer Rabbi .fliehen. Zunächst Leigünn; er an dem Aeußeren seines kernmagyarischen Gesichtes einige zweckdienliche Aendermtzstn vv^unchmen. Er ließ sich den Bart wachsen und wartete auf Mt Gl,M W wjar ihm bekannt, daß die.Internierten ein sogenanntes „weißes Billett" besaßen, mit welchem sie sich frei bewegen, sogar reisen konnten. Nachdem er sich mit großer Mühe in den Besitz eines solchen weißen Billetts gesetzt hatte, sah er sich , nach einem Helfer um. Er fand bald einen solchen in Max Roth, Kaufmann in Nyirbvgdany, der eGnsognt deutsch sprach, wie den russisch-Mischen Jargon. Mit Hilfe dieses Roth wurde M beide je ein Kaftan bv- 'schafst. An einem Frühmorgen nun, ein scharfer Wind pfiff durch die Risse und Spalten der MfangeneWaracke, es war ein häßlicher, bleischwerer, sibirischer Morgen, eilten Wei ungarische Honbeds der schlafenden russischen Stadt p. Dort am Ende der Stadt wohnte ein Mischer Krämer. Er hatte sie bereits erwartet, Nach wenigen Min-uten traten aus dem Krämerladen zweiKastanjuden /auf die Straße. Arm in iÄrm gingen sie ruhigen Schrittes und sprachen leise miteinander — ungarisch. Zunächst bestiegen sie einen Eisenbahn^ug. Eineinhalb Stunden lang hielt der Zug in der Station und während dieser Zeit hielten russische Soldaten fünfmal eine Revision unter den Reisenden. Mancher dieser Soldaten, kannte die Ieiden persönlich aus dem Gefangenenlager Besonders Bor so s hatte unter ihnen mehrere Bekannte. Mer dieser Großwardeiner Maurergchilfe senkte bloß den Kopf und pg es vpr, mit seinen angepickten Pajes selbst dem Eintretenden entgggenKngehen, als ahpwarten, bis derseOe p ihm käme. Seine ÄGitimation, die ihm der Mische Krämer eingehändigt hatte, mußte er erst vorsichtigaüs seinem Schnupftuch, in welches sie eingewickelt war, hervorholen. / Als sie endlich nach Kiew kamen, begaben sich , die beiden ungarischen Soldaten in die Stadt, wo ihnen mitleidige Juden Geldunterstützungen gaben, mit welchen sie die Weiterreise bewerkstelligen konnten. Plötzlich begann das Kiewer Kommando sich für diese Awei KaftanMen, die sich einen Erlaubnisschein pr 'Reise nach Ezernowitz verschafft hatten, mit Werraschender Eindringlichkeit und Strenge p interessieren. Sie wurden Mr Einvernahme vorgeladen. Roth vermochte sich noch irgenwie,hemüMhauen, da er in der Lage .war, sich müdem Wischen Dolmetsch. p verständigen, mit dem Maurergehilsen Bor so s jedoch 'stand es recht schief und schien einer Katastrophe ppführen, Schließlich kam ihnen ein rettender Gedanke: Borsos erklärte kurzweg er sei spaniolischer Jude, und der Dolmetsch mußte pgeben, daß er diese Sprache nicht verstehe. / Da ein solcher Dolmetsch nicht aufptreiben war, wurden die beiden schließlich entlassen und sie konnten ihre Reise nach CAernowitz, das damals in russischem Besitz war, fortsetzen. Auch in CAernowitz würden die beiden ungarischen Soldaten von den Juden mit Wohlwollen und Hufe aller Art überhäuft. Voll Hoffnung auf die Erlösung harrten die Flüchtlinge des! weiteren Verlaufes der Dinge. Da,, in einer Nacht, wurde starker ^Kanonendonner hörbar. Gegen Morgen wurde er immer stärker. Drei Tage lang ging es so ununterbrochen. Das Gebrüll der Geschütze wjar bereits' von drei Seiten der Stadt hörbar und die Russen rührten sich noch immer nicht. Am dritten Tage um . Mitternacht erfüllte die Luft das Getöse einer schrecklichen Explosion. An einigen Stellen her Stadt wurde das Pflaster' aufgerissen und eine Wasserflut ergoß sich Wer die Straßen. Und Aweialte Cprnowitzer Juden stiegen in das Versteck der in großer' Erregtheit harrenden zwei ungarischen Soldaten: „Jetzt ziehen sie schon ab! Menü sie die Wasserleitung sprengen, dann Ziehen sie ah. . ." Und die beiden .ungarischen KolWen waren frei.... Ein Gernütsmensch. Das Grazer „Volksblatt" vom 19. Januar berichtet über einen Vortrag des Rittmeisters v.Seutter.'Derselbe hatte einen in Graz .ausgerüsteten Zug nach, den Schlachtfeldern - der.Karpathen zu bringen, und in dem Vorträge erzählt er von seinen Erlebnissen. * - - ,/!- -