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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-05-16 · 19 (16.5.1919) · p. Seite 278

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
19 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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W-tte 2S4 >Dr. Mlch'S Mochenfchrist' R». iS T>ennM> wußte man aT die Greuel mit. der Lehre von der „FMdesliM" durch Deutungen und Umdeutungen in Einklang erscheinen zu lassen: schließlich sei der Glaube, die.dogmatische Anerkennung, das Entscheidende, schon Verdienstliche: die Völker kernten — sich delügen oder das religiöse Bekenntnis, als etwas Lebensfremdes anzujehdn, dem das praktische und politische Verhalten keinerlei Rücksicht schul- . Das anmaßliche Selbstlob, als sei unsere Zeit in sittlicher Kultur über die Vergangenheit mächtig hinausgeschiritten, wird jedoch gründlich zerstört durch die Geschehnisse, deren traurige und leidende Zeugen wir sind.; Da sitzen in Versailles die Vertreter der groben und kleinen christlichen Völker aller Fünf Weltteile, um dem überwundenen, gedenMigten, zu Tode getroffenen deutschen Volke die Bedingungen eines Friedens .aussluerlegen, und jeder Satz atmet Daß, Rache, unmenschliche Härte, Siegerübermut, Entehrung, Erniedrigung, unversöhnliche Grausamkeit. Man verlangt von ihm eine Milkmrdenanzahlung auf eine Kriegsentschädigung, die man zrffermäßig noch nicht nennen will; man nimmt ihm seine Schiffe: man fnternationalisiert seine Flüsse: man macht es wehrlos mitten in einem Kreis von SchwergeÄsteten: das ganze linke Rheinufer bleibt besetzt,/ das SaargMet wird zur Annexion, vorbereitet. An .Polen verschenkt man Posen, Westpreußen und einen Großteil Schlesiens: Polen, das seit der Befreiung vom moskowitischen Joch nicht einen Tag aufgehört hat; brennend, sengend und mordend gegen Wehrlose, vo^ugehen, wird reich ausgeshrttet, mit Schätzen überhäuft, um zwischen den Molen und den Deutschen den Hätz .Zu verewigen. Anfangs wurde von allen Tribünen der Welt verkündet, der Kampf gelte bloß dem preußischen Mi- IWrismus: verheißen wurde ein Friede der Gerechtigkeit Änd SelbsthestimnÄng der Völker, und irun bietet man der Welt einen Frieden des Hasses und der/Gewalt — der alle Gefahren neuer Völkerkriege in sich trägt/ Das französischeDoV, das wegen der einstigen. Derkündigung vpn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Ehrennamen „die messianische Nation" erhielt, %n jetzt seinen Siegerübermut,. sein Rachegefühl und seinen Haß nicht zügeln. Nach Beendigung des Dölkermo.rdens verlas am' 11. November Lloyd George por den Mitgliedern des Unterhauses die WaffenstMtandsbedingungen.und schloß seine kurze 'Ansprache mit' den Worten: „Ich beantrage die sofortige Vertagung des Hanfes, um in der Kirche G ptt unfer en 'D ank d arzu b r in - gen." In dem verlesenen Dokument hieß es aber Punkt 16 lakonisch: „Die Blockade bleibt bestehen", d. h. auch nach EinstMüng der Feindseligkeiten bleibt die' Zivilbevölkerung in Deutschland und Oesterreich, bleiben Mil-/ lionen Frauen, Kinder, Greise nach wie vor dem/Tode durch MLeWnW ung äusgekiefert. — In der jüdpschch Bibel wird einMchärst: „Wenn dein Feind hungmt, reiche ihm Brot/* Hfer wurde Gott gedankt, daß wehrWe Greise, MauMr und Kinder deM 'Hunger und der Not preisgegeben bleiben. .//" //^ - . Freilich war der „Friede" von Brest-Litowsk auch nicht vom Geiste der .Völkerversöhnung diktiert. Mit Mpmmten H offnungen kam man in Bresf-Litowsk zusammen, aber anstatt die Sprache der Menschlichkeit Dren zu lassenrief General H p ff M an n. mit. gepanzerter Faust den geschlagenen Russen zu: „Mir.stehen hM als Sieger!" - i, ' Gransamkeit gegen den überwundenen Feind bildete rin CharMMN^rkmal des HeidenÄms, und dieses Heidentum ist heute noch fo kebendig wie vor drei -Jahrtausenden. - / _ - ' Wilsons 14 Mrogrammpunkte verkündeten neues Heil der gequälten Menschheit — sie werden so. geachtet, wie das religiöse Gebot des Christentums, „den Feind zu lieben". Die atavistischen Instinkte der heidnischen Barbarei spotten aller grauen Theorien. Nur die Phraseologie unterliegt der Zeiten Wandel. Wie im Mittelalter der Glaubenshaß bei Verübung, feiner Grausamkeit in das Gewand einer heuchlerischen„Liebe" sich kleideteso. 'bedient sich heute die brutale Gewalt der idealsten Sch-lagworte pon Gerechtigkeit und Freiheit. 2n einem zeitgemäßen.Büchlein „Kriege in biblischen Landen",.das im Verlage von F. A. Perthes in Gotha erschienen ist, behandelt -Professor Rudolf Kittel auch die ersten Ansätze ra einem Völkerrecht im alten Israel. / . Professor Kittel hegte nie ein Wohlwollen für Juden und Judentum: er steht zu nahe dem deutschnationalen Gedankenkreise, ist politisch konservativ orientiert. Allein er ist ein bedeutender Kenner des (biblischen Altertums und der Geschichte.Alt-Israels. ' Es wird allezeit — schreibt er — einer der besonderen Ehrentitel bleiben, dessen das Volk Israel sich rühmen darf, haß bei ihm allein weit und breit unter den Völkern und für lange Jahrhunderte sich ein Widerspruch, ja ein Protest des verletzten sittlichen'Empfindens da regte, wo. man Dinge wahrzunehmen glaubte, die das Maß des in der Zeit Aeblichen oder dessen,- was nach dem fittlichen Artest der Redenden zulässig schien, überschritten. ’ { So hat der Prophet Iesaia in einer seiner größten Reden das Gericht der Weltgeschichte über das Assyrerreich herabgerufen, -weil feine -Herrscher aus Haß -gegen^ die besiegten Völker ihre Gewalt mißbraucht hüben/ (Ies. 10, 7: 16 ff.) - / / Allein schon einige Jahrzehnte früher .ging sein Landsmann Amos noch einen' Schritt weiter. Er wagt es, den für dieses frühe Altertum geradezu unerhörten und dämm auch beispiellosen Gedanken auszusprechen, daß Gottes Rache sogar den treffen werdeder sich an Israels Feinden iM Kriege wider Milde und Barmherzigkeit verging. Daß der Prophet den Edbmrtern, weil sie im Kriege mit Israel „das Erbarmen erstickten", das Gericht Gottes ankündigt, könnte . schließlich nicht wundem, obgleich gerade, diese Begründung in so. frühem Altertum immer schon unserer höchsten Beachtung wert . wäre. Aber Amos geht viel weiter. Auch Moab, das an dem besiegten Edom so handelte, wie Edom atz dem besiegten Israel,, muß deshalb fallen, weil es an dem grimmen Feinde Israels schändlich 'gehandelt hat./ / - Man bedenke, was es heißt, daß has Gewissen eines Mannes des achten Jahrhunderts vor unserer Zeittech-/ nung sich dagegen aufbäumt, daß / andere - Völker nicht etwa dem eigenen Volke, nein, seinen verhaßtesten und mit allem Gmnd gehaßtem Feinden Uebles im Kriege, Unrecht und maßloses Aehel zugefügt haben. Welches Maß hochgemuter Einsicht in die Würde des Menschen.und nn die Hoheit des allgemeinen, übe? die Schranken der Völkerhinausgreifenden Sittengesetzes muß solchen Männern beschieden gewesen sein, die es wagten, den Gedanken zu fassen, daß die Wohltat der sittlichen Weltprdmmg m%\ der Feind genießt, und denen das. in derMenschenbrustlehendeSittengesetz mit solcher Deutlichkett die G ewißheit gab, daß düs Brechen eines Pölkerbundes oder unmenschliche Kriegssitten die Menschenwürde auch im Feinde mit Füßen treten und das Gewissen der Völker kränken! Man müßte angesichts dessen, was wir fest Jahren täglich erleben, allen

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