Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 14 (4.4.1919)
- Date
- 1919-04-04
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022367--27651-3053080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr 14 Dr. BloiPS Wochenschrift- Sette 211 dps Gotteshaus ist zum! Herzensergüß da, und der wird durch die erhabenen Töne der Orgel, die die EebeLsweisen begleiten, besser, erreicht, als durch schnell verflogene Worte und durch künstliche Triller, die, wir meinen beide Dinge, mit dem eigentlichen Gebete nichts zu tun Soviel im! allgemeinen. In Einzelheiten, die,in den berührten. Artikeln vorgebraicht werden, kann ich nicht eingehen; daZu fehlt es mir hier an Rauin und auch ftn Lust; die Gegner werden sagen: auch an Wegabung. Sehr richtig; denn mit soviel Lesefrüchten, als es Dr. Grunwald' getan, kann ich nicht aufwarten. Aber Meinen Goethe habe auch ich . gelesen, und so mUh ich sagen, daß das aus.Goethes „Faust" gegen die Orgel vorgebrachte Motto falsch angewendet ist; die Süüderm Gretchen wird gerade durch den feierlichen Orgelion an den ganzen Abgrund des Verderbens, in das sie geraten, geMahnt, und diese StimZne hält.sie nicht aus. „Ware ich hier weg! Mir ist, als ob die Orgel Mir den Atem versetzte, Gesang mein Herz im Tiefsten, löste." Den Spruch voM Gesang hat G. wohlweislich verschwiegen, denn sonst hätte er sichs verdorben nicht mit den Orgelferen, wie er sich fein ausdrückt, sondern mit den Herren — Kantoren', was weit fchlim^ner ist. Man sieht aber, daß Man -durch ein Orgelzitat aus Goethe, um> wiederum mit Ei. zu reden, noch nicht abgegurgelt'iwird. Ja, ich kann gegen dcN Olympier Goethe, der uM den Sinn seiner Worte betrogen wurde, den nicht Minder großen Schiller (Ueber' Anmut und Würde, Ende) anführen: .Das F-ierliche unterstützt den Eindruck de» Großen und Erhabenen nicht wenig, und wird daher bei Religion»gebr5nch'n und Mysterien mit graßem Erfolggebaucht. Die Mirkunqen der Glocken, der Choralmnsik, der Orgel sind bekannt; aber auch inr da» Auge gibt'e8..ein Feierliches, nähmlich die Pracht, verbunden mit dem Furch tparen^ wie bei Leichenzeremonien und bei allen öffentlichen Aufzügen, die eine, große Stille und einen langsamen Takt beobachten." — ' Dies natürlich bloß als Aeutzerung; für Glocken . begeistern wir uns nicht?) , u. Da Herr Rabbiner Dr. M. G ru n w a l d auch Isaak Noä Mannheimer unter feilten klassischen Zeugen g eg en die Orgel führt, $o seien folgende Worte dieses -beliebten Wiener Predigers angeführt (Zulässigkeit und Dringlichkeit der SynagogenreförMeU, begutachtet von vorzüglichen im und ausländischen RabbineU, Wien 1845, Seite 7): „Ueberhanvt wüßte uh wirklich nicht, was denn daran ein Verfängliches sein sollte, daß der Gesang ein abgemessener, geregelter und geordneter sei. Gesungen wab zu allen Zeiten, in allen Synagogen, heutzutage wie ehedem. Was und w i e gesungen wird, davon kann jeder sich überzeugen, der an Festtagen eine jüdische Synagoge v»m-alten Schlage betritt. Welcher Gesang gottgefälliger, der Ehre Gottes'würdiger und angemessener ist, der in den neuen oder alten Synagogen darüber dürfte schwerlich ein Wort zu verlieren sein. Gegen das unordentliche, ungestüme, wüste, wilde Schreien in den 'Synagogen ward im Gegenteile von allen verständigen Nabbinen von jeher geeifert, und nur dem Unverstand der heutigen Rabbinen war es Vorbehalten; dein sogenannten und sonstigem^Unsnge das Wort zu re; en." > - Hier ist zwar Ne Orgel nicht ins Auge gefaßt worben, weil sie damals, für das Gutachten, nicht in Frage stand; Aber kann'.„eilt Mann, der so schrieb, prinzipiell gegen die Orgel gewesen fern?9 10) Kann die Wechselwirkung zwischen Gesang und Orgel geleugnet werden? Es ist. klar, wie L. Low richtig erkannt hat, daß sich die Opposition der Beharrenden nicht direkt gegen die Orgel richtet, „sondern gegen den geregelten, feierlichen Gottesdienst überhaupt, und das ist Sünde genug." (Zur Orgelfrage, S. 31.) And wohin M t tttfön das Harmonium, dieses der Orgel ähnliche TastmstruMent, das Herr Dr. -Grunwald wenigstens an Hschgeiten und sonstigen Festen und selbst zn Requiems duldet? Ein anderer Zeuge, den Dr. Grunwald führt, ist Oberkäntor P. Minkowsky in Odessa. Nun berichtet mir aber Herr Oberkäntor I. Morgenstern, Wien, der den Mann und die Odessaer Verhältnisse gut kennt, daß in der betreffenden Synagoge (Synagoge der Brodier in O'deffa) denn doch die Orgel emgeführt wurde, und -zwar auf Betreiben desOberkantors selbst, und keiner war darob so glücklich, wie Oberkäntor Minkowsky!^. In dieser Weise könnten wohl auch andere Zeugnisse, die Man gegen die Orgel führt, zerpflückt werden. And wenn das nicht der Falk — was nützt dieser dreißigstimmige Chor von Anti-Gorglern (bitte, nur in des Gegners Manier gesprochen!), gegen die dreihundert Orgeln, die in Deutschland und Oesterreich-ANgarn allein in den Synagogen eingeführt sind! Deren Sprache ist doch mächtig genug! Daß sie in Frankreich, Italien, England, Amerika durchwegs eingeführt sind, wird von Dr. Grunwald selbst zugegeben — und das Judentum ist darüber nicht zugrunde gegangen. Wenn nun der Herr Rabbiner für eine. Sonderstellung Wiens eintritt, in welcher Stadt .Mst jund West, alt und neu Zu versöhnen" seien, so dürfte denn doch der jüdische Gottesdienst viel zu erhaben sein, als daß er ein Mittel — des Fremdenverkehres abgeben sollte. Diele, die ihr Wen wirklich gern Habens werden anders denken; Wien soll von dem gebildeten Westen nicht gewaltsam abgetrennt werden. Doch, die Richtigkeit des Gedankens zugegeben: wäre nicht für das Aufeinandertreffen von Ost und West besser gedient, wenn neben den vielen Bethäufern, die ihr — östliches Gepräge wahrlich genug hervorkehren, auch eines, und Mar größeren Stiles, dg wäre, das den westlichen An- 8) Die Erklärung: „für Glocken begeistern wir uns nicht", ist eigentlich eine Inkonsequenz. 'Im Sinne der angerufenen autoritären Aeutzerungdes großen Schiller unterstützen die Glocken zweifellos das Feierliche; dieWirkungen der Glocken ist.ebenso bekannt wie der Gndruck der Orgel. Warum /also für Glocken weniger „Begeisterung" als für die Orgel? Ein guter Architekt wird auch das j Problem, der Leopoldstädter Synagoge einen Glockenturm auszusetzen, unschwer - lösen. k i Gr. 9) Mannheimers ablehnende Haltung der Orgel gegenüber bezeugt kein Geringerer als der große Geschichtsschreiber der Juden, Heinrich G r a etz (XI, 435). Er sagt von Mannheimer wörtlich: „Zum Leidwesen seiner ehemaligen Reformgenossen gab er Orgel und deutsche Lied er preis. Zn M. wie in dem neuen Tempel in Wien umarmte, sich Morgens mw Abendland, als wären der Wiener Tempel und die Gemeinde von Anfang an bestimmt gewesen, das Versöhnungswerk zwischen den alten und neuen Formen zu vouzkehen. Sulzers Melodien machten die betäubendes Orgeltöne überflüssig und ließen sie als störend erkennen." So weit Graetz, der also auch die Sonderstellung Wiens, „Ost und W«U alt und neu. zu versöhnen", betont. > . i. .' \ [ ' ■ Dr. Grunwald. 10) Diese Mitteilung des 'Herrn Morgenstern kann unmöglich mit der Wahrheit übereinstimmen, wenn in Minkowskys Schrift „Die Entwicklung der synagogalen Liturgie", zn lesen ist: „Man braucht kein.Pessimist zu sein, um der synagogalen Reform, im Westen den totalen Verfall prophezeien zu können, wenn nicht eine andere Reform, im Geiste der Religion und Tradition, auf orientalischem Boden unternommen wird," Er erklärt es für die Pflicht der Kantoren, „eine universelle Liturgie, auf religiösen und nationalen Prinzipien aufgebaut, für die'Synagoge zu schaffen." Von Jakobsohn, dem jüdischen Orgelinitiator, sagt M.r „Er 'eröffnet mit protestantischen Hymnen, Mädchenchören, Org tV. spiel und Glockenklang. Es fehlten nur Kreuze, Evangelium, Abendmahl, und noch einige solche Kleinigkeiten, um dßr volle Dankbarkett der emanzssnerten Juden'an den Tag zu legen." Das schreibt Minkowsky! And mm »sollen wir glauben, daß ebenderselbe Autor die Einführung der Orgel in feiner eigenen Synagoge„betrieben" hat. Man müßte uns denn ßlauben machen, daß Min» kowsky später der Hilfe dieses Instrumentes so sehr bedürftig geworden war, daß er auch seine öffentliche, feierliche Verurteilung der flrgelreform verleugnen mutzte^s Die Redaktion.