Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-04-04 · 14 (4.4.1919) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3022353-3022367--27650-3053079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Satt« £10 Dr. MoK'S WWeuWrist 9tu 14 gewahrt und geschont wUen? Er sollte .es tun, denn durch die moderne Aufklärung ist so mancher.von uns aus unseren Reihen getreten. Alldie Männer also, die das Judentum — höret und staunet! — vor der Emanzipation/vor der modernen Schule, vor der neuzeitlichen Aufllärung, vor der Berührung mit der christlichen GeseUchast fürchteten, halten -so Unrecht nicht, denH so manchemwön uns benAhmdjas den Halt; doch das Judentum steht und wird immerdar stehen! Die Gefahr freilich Lestehch besteht sogar.in großem.Matze,' wM uns darum Dr. iG runwald/ns Ghetto Zurücktreiben? Wehe der Religion, die das Sonnenlicht zu scheuen hat! Gerade, üirt der Gefahr zu begegnen, muffen wir etwas tun. 'Vlo-n jeher aber hat man, neben dem!, verbesserten Religionsunterricht, als wirksamstes Mittel die Regelung, Ausgestaltung und Veredelung unseres Gottesdienstes erkannt: will der Herr Rabbiner auf dieses Mittel verzichten? Sv schlage er uns denn ein besseres vor! Oder erblickt er -es str der leidigen — Mädchenkonfirmation, für die er merkwürdigerweise kein Wort der Mißbilligung ha^ und in der er selbst mitwirkt! Sind auch All die Mädchen, die er konfirmiert hat, wirklich stwMme Jüdinnen geworden öder auch nur-im Judentum verblieben? Und da, wo man mit Haut und Haar eine 'christliche Institution übernommen hat, fürchtet Man sich nicht' v'or jüneM Abgleitem ms Ghristentum! Ja, Auch unsere Maskir-Andrcht, die einzige, dir unsere Synagoge füllt, soll nach den besten' Forschungen christlichen Ursprungs^) sein, von den Requiems, die man Hie und da in unseren Synagogen veranstaltet, zu geschweigen. Und angesichts solch schwerwiegender Tatsachen wagt man nach zu bchaupten, das Judentum', verhalte sich ablehnend gegen alles, was von außen kommt! , „ Es. ist ein billiges Manöver, von jedem, der den Gottesdienst „reformieren" oder gar die Orgel emMhiren! will, em LiebaugÄn mit dem Ehristentum vorauszufetzen, oder in ihm' den halb und halb Abgefallenen zu erblicken. Und das ist der Ton, auf den die iGrun-, waldsche ArtikÄserie eingestellt ist. Die Orgel gemahnt ihm an die Scheiterhaufen?) An die Pogroms, an dilr Kirche. Sv weiß ich nicht, warum' ihn nicht der Schnitt seines Ornates?) die deutsche Predigt?) die er halt, die s) Schon Juda Mäkkabi (2. Makkab. ,12.- 43) weiht den Manen seiner Brüder Gebete!und Opferspenden. — Die dieses Entgegenkommen gegen Wünsche der Gemeinde bewiesen und trotzdem die. Orgel abgehchnt haben, verfuhren wie 'der Arzt, der dem! Äranlett > eine bestimmte Dosts Arsenik verschreibt, um ihn zu kurieren. Ein Quentchen darüber »würde ihn töten. Dr. Er. 2) Nicht erst mich /gemahnt . die. Orgel an den ^Scheiterhaufen, ich zitierte vielmehr Aeutzerungen von Männern, wie Ludwig August Frankl, der erklärt: „Otgel ist Mngendes Christentums — Ursprünglich in seinem Glauben an einen Gott, originell in seiner Legende And Geschichte, vriginell in seinen heiligen und weltlichen Dichtungen, warum isoll er »(der Jude) plötzlich zum Nachahmer der Kirche werden, der er nicht Huldigt, die den Gebildetsten vielmehr an die Schmerzensschreie seiner Glaubensgenossen während zweier Jahrtausende, als an Musik erinnert." — Ferner Dr. MaAmiliän Steiner, der in der Sulzer-B ographie schreM: „Die Orgel ist das Instrument des christlichen Mittelalters. Sie zunr jüdischen »Gottesdienste heranzuziehen, ist -ein Widerspruch in sich. Die Dkgel ist erklungen, wenn die zum Geuertode verdammten Juden eme Kirchentür passierten, wenn die gleich Schafen in »die Kirche getrkeöenen Juden die Predigt etwarten mutzten." In btzug auf Sulzer möchte ich einen Irrtum richtigstellen, auf den Herr Dr. R o s n e r aufmerksam gemacht hat. Der Einführung -er Orgel rn Wien., hat;6ulzer wohl nie das Wort geredet, dagegen. den/gedrucktenDchir Zion für das Bedürfnis ander« Kantoren zum Teil auch für Orgel eingerichtet. _; ( -Er. *) lieber die besondere Amtstrachtder Rabbiner, vom Eaon in Bagdad (nach Pethachjah, led. Benisch, /'S. 43). abgesehen, siehe Berliner. Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter, (E\ RR* Wj» flTRWISimAA« lOiÄltA 'TNaa z— k«/ ' und in den illustrierten Monographien von Bälaban ll. a. Er. 5) Daß Predigen in der Landessprache Lei uns urallps Heimatsrecht besitzt, kann seit /Zunz' Gottesdiensüiche Vorträge nicht mehr hezweifelt werden. ( i GrL il-aitgel, die er besteigt, an die Kirche gemahnen, denn das älles hoben unsere Pater Mcht - gekannt. Auch, das sind.Dinge, die zum modernen Gottesdienste gehören und die man erst eingeführt hat, als man W» daß der alte, s chlichte, monoton gemurmelte Gottesdienst nicht Mehr genüge. Auch gegen die deutsche Predigt, nicht, weil sie deutsch ist, sondern weil sie so verdammt christlich ausschaut, wurde gezetert und geeifert/aber .sie drang siegreich durch, und heute Möchten sie auch die ortho-- dorcsten Kreise nicht Missen. Aber Dr. Grunwald wird sie hoffentlich demnächst beseitigen, well sie doch zu dem still-beschaulichen Gebete, d^rs er propagiert, nicht patzt. jDie; deutsche Predigt ist in einem maurischen Gotteshause, wie Grunwald .h) ,sinmeich äusfühtt, gewiß auch stilwidrig: wir erwarten daher zuversichtlich, daß demnächst, wenn es dennoch zu einer.Predigt kommt, in unserem im maurischen Stil gebauten Leopoldstädter Tempel --- arabisch oder zumind'st hebräisch gepredigt werden wird. So sieht es aus, freundlicher Leser, wenn man statt der Erkenntnisse das Gefühl, statt der modernen Zeit das Ghetto, statt der vorherrschenden Kultur. die arabische Wüste sprechen lätzt. Berühmt durch ihr Alter waren die Synagogen in Mainz und Worms; da nahm Man die — Spinneweben nicht von der Wand herunter, weil sie doch gar so sehr stimmungsvoll wirtten?) gar so seht durch den Ort ihrer Entstehung geheiligt waren. Sollen wir noch weiter Konservatoren 'von Spinneweben sein? Denn nicht besser als jene Spinneweben ist der Rost, itz der Fleck, die sich an Manchen unserer Synagogengebräüche angesetzt haben. Und nur diese gilt es zu befettigen, damit unser Synagogenleben seine ursprüngliche Schöne und Erhabenheit wieder ec- . lange.' Die. Orgel ist nur ein Mittel HM, wdM sie Ordnüng Herstellen und einen Gemeindeg efayg Mbeiführen soll: das habe ich ln meiner Schrift zur Genüge, betont, nicht verfäuMenid, zu sagen, daß. auch ich dem' Vokalgesange den Vorzug gebe; was sollen wir aber tun,, da wir bisnunjn> unseren Tempeln .keinen Ge-- meindegesang erzielt haben? Ich un!d die Männer, die nächst zu mir stehen, möchten unferteils. auf die. ganze Orgel verzichten, da wir uns in unserem.. Judentum ge^- nügend befestigt glauhen, und auch ohne sie uns durch unser Gebet gehoben fühlen; aber wir verlangen sie-für diejenigen unserer Glaubensbrüder, diees nun emmal nicht , so weit gebracht hüben, daß sie unsere herzinnigen Gebete auch ohne feierliche Aeutzerlichkeit .auf sich könnten wirken lassen. Wir verlangen, sie als einvMvmiprechendes Mittel, wie mvn seinerzeit die deutsche Predigt als solches verlangt und auch eingeführt hat: den billigen Spott aber, daß auch die .Orgel keinen Tem»- pel füllen wird/ daß sie eigentlich nur für döe „JoM- Kippur-Juden" da wäre, wälzen wir auf die/Predigt ab, die auch keine Wunder. wirkt?) und unsere Maskir- Juden nicht einmal sowett fesselt, daß sie, nachdem sie in dem Maskir ihre persönliche Angelegenheit erledigt haben, noch ein paar Minutenin der Synagoge verböeben ... Das Richtige ist es nämlich/nrW auch. Nur der „schönen/ Predigt zuliebe ins Gotteshaus zu kommen, wie es Auch nicht, .richtig W, sich-just von den! Kunststücken eines „guten"'- Chazzan anlocken zu laffen: ß) Darüber sollte nicht /gespottetwerden. Spinnweben, 'wie in der Altneüschul üsw/ -edecken das Blüt von Märtyrern. und werden darum »geschont. ' 7) Demgegenüber möchten wir sämtlich« Besucher, des,Leopold-' städter Tempels als Zeugen anrüfen dafür, daß '.während der letzten zehn Jahre der Zudrang des Publikums -zum (siottesdienfte in dieser Synagoge «selbst an'tzinent gewöhnlichen .Freitä'g-. abend, derart war, daß Nicht bloß alle Räume und die Galerien überfüllt waren,, sondern daß sehr viele umkehren mutzten, weil ihnen der Einlatz nicht mehr gewahrt werden dürste. ' : ' -; Dr. iGrunwald."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.