Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
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SM M Dr, Blüch'ß- Wenn man chm nicht von der Regierung aus eins Zuflucht einrämnen wird, mutz der vielgenannte deutsch- _ ncttionale Politiker und Staatssekretär für Finanzen Dr. Stein wen der aus dem politischen Leben scheiden. Auch er konnte die Juden nicht leiden und gab seiner Abneigung manchen kräftigen Ausdruck. Die Juden haben ,lchmliH sehr viäe schlechte Eigenschaften. Unter die'en befindet sich namentlich die Treulosigkeit. Nun hatte Steinwender eine schone Gelegenheit, Erfahrungen über arische uno teutsche Treue zu machen. Er hat sich nämlich an dritter Stelle auf eine Wahlliste sehen Man und ist durchgefallen. Nun hätte bloß der Vordermann auf sein Mandat verzichten müssen und S t e i n- Wend er hatte es bekommen. Es gibt Mittel und Wege Ar eine Partei, einen solchen Verzicht herbeizuführen. Dem 'Vordermann fiel es aus eigenem Antrieb gar nicht ein, von feiner Stelle zu rücken und einem bewährten Führer den Platz zu räumen, obwohl er selbst ganz unbekannt ist. Man hätte aber wenigstens energisch versuchen müssen. St ein wender das Mandat zu verschaffen. Aber nichts dergleichen ist geschehen, obwohl es sich, um einen der fähigeren Köpfe und einen allen Vorkänipser der Deutschnationalen handelt. 2n der ganzen deutschen Presse stand nicht einmal ein, Wort, des Bedauerns oder der Vorschlag einer.Aenderung, und die Partei rührte keinen Finger. Man wollte es sich wegen eines Gestürmten mit den Besitzenden und Mächtigen nicht, verderben. Za, die Juden sind eben treulos! Die „Reichspost" veröffentlicht folgende Notiz: Jach söeiger' «Lr nrehr^..! In Felirdorf kam kürzlich die Verlassenschaft des im vorizen Jahre verstorbenen Franz Sedlmayer zur Abhandlung. Die freiwillige Feilbietung einiger Häuser fand rn Sedlflrayers- Easthof in Felirdorf-statt. Es beteiligten sich daran ortsansässige Bauern, Mrtschastsbesitzer und Gewerbetreibende von Felirdorf und Sollenau, aber -auch der dengBau.ern schon lange als EÄerschlächter, Häuser- und Erundspekulant' bekannte Jude Mar Tannenblatt- Schon hatte er den Preis eines Hauses um 15.000 Kronen über den Ausrufungspreiz hinaufgetrieben, als den zahlreichen Heimkehrern unter den Mitbewerbern, die die Häuser zu ihrer Eristenzgründung gebraucht hätten, die Geduld ritz. Sir> drangen auf den Tannenblatt mit den Rufen: ,.Du Jrch, du. wahrend des Krieges warst du im Hinterland und Hast Millionen ergaunert und fetzt willst .du uns die Eründ' und di« Häuser «»^schnappen und damit Kettenhandel treiben! Wenn sich der Jude daraufhin nicht rasch unter den Tisch geflüchtet und geschworen hätte: „Jach sog jo nir mehr, jach Geiger' nir mehr!", wäre er lncht mit, heiler Haut davon-- igekommen. Ob er sich wohl noch einmal an.einer solchen 'Lizitation beteiligen wird?" . . . Aus dieser geistreichen Notiz geht folgendes hervor: Daß eine Verlaffsnschast also die trauernde Familie emes Verstorbenen durch Anwendung. von Gewalt um einen höheren Erlös des Anwesens prellen, wollte. Zweitens, daß sich eine sogenannte „Ehawruse", das ist ein Ring, für die Versteigerung gebildet hat, was die „Reichspost" als höchste Korruption erklärt, wenn es bei Juden, Mchieht. Drittens, .daß. man einen Staatsbürger am gesetzlich erlaubten Gebrauch seines Geldes gewaltf<mr gchindert hat, was die „Beichspost" mit Entsetzen erfüllt, wenn es. sich um den Besitz eines Pfarrhofes handelt. Viertens, daß die Heimkehrer gegen den Juden noch schärfer.vorgegangen sind,, als die Vollswehr gegen die Räraktion der „Reichspost", welche trotz aller arischen'Tapferkeit die von den Soldaten geforderte Er- - flärung sofort und ohne Widerrede veröffentlichte. . Ukrainer nnd Juden. (Ein gesendet.) Wer dem politischen Leben fernsteht und fllr das -Judentum im Osten ein warmes Empfinden sich bewahrt hat/ kann schwere Bedenken wegen mancherlei Vorgänge nicht unterdrücken, durch welche ein Verhalt- Wycherrfchsist ig nis zweier Nationen vergifteL wixd, das in seinerMnzigärtigkeit doch als Markstein für bas Geschich des Judentums gelten mutz. Jeden Juden mM mit stjefster Freude, erfüllen, daß endlich einmal^ ene Ideologie, der zufolge Staatsbürgerschaft- und Nationalität 'als identisch gellen müssen, durchbrochen i|t> und daß der Gedanke einer e inheitlichen j üdri s ch en Nation — lohne Rücksicht auf ihre über die ganze Mett zerstreuten Wohnsitze — zum erstenmal, und zwar in der Ukraine, in die. volle Wirklichkeit getreten ist: in der früher russischen Ukraine, sofort, als die ukrainische „Rada? . regierung" im Herbst 1917 in Kiew zur Macht gelangte und einen nattonaljüdischen Minister ins Kabinett berief, in der Westukraine, am 19.- Oktober 1919, wo die Anerkennung der Juden als Nation gleichzeitig mit der SslbständigkeiLserklSrung der ukrainischen Gebiete der früheren ' Monarchie proklamiert wurde und dieselben zur Mitarbeit an der Regierung aüfgefordert wurden. Die Antwort aber auf diese Kundgebung war nun, nach Auffassung der Führer der Ukraine, allzu nüchtern und kalt. Statt freudigen Zugreifens und statt werktätigen Eifers,, diese erste Errungenschaft der Anerkennung als Grundlage für den - weiteren Auf- und Ausbau" eines wahrhaft nationalpolitischen Lebens - zu verwerten, .wurde eine gewisse Reserve wahrgenommen, die man mit. dem viel mißbrauchten Morte „Neutralität" umschrieb. Für die unglückliche Judenschaft von Lemberg ist eine solche Haltung nur zu sehr begreiflich, aber im unbestrittenukrainischen Gebiet mußte sie zu Mißverständnissen und Mißtrauen führen. D ort hatte man sich eine Mitarbeit der intelligenteren jüdischen Schichten gerade wegen ihres Betonens der nationalen G esinn ng gewünscht, das Eitreten in ein positives, reg es Mitarbeiten mit dem um feine Selbständigkeit ringenden ukraiNischm Volle seidD: HudmMft, naK dem Hrllyi^^esLleichMWa^ '?W7-Mn'".WtiD'EebKo"#1#?%Stt Mechten?' der Form der Berichterstattung - über gewisse traurige Vorkommnisse offenbart sich Interesse, oder -Interesselosigkeit für das neue Staatswesen. Schon die Schauer, die jedes jüdische Herz und das Herz jedes 'Menschenfreundes beim Hören des Wortes „Pogrom" ergreifen, sollte zur Vorsicht beim. Anrufen der.Oeffentlichkeit mahnen. Tief, betrübend, wenn er sich irgendwo ereignet. Aber in Mt Oeffentlichkeit Pogrombsrichte senden, ohüe die Verhältnisse und Tatsachen auf ihre Wahrheit vorher geprüft Zu haben, ist unklug und schädlich. Und es ist auch ein großes Unrecht, jene Ausbrüche blutrünstigen 'Judenhasses in Lemberg unter demselben Namen zu rubrizieren, wie die.allerdings sehr-bedauerlichen Ausschreitungenvon Soldaten in Tarnopol, an denen : die Bevölkerung sich nicht beteiligte. In Lemberg sahen die . Vertreter der Behörde mit zynischem Lächeln zu,, wie man tagelang mordete, raubte, plünderte und brandschatzte. In Tarnopol wurden die Urheber derAusschtstttmgeu sofvrt MArrt und die Behörde prach Gemrg-- tuuKg rrnv SchaderMatz. Die ukrainische Regierung ' wendet alle Machtmittel, an. die Juden zu schützen. Man vergeffe daher nicht: In der politischen Rüstkammer der Tsaren- - und Polenherrschaft war der-Pogrom in der Tat ein politisches Kampfmittel, die ukrainische Regierung unddas ukrainische Voll verabscheuen es. Cs haben daher angesichts dieser Tatsachen die leitenden jüdischnalionalcn Männer die' Aufgabe, dort, wo das Temperament oder der Chauvinismus die Sachlichkeit unterdrücken, aufflärend und mäßigend zu wirken und die Berichte -auf das.Maß des in den Derhällniffen Gegründeten zurüchuführcn. Denn nur dadurch wird der gute WM -zur.isemeinsam«i7Arbeit im gemeinsamen Interesse nicht beMttächttgt. Jugendlicher Uebereifer oder, gar Sondermteressen müssen ausgeschaltet werden. Das Judentum in Ostgalizien. das