Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-03-21 · 12 (21.3.1919) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
Seite 165 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022353-3022365--27619-3053046
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ftfe 12 Und Wir in Wien? Wir sollen diese Rücksicht auf die Tausende regelmäßiger Besucher unseres Leopoldstädter Tempels beiseite setzen? „Wien ist reff!" Dieses^ Finale schmettert Herr Professor Krauß 'mit Emphase hinaus! „Was reif ist — fallt jak“ 2n diesem Sinne Reife sollten die Herren erst in ihnen näheren Bereichen suchen, ehe sie das Publikum unseres Leopoldstadter Tempels mit ihrem Reffezeugnis beehren! Wir in. Wien, wir sotttenjetzt müt der Orgel anfangen? Dort', wo die anderen aufhören? Während anderwärts jüdisches Selbstbewußffein,für die Ablehnung fremden Flitters.gereist ist, soll jetzt „Wien reff" sein — für die Orgel?! (Schluß folgt.) lilom Jahrmarkt des Lebens. Kkoffen zur Tagesgeschichte. Aus dem antisemitischen Lager. Anläßlich der Vorstellung der Regierung in der Nationalversammlung gab es eine kurze, aber treffende Wechselrede. Der Abgeordnete Wedra machte während der ErkÄrung des Präsidenten der christlichsozialen Vereinigung, .des .Prälaten Hauser, einen Zwischenruf. Daraus sagte der Redner: „Verehrter Herr Lollege! Ich Möchte Sie bitten, reizen Sie mich nicht zu Remi? niszenzen!" (Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Darauf mischte sich der Abgeordnete Dr. W ab er pon der Großdeutschen Vereinigung tmt deM Zuruf ein: „Ich möchte Sie bitten/ auch mich nicht zu reizen! Ich könnte auch viel sagen!" Das sind, sozusagen, Lieder ohne Worte, eine geschwiegene Polemik, aus der aber die aushorchende. Bevölkerung sehr, viel erfahren hat. Wir glauben r,echt Zern, daß die beiden Parteien, welche sich die Bekämpfung der jüdischen,Korruption zur Aufgabe. gemacht haben, einander über die eigene Korruption sehr viel zu sagen hatten. In deM gegenseitigen Schlachtruf: „Ich bitte, mich nicht zu reizen!", waren ganze Bande vcn Enthüllungen, ganze Bündel vrn Schmützwäsche enthalten. Die christlichsozialen und die deutschen Antisemiten, welche gegen die Juden so stramm zu Felde ziehen, haben wieder einmal an das Zitat vom Rabbi und vom Mönch sehr stark erinnert. * * * Jetzt steht ganz Wien unter dem Eindruck, den die Hausdurchsuchungen in den Geschäftslokalen und Privatwohnung eit Machen. Es gibt Leute, welche sich darüber beklagen, und unter ihnen sind es namentlich die Christlichsozialen. Allerdings fft die „Reichspost" vorsichtig geworden, seitdem die Soldaten der Redaktion einen Besuch abgestattet haben, aber man merkt ihr den verhaltenen Anwitten wohl an. Für alle, welch« mit diesen Zuständen unzufrieden sind, wollen wir nun die Erinnerung daran wachnlfen, daß wir sie ausschließlich dem Antisemitismus 'zu verdanken haben. Dieser war es, der zuerst das Schlagwort ausgegeben hat: „Macht geht vor Recht!" Dieser war es, der zuerst behauptet hat, daß es eine Klasse von Staatsbürgern gebe, für deren Schutz die bestehenden Gesetze nicht gelten. Allerdings wollte er, daß diese Auffassung nur auf die Juden beschränkt bleibe, daß man nur das Ghetto plündere und daß das wackere Volk hach den Pogromen wieder ruhig und gesittet in seine Wohnstätten zurückkehre, alsbald wieder zu ruhigen und braven Söhnen des Staates werbe und bei den Wahlen die Christlichsozialen güm Dank dafür wähle, daß. sie ihrem, guten christlichen Volk die Juden ausgeliefert hätten.. Aber das Mißhandelte Recht rächte sich furchtbar. Die Exzesse Machten nicht am Ende der Iudengasse halt, sondern 0rit»l*l das Ghetto war den niederen Instinkten der Ißöffe nur ein Exerzierplatz, die Pogrome ein Manöver» und nun fürchtet sich ein jeder vor einem Ernsffalk. Cs ist die alte Legende vom Golem, welche sich jetzt wiederholt. An dem! Volke hatten die Antisemiten lange einen blinden Knecht, den sie nach ihren Gelüsten verwenden konnten. Aber nun gelingt es ihnen nicht. mehr, ihm den .Lauberspru.ch in die. Stirne zu stecken, welche ihnen die Macht über den Riesen.verlieh, den Zauberspruch Hepphepp! Und seitdem diese Wirkung verloren ging, wendet sich der Golem mit blinder Zerstörung gegen alle, auch gegen seine eigenen Herren. Aber geschaffen und ausgeschickt haben sie ihn zuerst selbst, sie haben über seine Kraft frohlockt, sie haben ihn immer angefeuert. Der Golem ist der.echte Sohn ihrer Politik, die mit Gewalt begonnen hat und mit Gewalt endet nach dem prophetischen Wort: „Mit dem, was sie gesündigt, werd sie gestraft." * * * Man kennt as Stehaufmännchen, das sich nicht nmwerfen läßt. X der Politik unserer Tage heißt es Dr. Richard Wskirchner. Der Mann hat doch wirklich in der Regierung eines Modernen Staates nichts verloren. Er ist ein trauriges Ueberbleibsel aus jener Epoche der. Korruption, in welcher Anmaßung und fleißige Sprechwertzeuge den Staatsmann machten. Sem Erdenwalken durch die verschiedenen Aemter hat eine stattliche Reihe von Pensionen in seiner dicken Tasche versaMmelt. Als Handelsminister wie als Bürgermeister von Wien hat er in seinen Verwaltungskünsten mit einer schweren Krida geendet. Es wäre also höchste Zeit für ihn, auf der Ringstraße spazieren zu gehen und sich in seinen freien Stunden ebenso uM Lebensmittel anzustellen, Mir die übrige Bevölkerung. Mer er meint, es fei noch immer nicht genug errafft, und will auch von der Republik Vorteile, wie er sie unter dem! Kafferreich halte.. dessen ergebener Diener er war.. Er. kandidierte also in die Nationalversammlung und rutschte auch wirklich knapp hinein. Jetzt will er auch noch durchaus ein frisches Amt haben und läßt sich von seinen Journalisten imMer wärmstens empfehlen. Jeden Augenblick erscheint in den Blättern eine Ankündigung. Herr Weiskirchner «werde dies oder jenes werden. Das sind alles Inserate, lanciert von dem Kandidaten selbst, den in Wirklichkeit niemand haben tritt, und dessen Fähigkeiten niemand vertraut. Wir brauchen jetzt wirklich tüchtige Menschen für unsere schwierige Entwicklung und nicht Phrasendrescher. Welche mit Nachahmungen Luegers und freigebig aüsgestreuten Versprechungen regieren wollen. So ein Mann ist Weiskirchner, der den Stuhl des Bürgermeisters unter sich wanken fühlt und der ein anderes schönes Amt haben möchte. Mer die politischen Güter der Erde wurden tut Staate Deutschöster- . reich verteilt und an Weiskirchner kam nicht ein Brocken davon. Er erhielt weder ein Staatsfekretariat noch 'ein Unterstaatslekretariat, nach denen er so guten Appetit verspürte. Aber noch ein kleines Postchen gibt es, für das er vielleicht noch in Frage käme. Die länderen Trauben find zu sauer geworden, vielleicht a elinat es jedoch. Verwalter der Krongüter zu werden.'Es ist schon die sechste oder achte Verwendung, für die der EXbürgerMeister in spe vorgeschlagen wird, aber die Krongüter find ein Besitz Mit großem Defizit, das durch gute Verwaltung verringert werden sott. Nun erinnert Man sich gerade, wie der Kandidat Wien verwaltet hat Ed wie hier der Fehlbetrag schon iM Frieden gewachsen ist. Wird's also Mit diesem Amte auch nichts, und weiß niemand einen kleinen Staatsposten für einen ehemaligen Bürgermeister? Dk. Nloch's Wochenschrift

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.