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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-03-21 · 12 (21.3.1919) · p. Seite 163

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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De. MiH s *•* m von Wrsänger und Gemeinde das „AfchrZ", das „L'khu n'raM^nah" u. a. vorgetragen. 3m übrigen erscheint es uns unverständlich, wenn Herr Professor Strauß mit Löw behauptet, ebensowenig, „wie in der Logik einen fpezielk jüdischen Verstand, gebe es in der Aesthetik eichm speziell jüdischen Geschmack". Daß wir Melodien spezifisch jüdischen Charakters besitzen, dürfen wir Jdelsohn, Minkowsky, Ehrlich und anderen Spezialisten dieser Kunstgattung glauben. Das größere Publikum mit ihnen vertraut zu machen, wäre eine lohnende Aufgabe für einen auf breiter, gesunder Basis zu gründenden jüdischen Eesangsvereirtts. - -Daß aber der jüdische Gottesdienst seinen besonderen Stil hat, und daß dieser Stil ästhetisch wirkt, davon weiß jeder zu sagen, der auch nur einmal eine Synagoge — wie etwa die der Israelitischen Religionsgemeinschaft in .Frankfurt am Main — besucht hat. Schon das Gotteshaus an sich zeigt den althergebrachten Synagogenstil. Der Almemor steht, der zentralen Bedeutung der Thoravorlesung entsprechend. in der Mitte?) . Stimmung gibt sodann der Anblick der Talethim, dienicht zusammengelegt nach Art des Kragenschoners, sondern lang aufgerollt, die ganze Gestalt umhüllend, getragen werden?) Wohltuend ist vor allem die warme, rege Teilnahme aller dieser die Synagoge bis auf das letzte Winkelchen Menden Beter am Gottesdienste, dabei eine mustergültige Ordnung — ohne Orgel!') Orgelbegleitung zu diesen uralten Gebeten muß, als stilwidrig, jeden gelauterten. Geschmack verletzen. Nichts kann konträrer sein, als die Gedanken- und Gefühlskomplere, die hier aufeinanderstoßen?) Die Orgel erinnert an das „Haupt voll Blut und Wunden". »Beim ersten Ton denkt man unwillkürlich an das weiße KirchenhauS Mit dem Schieferdach und dem Hellen Turni, an die Kreuze nnd Däber ringsherum undan.das hohe steinerne Bild des Gekreuzigten an der Pforte züm Kirchhof. In diesem Klang singt und summt, eine lauge Geschichte von einst bis heute." (Fr. Naumann.) Ms unseren jüdischen Gebeten spricht auch eine lange, ja um! Jahrtausende längere, aber welch eine andere Geschichte! In ihnen lebt ein ernster, zäher Daseinswille, trotz aller, namenlosen Leiden ungebrochen im unbeirrbaren Vertrauen auf eine gerechte Wallung. Alles licht, klar, bestimmt, ohne Mythos und Mystik. jVersetzen wir uns in unsere «Stimmung am Roschhafchana. Wir stehen vor unserem-Richter. Da setzt mit ememmal die Orgel ein. Eine Geröchtsszene mit Musik. Das' Theater ist fertig: '.- ') Wenn Herr Prof. Krauß von einer Nachahmung des Tempels zu Jerusalem in unseren Synagogen spricht, so kann sich dies nur auf die unter dem Einfluß der Reform gebauten beziehen. Das Ner ramid als-Stellvertreter für den Leuchter im alten Heiligtum ist vor dem 16. Jahrhundert literarisch nicht nachweisbar. Die Verlegung der gesamten got esdienstlichen Funktionen nach der Misrachwand und deren Ausbau nach dem Vorbild der Apsis ist ebenfalls eine Neuerung. Ich besitze das Bild eines im übrigen lieben und achtbaren Tempelsunktionärs im Ornat mit einem— Choschen hamnnschpat auf der Brust! Der Inhalt schwindet, die Form überwuchert. „Stirbt der Fuchs, so bleibt der (Blase-)balg!" Von ihnen sagt W. Herzberg a. a. O. S. 123: „Sie waren alt, diese- Mäntel. Sie waren mitgewandert vom Sinai über den Jordan, vom-Jordan über den Euphrat, vom Frat zurück in das heilige Land, von dem Berge Zion aus trugen ihn d.e Flüchtlinge und Kriegsgefangenen in alle Teile der Erde. Tac tus, der ihn vor achtzehnhundert Jahren im heidnischen Rom sah. nennt ihn durch se.n Altertum ehrwürdig. ’) Vorzüglich kennzeichnet Zebi Hirsch Waid-ö^law die Anfänge der Reform (in Winter und Wünsche. Die jüdische Literatur) die Sinnlosigkeit der Blasebälge, wenn es den Herzen an dem Funken (HitulLdaddutd) fehlt, den sie zur Flamme entfachen'sollen. zgon den Gegnern des Hamburger Ternpels sagt Pros. Krauß: „Die-guten Leute standen den Neuerungen völlig verständnislos gegenüber, sie verpufften ihre halakischen Geschosse." Man lese aber (»Lls äibdrsds>dderitd< l, wie weise ein JakobLiffa vor Friedensbruch in derMmeinde und Aufgeben des Hebräischen warnt- oder der ,.S ch e m e n Rokeach" voraussaat, daßdieAusmerzungderHoffnungaufden Messias nnS keineswegs die Gunst der Völker gewinnen werde u. a. m. Oder denken wir. uns von Orgeltönen umraufcht am Jomkippur!") Wir entreißen unserem Herzen das Bekenntnis unserer Schuld und werfen uns reuig in di« Arme unseres himmlischen Vaters. Auch das im .Paradeschritt des Orgeltempos? Wie A. B. Mars von Mahlers Aufführung des Besthovenschen Streichquartetts, op. 95. sagte: „Eine Herzensergießung — Jorrt* panienweise." Welch eine Verletzung jedes Stilgefühles wäre es aber vollends, wollte man in einen so streng orientalisch gehaltenen Bau, wie unseren Tempel in der Leopold^ staot, die okzidentalische, katholische Orgel hineinzwängen! Ein kirchliches Instrument, das aber selbst die orientalische Kirche ausnahmslos von ihren Andachtsstätten fernhält, es soll in einem jüdischen Gotteshause, m der eigentlichen Judenstadl Wiens spielen, das schert in seinem Aeußeren, in seinem maurischen Stil auf dm Osten hinweist, dessen Gottesdienst bisher dm verschrie, densten religiösen Richtungen entiprochen und sie friedlich vereinigt hat? Daß dieses Prachtwerk ohne jede Aenderung stilgerecht wieder aufgeöaut werden muß, ist eine Forderung des künstlerischen Gewissens, ist der übereinstiimmend« Tenor aller fachmännischen Gutachten. Unter der Voraussetzung seiner strengen ttevlttuuo in integrum wurden für seine Wiedererrichtung Spenden gesammelt und gewidmet. Und diese Treue gegen den bisher bewährten, uns in Fleisch und Blut übergegangenen Sttl unseres armen Tempels, sie sollte nur für das tote Mauerwerk gellen und nicht vor allem für . den lebendigen Gottesdienst? Das wäre ein Faustfchlag der Aesthetik ins Gesicht! III. Die Orgel! .das SichibboketH der Assimilation. Wer mit der Geschichte der jüdischen Reformbewegung einigermaßen vertraut ist, dem sagen wir nichts Neues mit der Feststellung, daß hinter der Begeisterung für M Orgel Tendenzen walteten, die der Aesthetik oder dem eigentlichen Zweck des Gottesdienstes ganz fern liegen. Was der Orgelagitation einst eine sieghafte Gewalt verli hen, war das ungestüme Verlangen nach einer Gleichförmigrert mit den Wittsvölkern, das heiße Sehnen nach A.similation, deren Symbol, als der sichtbare Ausdruck ihres Einzuges in den Gottesdienst, die Orgel bildete. Man sah in ihr die Krönung der Assrmilationsarbeit, ihren Triumph, und sie wurde zu ihrem Schibboleth?0) Chukkoth haggojim' war keine Behinderung^ b-2 bildete das Ziel des „Zeitgeistes. Diesen Tatbestand hat schon Michael Sachs scharf hervorgehoben. Er sagt von der Orgel: „Sie ist überall der Ausdruck und Begleiter solcher liturgischer Einrichtungen geworden, durch welche man in der Synagoge dem bei reits im Leben der Gesamtheit vollzogenen Bruche mit dem positiven und überlieferten Judentum in einem eklatanten Zeugnisse das Siegel aufdrücken wollte." Immer und überall war sie das stereotype Wahrzeichen, die Geschaftsmarke radikaler Assimilation. Herr ProfessorKraüß spricht von „Großgemeinden", die bereits in alter Zeit die Orgel hätten spielen lassen?*) ») Das Gedenken unserer Märtyrer bei den Tönen, die einst ihre Todesseufzer begleiten n. Instinktiv läuft es uns beim Hören der Orgel kalt über den Rücken. '»). Hiermit wurde sie, was vermutlich die vermeintliche »Orgel" die „Magrefa", im Tempel zu Jerusalem war. eine Signalpauke, wie wir sie auch sonst im Altertum und noch heute bei den Eingeborenen Westafrikas, Südamerikas und Ozeaniens finden (vergk. PerermanrA Mitteilungen 1897—98, Abbild, bei Koch-Grünberg und „Der Ursprung der Kultur" l. 189^. Mit diesem Instrument wird auf weite Entfernungen das Signal zum Kampf gegeben. - f “) Die Beziehungen zwischen Orgel und Pest, das bekanntlich durch und Lurch assimilatorisch, sind erst neueren Datum». Im übrigen brauchte

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