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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-03-21 · 12 (21.3.1919) · p. Seite 162

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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Orgel singt, ist, Lie Stimmen möge» Mehr oder weniger gut sein, doch . immer dos Rechte. So auch der Petersburger kaiserliche Lirchenchor, schon der Intonation wegen. Die Orgel mit ihrer notgedrungenen Temperatur kann fast nie lebendig bei der.Harmonie sein, .sie har nur mechanisch bestimmte, methodisch verstimmte Intervalle, die für alles pzsstn sollen. Dann ist bei der Orgel noch der Mangel an aller Nuancierung der Stärke des Tones, eine Unöe'ebtheit, der alle mechanischen Crescendos nicht entgegen kommen." (Vgl. Jfr. Wochenschrift 1873, S. 30-».) Wir suchen, zur Beseitigung der „Kälte" in der „Iudenschrüe", die sich Herr Professor Kraust von der Orgel verspricht. Wäre, wo sie wirklich vorhanden, gerade der erkältende Drgelton am wenigsten geeignet. Allein, man hat es sich in den Kopf gesetzt: .^Ohne Orgel keine Erbauung: wo du nicht, bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten." Wie urteilen Meyerbeer und Mend elLsshn--Var> thvkdy? Im „Foyer" (Leipzig 1693) lesen wir hierüber: „Meyerbeer äußerte einst, als er von Dr. Ludwig August Frank ersucht wurde, eine Komposition zur Einweihung des neuen israelitischen Berhauses in Wien zu komponieren, folgender über die Musik in der Synagoge: „Sie werden doch keine Orgel in der Synagoge -einfuhren! Dos ist e n rein christliches Instrument. Und dann! Ich rechne es mir als ein großes Verdienst an, daß ich in Ueberciustim- Wuug mit Meud lssohaBartholdy im pioteftaulisches Dome «ur eiuen ftngeudea Chor emgeführt habe. Der de> ende Mensch soll ohne alle Vermittlung zu seinem Gott sprechen. Nun haften das so die Juden eit Zerstörung des Tempels; es ist so e.ngebürgert durch zwei Jahrtausende. Wir sollen keine Neuerung machen. Wenn aber durchaus andere Musik verlangt wird, so müßte es. nach meiner Ansicht eine von Posaunen und glöteit herrührende sein, wie sie <im Salomonischen Tempel erscholl. Die Menschen stimme ist aber das Erschütterndste!" In diesem Sinne sind auch die Gutachten beider Koryphäen gegen die Berliner Orgelästheten aus. dem Jahre 1861 schalten, die bei den Akten der Berliner Gemeinde erliegen. ' Und wem sagt dicsnicht das naMlichMnp^Inden!Mir und Kehle ersetzen, wenn sie, zu küMlerischem KourW geschult, das Höchste und Tiefste hex MMchenbrust in wohllautenden Tö.nen offenbaren und im Echo die Seeley der Hörer Mitschwingen machen! In der Wertschätzung eines solchen kunstgeMsten, begeisterten und Begeifern? den Gesanges im Gottesdienste stimmen alle EinsiHtigen überein?) Unter den Theoretikern der Oper schwebt fetzt eine heftige Auseinandersetzung zwischen den Freunden dee, Vokalismus und den Anhängern der Instrumentalmusik. Immer mchr erstarkt die Gegnerschaft gegen den Wagnerianismus mit seiner den Gesang erdrückenden Orchestrierung, der die Leistung des- Sängers zum Sprechgesang hecäbscht, den man oft ausgesungenen Stimmen zuweist. Die neueste Losung lautet: Zurück zur Harmonie der reinen, aus dem Herzen und zum HMzen strömenden warmen Menschenstimme. Und gerade dort, wo doch die warme, echte Empfindung mehr als irgend anderswo vorherrfMn mutz, gerade in der Synagoge sollen wir der Instrumentalmusik den,Vorzug geben? Auch auf den Gottesdienst soll sich die unbedingte Wagnerschwärmerei des jüdischen Parketts^) übertragen und uns die Orgel bescheren? . - - ,! , , Besonders beachtenswert ist die ÄeutzeryM eines spruchfähigen Meisters, wie LeumrÄowski, die Ackermann (in Berliner „Zur Lehr' und zur Wehr", S. 10) wiedergibt: - :. ' r :;; . *) „Ter Gescmg",sagt Jellinel, „ist die Seele des Gebetes, er allein vermag uns zur feierlichen Andacht, zur Erhebung und Belebung zu entstammen, er hat die göttliche Macht, die Tiefen unseres Herzeus, aufzuwühlen, daß wir gerührt und ergriffen werden." Und Michael Sachs schreibt an Lewandowski, daß er wohl den Wörtsinn der Psaünen erschlossen, daß ihm aber „die Tiefe der dichterischen Empfindung erst durch den Tpusatz L.'s aufaegangen sei," h So daß Wagner enmal an Liszt schreiben konnte: „Wir »«den jüdisches Geld brauchen, um denDeutscheustinTheater zu iauen." „Sehen Sie, ich. der ich unseren ganzen Gottesdienst musikalisch auSgesta.tet habe, und zwar mit Orgel, ich bin in meinem tiefsten Innern ein Gegner der Orgel in der Synagoge." Hierzu bemerkt Ackermann auf Grund feines Umganges mit Lewandowski: : > „Zn feiner offiziellen Stellung war Lewandowsky eben g^zwungm, dem herrschenden Zeitgeschmack Rechnung zu tragen. Sein jüdisches Empfinden jedoch d.äugte ihn auf die Sette der Orgelgegner, und daß er dieser Gegnerschaft am Ende seines Lebens Ausdruck gab, nachdem er 30 Jahre hindurch k ie Wirkung der Orgel beobachtet, gibt einer Meinung einen ganz besonderen Wert."») Herr Dr.Gmdo Adley, Professor für Musikgeschichte an der Wiener Universität, zeichnete dieser Tage seine Stellung zu unserem Gegenstand gesprächsweise, wie folgt: „Die Orgel halte ich für einen ganz unwesentlichen Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes. In neuester Zeit hat man allerdings versucht, durch Orgelbeg eitung den Gottesdienst zu heben. -Wohl deshalb, weil manchen Kantoren knnsslelisches Verständnis, Sir n für inusikalijchen Sick und entsprechende Deklamation abgehr. Die Vorsänger ziehen den Gottesdienst vielfach durch unangebrachte Koloraturen m die Länge, Ein Knabenchor mit frischen Stimmen einerseits, ein wohlgeschütter Vorsänger anderseits tragen zu würdiger Ausgestaltung des Gottesdienstes weit mehr als Orgelspiel bei. Zu empfehlen wäre den Kantoren eine lr bevvlle Hingabe und Anpassung an die in den westlichen Ländern vorherrschende mustkaftsche Auffassung und Kunstübung. Wenn wir schon die Orgel, deren Einführung aus solchen Motiven erstrebt wird, ersetzen wollen, 'müssen wir so der hierin zutage tretenden Geschmacksrichtung des Publikums Rechnung tragen." Sicher ist — auch ein gründlicher Kenner unserer Materie, Herr Professor Ehrlich. beMtigt es mir —, datz die einzige Aufgabe, die der Orgel in der Synagoge zufallen könnte, d. i. die Rezitation des Kantors zu begleiten, weit wirksamer durch einen guten Chor gelöst wird. Ohne tüchtige Vor-' und Chorsänger hinterlätzt aber das Orgelspiel M Tempel den faden Geschmack eines mittelmätzigen, wenn nicht, ganz minderwertigen Ohrenschmauses. Hab mit einem Diänner- und Kna° benchor; der auf' fer Mhe feifer Mfgäbe^steht; ohne Orgel sogar ein geregelter Gemeindegesang zu erzielen ist, beweist u. a. der Gottesdienst, in der berühmten Synagoge zu Amsterdam. Versmeise abwechselnd werden dort *) Der Odeffaer Oberkantor Minkowsky (/.Die Entwicklung der synagogalen Liturgie") sagt von dieser: Entwicklung: „Man braucht kem Pessimist zu sein, um der synagogalen Reform rm Westen den totalen Verfall prophezeien zu können, wenn nicht eine andere Reform, iür Geiste der Religion und Tradition, auf orientalischem Boden unternonunen wird." Er erklärt es für: die Pflicht der Kantoren, „eine uni» verjelle Lirnrghe, auf religiösen und nationalen Prinzipien ausgebaut, 'ür die Synagoge zu schassen," Bon Jacobson, dem indischen Orgrll; nttiator, sagt M-.: „Er eröffnete mit protestantischen Hymnen, Mädchenchvren,Orgelspiel und Glockeiiklang. Es fehlten nurKreuze. Evangelium, Abendmahl und noch einige solche KleiMgkeiten; um die volle Dankbarkett der emanzipierten Juden an den Tag zu legen." ] §Die Verwertung der jüdischen Volksmusik sowohl des europäischen Ostens als auch der Spaniolen, Jemeniten usw. für den synagogalen Gesang sollte in der Tat eine Ausgabe unserer Kantore., sein. Berufene Vertreter dlejes Standes werden sich gegen den von J. Saschar einmal geäußerten Verdacht zu schützen wissen, „die Orgel zu brauchen, damit sie sie decke, ihren falschen, kunstscemden Gesang" vertusche. Jeder würdige Nachfolger eines Sulzer und Goldstern wird sich bemühen, die Melodie zu vergeistigest, anstatt sie durch Unterstützung eines töten, seelenlosen Instrumentes zu materialisieren; er wird mehr auf Qualität, als auf Quantität seiner Lesstung achten, wie Henle in Hamburg es von seinen Kollegen voraussetzt. („Der Kantor muß sich hüten seine Stimme und seine Virtuosität in^den Vordergrund zu stellen. Gewiß soll er sich bemühen, im Rahmen des ' musikalischen. Gottesdienstes sein Bestes zu geven, aber wenn der Gottesdienst zu weihevoller Andacht führen soll, so darf eine Würdigung der künstlerischen Betätigung des Kantors nicht in dem Ausspruch gipfeln: „Heute hat er wieder wunderschön, gesungen", sondern das Urteil muß lauten : „Der Gottesdienst (in allen Teilen) ist erhebend, erbauend und würdevoll." Damit hängt zusammen, daß.manche Kantoren glauben, nur in gewissen Glanznummern brillieren zu sollen, während dre einfachen Gebete in schlottriger, nachlässiger Weise behandelt werden. Ja, gerade die einfache und unscheinbare Melodie kann durch Vergeistigung gehoben werden und durch verständige und liebevolle. Behandlung eure stimmungsvolle Andacht erwecken?" Jedenfalls teUen wir MinkowskyS Empfinden. Die Orgel ustd was ihr zusammenhängt ist unserks Erachtens nicht geeignet, den Gstttes-!' dienst zst ästhetisieren, sondern höchstens, die Gemeinde Taufakt zu autstheftertzn.

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