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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-03-07 · 10 (7.3.1919) · p. Seite 133

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
10 (7.3.1919)
Date
1919-03-07
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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©eitt 149 Nr io Dr. BLoch's Wochenschrtst die er selbst im Höchsten Maße g^rigt hat. Wie ■& mit fester persönlichen Weltanschauung steht, hat sich nach dem Tode des Bürgermeisters Lueger herausgestellt. Dieser Protektor Weiskirchners wollte bekanntlich, daß sein Schützling sein Nachfolger werden solle. Aber Weiskirchner hatte keine Zeit und keine Lust. Er hoffte damals, Ministerpräsident zu werden, sprang aber daneben und wurde nur Handelsminister. Auch von diesem Amte hat er ein merkwürdiges Andenken hinterlassen. Er unterschrieb den bekannten Vertrag mit Ungarn, nach welchem nur eine verschwindend geringe Menge von billigem Fleisch aus Argentinien nach Oesterreich eingeführt werden durste. Die ungarische Presse erzählte damals höhnisch, diese Unterschrift sei nach einem Bankett gegeben worden, bei welchem mehr Champagner getrunken wurde, als der österreichische Handelsminister vertrug. So wurden wir nicht nur den ungarischen Agrariern ausgcliefert, sondern auch die Handelsbeziehungen mit einem wichtigen überseeischen Staat empfindlich gestört. Und der Mann, der das getan und vieles Notwendige unterlassen hat, soll mun wieder Staatssekretär für den Handel werden? Was aber den Vorsitz in der Nationalversammlung anbetrifft, - haben wir Weiskirchner als Vorsitzenden im Gemeinderat schon genügend kennen gelernt. Er leitet nicht etwa die Debatte, sondern seine Parteiund gebraucht seine Macht, um die Gegner seiner Politik mit den schärfsten Mitteln niederzuhalten. In der Nationalversammlung ist jedoch der Hausknechtparagraph unmöglich und ihr Vorsitzender muß nicht nur allgemein anerkanntes persönliches Ansehen haben und ebensoviel Weisheit als . patriotisches Empfinden, um die Gegensätze auszugleichen und die fruchtbringende Arbeit und ruhige Einigkeit zu fordexn.: Das ist kein Platz für einen christlichsozialen MgrteiWUm, dem sein Vorteil die wichtigste Angeüegen- * heit ist- Wciskirchuer soll nur wieder , in dem Dunkel verschwinden, aüsdem er gekommen ist und dort die vielen Pensionen verzehren, hie er sich geschickt zu erwerben verstund. * * * Man sieht täglich von neuem, wie sich die Polen durch Kultur unft Zivilisation den Schutz verdienen, welchen ihnen die Entente, angedeihen ließ.^ Zur Feier ihrer nationalen Vereinigung und staatlichen Selbstän- - digkeit haben bekanntlich eine Reihe großer Pogroms stattgefunden und auf die Wilsonschen Reden von der Völkerversöhnüng und Brüderlichkeit.folgten Menschenschlächter'eien und Mittelalter. Das Neueste in der politischen Kultur ist Nun dir Gründung eines Komitees zur Entjudung Polens. Die historische'Einladung eines Polenkönigs an die Juden, die in seinem Lande die Ge- . werbe einsühxten, den Handel und Wohlstand zum Aufblühen brachten, soll also rückgängig gemacht werjden. Es istswahrhaftig nicht nötig, ein solches Komitee zu gründen. Denn der Antisemitismus in Polen ist schon . brennend genug, daß sich die Juden wie' im Feindesland Wien. Aber wie soll sich ihre Masse Helsen, die im - Ghetto kümmerlich von ihrer Hände Arbeit und winzi- §m. 'Geschäften lebt, da die Ausw Änderung schvn im rieden nur verhältnismäßig wohlhabenden Leuten mög- : lich war und ihr Gesetze in den -überseeischen'Staaten - gegenüberstaNden? Das Komitee wird also nur ihre unsäglichen Leiden vermehren und die En'ente wird die Schuld daran haben, daß mehrere Millionen Menschen . durch die Wiederanfrichtun'g der polnischen Herrschaft trotz alten demokratischen Schlagworten in Verzweiflung geraten. - .. . INatürlich versetzt die Idee des. Komitees die juden- . feindliche Presse Wiens in Entzücken., Sie findet den Gedanken großartig, und. möchte ihn auch für Wien in die Tat umgesetzt haben. Wir sollen also weichen,' um den Funders, Kunschaks, Spalakowskys, Fetz'abe^ und ähnlichen Geistcshelden besser Platz zu machen. Wenn man aber die Sache näher untersuchen wird, kann vielleicht herauskommen, daß die Stammväter dieser edlen Herren spater nach Wien gekommen sind, als unsere. Ein so starkes Recht wie sie haben 'wir also auch und das Recht der Freizügigkeit ist für jeden das gleiche. Vielleicht können sie uns sagen, durch welche Verdienste sie sich eigentlich als Herren von Wien und über uns fühlen? Diese Ritter vom großen Mund könnten-.sich wirklich mehr znrückhalten. Wir werden gHn oder wir werden bleiben, keinesfalls aber werden wir sie fragen. * . * Wer 'ist daran' schuld? Die Juden. Dieser abgestandene Refrain des albernen antisemitischen Parteilietes wirkt oft humoristisch, wie aus folgendem Fall hervorgeht: In der al en bayerischen Bischofsstadt Bamberg soll es,Mnmsche Austritte vor den Kirchen gegeben haben um) der Erzbischof wurde angeblich von den Sozialisten gefährlich bedroht. Der Grund dafür war, daß die IircheNväter sich geweigert hatten, am Begräbnistag des ermordeten Ministerpräsidenten Kurt Eisner die -Glocken läuten zu lassen, wie es seine Parteigenosse n verlangt hatten. Es ist nun gewiß, daß die wenigen Juden Bambergs nicht den Mut gesunden hätten, das Läuten zu verlangen oder vor den Kirchen Skandal zu schlagen. Sonst'wären sie ganz gewiß massakriert worden. Es war also die sozialistische Partei Bambergs, welche das Läuten für ihren ermordeten ParteichL^verlangte und das Indem tum hatte mit der Sache Nicht mehr zu tun, wie der Bart des Funder mit dem christlich sozialen Parteiprogramm. Wie aber dreht die „Reichspost" die Sachen, damit die Juden doch hereinkommen? Sie fragt etni» Port, was die Juden dazu sagen würden, wenn man sie zwingen würde, in den Synagogen Trauergottes- Lienfie fiiir cmgir erklärten Antisemiten zu veranstalten? Das herrschende jüdische Freimanrertum solle sich doch mehr zurückhalten. Das ist doch wirklich eine alberne Hetze, von der wir glauben, daß sie sogar den Lasern der „Reichspost" Kn dnMm ist. Dieses Blatt soll doch gefälligst zuerst beweisen, daß das deutsche Freimanrertum jüdisch ist. Dann, daß es den Befehl gegeben hat, baß in Bamberg die Mücken beim Leichenbegängnisse des ermordeten M'n.flerpräsidenten geläutet werden müssen. Dann, daß in seinem Auftrag das Läuten erzwungen und der Erzbischof bedroht wurde. Und wenn das alles bewiesen wäre, hätte es kmit der Masse der Juden noch immer nichts zu tun, weil diese keine Freimaurer sind. Wer die! ganne »Be!- Ziehung auf die Juden ist von A his >Z Lüge undi Verleumdung. Aber woher soll man auch täglich das Hepphepp beziehen? Da bleibt nichts anderes übrig, als etwas zu erfinden. * * * Man kann sich belustigen, wenn man das neueste Parteiprogramm der Christlichsozialen aufmerkstm durchlieft. Diese Partei, deren größte Stärke darin besteht, jedermann nach dem Munde zu reden und Kne Vertrauensseligkeit aus diese Weise auszunützen, ist über Nacht sozialistisch geworden, spricht von einer teilweisen Neuordnung im Bodenbesitz. Ob ihre feudalen Abonnenten und die Klosterverwaltungen damit einverstanden sind? Wer diese wissen ja, wie weit es bei ihren treuen Christlichsozialen vom Versprechen bis zum Halten ist. Noch - amüsanter freilich ist die Forderung des Programms nach freier und ungestörter Ausübung der gesetzlich anerkannten religiösen Bekenntnisse. Der Unterton in diesem Verlangen ist, daß sich die Christlichsoziaken als di« Verfolgen auffpielen, weil in einigen Kirchen Larmszenen entstanden sind. Wir sind ganz gewiß sehr streng gegen solche' Störungen und Ueberfälle. Aber bei dieser

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