Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 10 (7.3.1919)
- Date
- 1919-03-07
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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__—iinwnu-iry-mwi*—— Seite 146 Slr. MM'S WoHWfMst 10 Die Beichte, die aus deM Osten über die Lage der Juden daselbst zu uns gelangen, lauten fchr trübte. Die nach altbewährte zaristischem Muster inszenierten .Pogrome größeren und kleineren Stils, von denen wir letzt täglich mit Schaudern Horen, und die an Umfang, Bestialität und Grausamkeit ihre Vorgänger in den Schatten -stellen, lassen schon jetzt eine äußerst triste Zukunst für diejenigen Teile des jüdischen Volkes. die in ihren bisherigen Wohnsitzen — sei es noch eine Zeitlang oder für immer — werden bleiben müssen, voraussehen. Der herzzerreißende Wehruf der jüngsten Pogromopfer aus den letzten Tagen konnte noch die in Paris tagende Friedenskonferenz, die heute noch den Schlüssel! Europas in Händen hat und' bei gutem Willen momentan auch was zu tun vermag,, erreichen. Wird sie es aber auch morgen tun können? Oder besser gesagt: Wird sie auch Morgen^völkerrechtlich zu tun befugt sein? Wird sich nicht nach Fertigung des Friedensvertrages wieder die alte Schranke, „die völkerrechtlich unbefugte Einmischung Ln die inneren Verhältnisse eines - befreundeten Staates" , (die stereotype Begründung der Toleranz aller russischen Pogrome von seiten der zivilisierten Staaten), an den Grenzpfählen gewisser Staaten auftun und es wieder Möglich machen, daß Massenmorde und.Brandschatzungen vor den Augen Europas an der jüdischen Bevölkerung ungestraft verübt werden?« .Welches Mittel könnte gefunden werden, das völkerrechtlich gestattet, sich doch „in die inneren Verhältnisse eines befreundeten Staates einzumischen", wenn es notwendig erscheinen sollte, eine . schwache und hilflose jüdische Bevölkerung por den Brutalitäten einer gewissenlosen.Regierung und demBlütdurst vertierter Massen erfolgreich zu schützen? Diese heute mehr denn je akute Frage will ein anonymer Verfasser in einer in den letzten Tagen ohrst TiteWast. erschienenen, bloß acht Seitem enthaltend«:. .. FÄgschrist, die. den Titel trägt: „Ein Vorschlag' zur Zudenstage", zu lösen versuchen. Der Verfasser scheint weder zur Kartei der Nattzonaljuden nochzu der der sogen. Assimilierten zu gehören. Es gibt Juden, sagt der Verfasser, und das sind die Mehrzahl, die auf dem Boden des traditionellen Glaubens stehen, andere dagegen finden Kraft und Mut zur Ausdauer int Glauben an die jüdische Nation. Die. Juden ^ber, meint der" Verfasser, sind weder eine konfessionelle Gemeinschaft, da viele doch auf dem Böden des Glaubens im Judentume wurzeln und. doch sichals foule Juhen fühlen, ebensowenig bilden sie eine Nation, da ihnen die spezifischen Merkmale einer Nation (?), und zwar hie gemeinsame Amgangssprache, fehlen. Für den Verfasser-bilden die Juden eine durch dies Bande des „Schicksals Rnd'der G e sch i chts ein hei t" unz ertr ennbare und in sich eng-.geschlossene Einheit. - Das Thema, ob die Juden eine religiöse, nationale, religiös-nationale oder gar bloß eine „Schicksals- und Geschichtsgemeinschast" — wie der Verfasser glaubt — bilden,, wollen wir hier nicht näher beleuchten, zumal der Verfasser über.dieses Problem sehr schwach unter» richtet zu sein scheint, und dasselbe sehr leicht und ober-> flachlich bchand'elt, wobei dieses Problem iM allgemeinen zu der in der .Flugschrift angeWrrtteneU Frage, die. uns hier in erster Linie. nntereWrt, ^wesentlich niHk gehört. Der Verfasser beweist in kmzen,^lber markanten. Sätzen die Aussichtslosigkeit und Absurdität'des sogen. AffimilatWnsgchankens. „Will sich ein Jude", sagt derselbe, ,,zu dem BoNe bekennen, beidemerlebh M er ein lästiger Fremdling: bekennt er sich daraufhin zum jüdischen Volkstum-, ist er ein Verräter am Volke, Lessen Gastfreundschaft er genießt." Wie es der Jude tut, kann et es niemals, seinen nichtjüdischen Mitbürgern gegenüber, recht machen. Inzwischen umbranden uns die Wellen der antisemitischen Hochflut und drohen unser Heben und die SWtze unsexer Seele zu verschlingen. Wir müssen schön jetzt Mittel und Wege suchen, daß auch wir und unsere Nachkommen von den > Greueln, unter denen wir und unsere Vorfahren so unsäglich gelitten und noch immer leiden, nicht auch in Zukunft heimgesucht werden. Zwei Hauptpostutate sind es, auf deren Vjerwirklichung wir alle jetzt unser Hauptaugenmerk richten und die unser größtes Ziel bilden müssen: Erstens muß unser Bestreben dahin gerichtet jein, daß Erez Israel, wie ernst, jetzt wieder ein autonomes jüdisches Land werde: zweitens müssen a-lle Juden^.ohne Unterschied der religiösen oder politischen Richtung fich organisieren und sich frei zum jüdischen Volkstume bekennen. „Und heute müssen wir es sagen, sonst schenkt die Weltgeschichte uns vielleicht niemals wieder einen Augenblick, den wir nützen könnten, wie diesen .. ." ,."i- Wie soll es aber mit denim Galul Zurückgebliebenenz werden, und was könnte getan werden, um. sie Änftig-. hin v'or Verfolgungen und Drängsaklerungen zu schützen? Hier setzt eben die Hauptidee her Flugschrift ein, und der-Verfasser versucht, diese heikle Frage-folgendermaßen zu beantworten: Nach den feierlichen- Zusagen — . in erster Linie Englands — soll in Palästina ein jüdischautonomes Staatswesen geschaffen werden. England, als - unmittelbarer Eroberer .Palästinas, soll die Oberherrschaft über dasselbe, etM nach'dem! Muster der anderen englischen DomyMchs» wie z. B. Indien oder Kanada, erhalten, was auf der Friedenskonferenz festzufetzen wäre. Die Juden,der ganzen- Welt — auch diejenigen,, die nach PaWtina5 mcht E undweiterhinim Gahit vorübergehend oder dauernd bleiben — sollen das Recht bekommen," „innerhalb einer angemessenen Fristauf dem Wege der Immatrikulation zum palästinensischen Juden-- staat und damit eo hmo zur englischen Staatszugehörigkeit sich zu bekennen. Somit würden «die.MMen Juden der Welt kraft des Friedensvertrages englische- Staatsbürger." Die Zugehörigkeit zu Anglo-Palästrna würde für die allermeisten Judenohne Rücksicht auf deren Wohnsitz, eine Erlösung von unerträglicher Sklavereh Entrechtung und Verfolgung bedeuten. Wenn auch diele, speziellfn Wohlhabenheit oder in hervorragenden Stellungen sich befindende Juden für sich von diesem Rechte keinen Gebrauch werden Machen wollen oder können, soll ihnen aber das Recht eingeräumtwerden, ihre minderjährigen Kinderfür Anglo-Palästina zu,iMmatriku°- lieren. Für die jüdischen Bewoh'ner derjenigen Länder^ in denen die giftige Saat des AntisenMsmus kräftige Blüten treibt- und wo die Juden täglich an Hab und Leben sich arg! bedroht sehen, würde ein. solch Stzchbelennen zur anglo-palästinensischen Staatszugehörigkeit einen sicher wirksamen Schutz utzd Schirm bedeuten. Hinter den Verfolgten stünde das große England, das seine Burger überall, wo sie auch wohnen mögen; Zu schützen wohl in der Lage ish.Ein JudenpogroM hieße dann ein EnLiländerpogroM; und es »gibt wohl keinen Staat, der das gefährliche S pi el v e r jU!ch en w ür de, durch ei neu I u de n - pogroM in Konflikt oder sogar in kriegerische iVerwicklungen Mit England zu geraten. - Es würde sich aber fragen, otz England darauf? emgehen und ob es sich für dasselbe lohnen würbe, solche. Wichten aufsich zü nehmen, gegenüber JützenpoWoj Men oder sonstiger Art der Verfolgung tätig für sein^ jüdischen Bürger.überall einschöeiten zu müssen. Daraus