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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-01-17 · 3 (17.1.1919) · p. Seite 35

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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Kr. 3 Er. Blocht Aber sie fragen sich noch weiter: Wenn der Äampf M den Fronten beendet sein wird und die Arbeit daheim wieder beginnt, die Arbeit am Wiederaufbau des Wirtschaftslebens,. das Ringen am kulturelle Gäter, für wen werde ich da arbeiten? Und auch in ihnen wurde der - Wille der Heimkehr zu ihrem Balte stark und groß. Hunderte und lkmusMde haben sich in diesen Tagen zum Judentum bekannt, haben sich ihrer Volkszugehörigkeit erinnert. Die stunde van den Mgromen, welche die Juden in jenem Lande trafen, dem sie immer treu gedient und das sie ftets^ «als die -^Seinen reklamierte, .wenn es ihre Zahl! bei Wahlergebnissen oder Volkszählungen brauchte, die haben mit der Nammenschrift des tiefsten Mitleids in die Herzen jedes wahren Juden» das Bekenntnis der Zugehörigkeit zu dem gejagten Volke geschrieben und in ihmden heißen Willen reifen lassen, für das jüdische Volkstum zu wirken. Das jüdische Volk ist stark und zahlreich, es stellt den Ländern, in denen seine . Angehörigen heimisch sind, die besten Kräfte im Ringen um Kulturwerte zur Verfügung, und es ist anderseits, verelendet, tief in den Staub gedrückt, blutig verfolgt, weil seine erfolgreichen Glieder sich nicht zu ihm bekennen. Schon ist die Einsicht dieses bitteren Unrechtes in Tausenden gereist und hat .sie zur Umkehr geführt, und -weitere werden ihnen folgen.' In der Zahl der bewußten Juden sollten die Frauen die ersten Stellen einnehmen. Gerade die Frau ist dazu ausersehen, die Hüterin und Trägerin des nationalen Gedankens zu sein, sie ist es, die das Leben der Familie auf den rechten Ton stimmt, sie ist es, welche durch die Erziehung der Kinder, durch die ersten Geschichten, die sie ihnen erzählt, den Grund zu ihrer späteren geistigen Richtung legt. Was ein Volk wird, das hat es nicht zuletzt seinen Frauen zu danken. Das Judentum ist so glücklich, Frauen zu besitzen, die sein' ganzer Stolz sein können. Die jüdische Frau hat tiefes Gefühl, warmes Familienempfinden und einen regen Geist, der sie alle Kragen der Zeit rasch und, leicht erfassen läßt. Ihr Betätigungsdrang, ihre Organisationsgabe haben sie überall, in jedem Staate, in jeder Gesellschaft .führende Rollen einnehmen lassen. In zahllosen Berufen haben sich jüdische Frauen mit Glück bewährt und die Frauenbewegung hat ihnen viel zu danken. . Ihrem selbständigen, klaren Wesen paßte .das Wirken im Berufe, ,in der Oeffentlichkeit, sie rannten ihre Ziele und wußten die Wege dazu zu finden. Man kennt die tüchtige jüdische Geschäftsfrau, die Studentin, die Künstlerin, die Journalistin. Wenn die Jüdin für die Anerkennung der Fcauenrechte eintcat, so geschah dies durch die Tat, durch ihre Arbeit, der sie überall die volle Achtung erzwang. Ein besonderes Kapitel bilden die Leistungender jüdischen Frau in der sozialen Fürsorge. Hier war es vor allem ihre Güte, ihr warmes Mitgefühl, das sie dazu trieb, in die Fürsorgsarbeit einzutreten, Neues zu schaffen und in ihrem Kreise immer mehr Freunde für ihre Ziele und Bestrebungen zu werben. Es gibt fast keine Wohlfahrtsinstitution, welche nicht jüdische Frauen zu ihren Mitarbeiterinnen und Anregerinnen zählt. Steht auch ein stolzer Aristokratennamen an der Spitze, galt * auch ihr Wirken durchaus nicht immer jüdischen Armen, die Jüdin hat nicht nur Geld, sie hat auch Zeit, Rervenkraft, Geistesanspannung hergegeben, um sie ins Leben zu rufen oder zu erhalten: Jüdinnen, die sich als solche bekennen, oder die anderen, die ihr Judentum abgelegt haben, aber „ihr jüdisches, Herz, ihre, jüdische Güte, ihre jüdische Energie nicht verleugnen konnten. Das ist das traurige Kapitel im Wirken der jüdik schen Frauen: daß sie nicht!Mr die Ihren arbeiten. Es bleibe dahingestellt, ob sie, von Mitgefühl erfüllt, von Tatendrang getrieben, alles, andere vergessen und eben nur WoMNschrkft!'■' Seit« 35 die Arbeit wollen. Oder ob sie aus Eitelkeit, aus Sucht, hervorzustechen und sich in vornehmer Gesellschaft zu zeigen, sich dazu verstehen, fremd unter Fremden zu wirken. Indolenz oder Unverstand ist es, die die jüdische Frau 'ihre 'Arbeit, ihre Zeit, ihre Geisteskraft in einer anderen Richtung, «fs der einzig möglichen, der für ihr Volk, verwenden ließen. Vielleicht aber auch ein Drittes: Sie ging unbewußt an dieser ersten und schweren Frage vorbei, es hatte 'sie niemand geweckt, niemand gerufen zum Bekennertum. Das aber wollen wir nun nicht mehr versäumen. In Wort und Schrift wollen wir es allen Frauen unseres Volkes sagen: Ihr Platz ist beim Judentum und zuerst und vor allem beim jüdischen Volke. Hier ist ihr Wirkungskreis, ihr gewaltiges Arbeitsfeld, wo ihre Kraft gebraucht wird. Hier soll sie Königin, Helferin. Retterin sein. Ein großer Teil der jüdischen Frauen muß heute erst zum Judentum erzogen werden. Der jüdische Volksgedanke ist Lats,ächtich bei den Juden des Westens, insbesondere unter den wohlhabenden Juden, in den Jntelligenzkreisen, also gerade unter jenen, die berufen wären, als Fichrer zu wirken, in den letzten Jahrzehnten in den Hintergrund getreten, fast i-n Vergessenheit geraten., Das Bewußtsein, emem besonderen Volke anzugehören, einem Volke, das seine eigene Geschichte, seine eigenst Kulturrichtung, seine besonderen Wesensmerkmale hat, ist vielen modernen Inden abhanden gekommen. Die Krankheit des Antisemitismus hat die Modernen Juden so erschreckt, daß sie glaubten, ihr auÄveichen tzu können, wenn sie ihr Judentum verleugneten oder heimlich trugen. Ten Besten unter chnen war das Judentum ein stilles Heiligtum, dem sie nur in Freistunden dienten. Sie leugneten vor sich selbst, daß es ihnen ja im Blute sitzt, daß es in ihrem Hertz und Hirn lebt, Geist von ihrem Geiste, Fleisch von ihrem Fleische ist. Sie fügten sich dem Zwange, den schiefen Worten, i&em höhnischen Kücheln, sie fichlten sich vielleicht zu schwach, um sich als Fremdlinge Geltung zu verschaffen und strebten danach, sich zu assimilieren. So erzogen sie denn auch chre Kinder zu Kosmopoliten. Sie glauben gewiß, ihnen Gutes zu tun, wenn sie ihnen verschwiegen, daß die Welt, m der sie lebten, der sie dienten, geneigt war, ihnen ihr Judentum als Schimpf nachzurufen. Welch ein falscher Standpunkt! Sie ersparten ihren Kindern nicht den Augenblick, da zum ersten Male das Wort „Jude", das Stolz und Ehre bedeuten sollte, als. Schimpf ihnen entgegengefchleudert wurde. Selbst dem Hochstehenden, dem Neichen, und Mächtigen wurde ein solcher Zlugenblick nicht erspart, wo ihm ein Zucken um die Kippen des Gegenübers, wo ihn ein halbes, unabsichtliches Wort traf und in seinem Judentum vorletzte. Wie schlecht und töricht haben die Eltern gehandelt, die chre Krnder zu Heuchlern erzogen. Sie haben sie selbst schwer getroffen, denn sie waren es, die ^em Antisemitismus nur noch mehr den Boden bereiteten. Ist es nicht ganz selbstverständlich, daß den Menschen das, was er selbst zu verheimlichen, abzustreisen sucht, als Makel ausgelegt wird? Es gibt nur ein Mittel gegen den Antisemitismus'. Der Jude Muß sich stolz zu seinem NaLionaljud entum b ekennen. Er muß denk Volke, dessen Land er teilt, dessen Kulturarbeit er zum großen Teile leistet, gn dessen wirtschaftlichen Aufschwung er mitschasst, sagen und zeigen, in jedem Worte sagen, mit jeder Tat von neuem zeigen, das, was Mich wertvoll macht, was mir die besten Kräfte gibt, das ist Mein jüdisches Volkstum. Es sind die spezifischen Eigenschaften des Judentums, des Volkes, das eine ruhmreiche Geschichte hat, dessen Führer ihre Namen nrrt unvergänglichen Lettern rn *oas Buch der 'Geschichte geschrieben, sein scharfer Geist, seine Regsamkeit, sein zäher Ehrgeiz, die Mich dir wertvoll machen, kein Land Euro-

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