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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-01-10 · 2 (10.1.1919) · p. Seite 30

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
2 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
Seite 30 (sequence 14)
Language
German
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6«ite so Dr. «t«'S W-WMrift ' s Feuilleton. ,Koudo«" (Air Odeffaee Körsk). Bon Scholem Alechem, übersetzt von Abraham Kohane, dz. Prag. (Fortsetzung.) Menachem Mendel aus Odessa an seine Frau Scheine S ch e i n d e l in Kasrielewke: ' „An mein teures, keusches und vernünftiges Weib Scheine Scheindel, mitsamt allen meiden Angehörigen. Alle lasse ich schön grüßen. Vor allem teile ich Dir mit, daß ich, Gott sei Dank, gesund bin. Mögen wir auch ferner voneinander nur frohe Botschaften vernehmen, von nun an und in alle Ewigkeit. Amen! , Ferner nimm, liebes Weib, zur Kenntnis, daß mit dem Ultimo ein völliger Umsturz vor sich gegangen ist. Alle günstigen Wendungen, welche ich gleich dem ^,Meschiach" sehnsüchtig erwartete, sind ganz zerstoben! Es heißt, daß sich Bismarck erkältet und den Schnupfen bekommen hat! Und deswegen dieser ^Umsturz in der iPolitik, so daß niemand weiß, wo er steckt. ,,London" ist wohl jetzt sehr kostbar, unser Kurs aufs.tiefste gesunken und die Stunde meiner Schlüsse hat geschlagen! Du fragst, was also damit los ist? Nichts ist damit! Niemand will etwas Weggehen oder erwerben! Also überhaupt nichts. Zu meinem Unheil habe ich meinen ganzen Vorrat Leuten anvertraut, welche nichts bedeuten, und kaum ist ein Sturz entstanden, so. sind sie alle zusammengebrochen, und darunter auch ich Kurz, es. ist schlimm. Ein Feuer kam vom Himmel! Gottes Grimm ergötz sich -über uns- und vernichtete unseren ganzen Besitze stand! Ach wäre ich gescheiter, um das Kommende vorauszusehen, dann hätte ich einen Tag vorher Kehrt" gemacht und wäre so gerettet! Allein, wer vermag zu proph^eien? Jetzt laufen wir alle wie die Mäuse während einer Seuche herum. Wir sind überrascht und verwirrt worden. Alles schreit: . „London! London! Wo ist mein London? Gebet mir mein London her! London, London!" Und von „London" ist keine Spur mehr. Man ohrfeigt einander, man ballt die Fäuste, man raust Schlafenlocken und Bärte aus! Ueberdies, welches schmähliche Fluchen! .Jetzt sieht man erst klar, daß „London" überhaupt nicht .existiert hat. Es war bloß eine Fabel gewesen. Also, meine Liebe, es geht mir furchtbar schlecht! Die Welt ist für mich ganz in Schwarz gehüllt! In diesem miserablen Geschäfte, habe ich mein ganzes Vermögen begraben! Profit und Kapital, sogar das Geschmeide, welches ich für Dich angekäuft hatte! Sogar die Sabbatkapote habe ich! versetzen müssen, und alles ist dort geblieben. . . . Jetzt befinde ich mich in grötzter Bedrängnis, wie Du Dir das kaum vorzustellen vermagst! Meine Seele ist tief erschüttert, und eine-Sehn- . sucht nach meiner Familie hat sich meiner bemächtigt! Hundertmal im Tage verfluche ich die Stunde meiner Geburt! Wenn doch meine zwei Füße gelähmt worden wären, bevor ich nach Odessa kam, wo der Mensch! gar nicht geachtet und gleich Gassenlehm von jedermann getreten wird! Stirbt hier ein Mensch, auf offener Straße, so achtet niemand darauf. Wieviel Maller haben sich vor einiger Zeit durch mich ernährt und mich ausgesaugt! Jetzt kümmert sich kein einziger um mich. Es ist nicht lange her, datz man mich berühmt machte, und ich wurde Rothschild aus Kasrielewke genannt, jetzt machen sich dieselben Maller über mich lustig und freuen sich über mein Fiasko! Sie behaupten, datz ich das Geschäft nicht gut verstehe, „London" sei etwas/ das man studieren mutz! ES hält schon dabei, datz man nicht mehr von mir spricht, als wäre ich gestorben, und würde nicht mehr existieren. Wenn sich doch der Ewige meiner erbarmen wollte, mich des Lebens zu entledigen, denn ich halte es; nicht Hänger aus! Mich zu ärgern, sitzt der bekannte Gambetta. — datz doch bald von ihm jede Spur verwischt sein möge! — am Tisch und plaudert immerfort von Mölitik und Diplo m ati e und macht mir immer die Ohren moll! „Nun, also, wiederholt er immer, „habe ich Dir das nicht im vorhinein gesagt?" Und er spaßt: „Sind wir schuld daran, datz Du Dich' diesbezüglich gar nicht auskennst? Die P.örse ist etwas, was nur von Gescheiten und Tüchtigen verstanden wärd. Derjenige, welcher „London" nicht gründlich begreift, bleibe nur ruhig zu Hause sitzen oder werde Kinderlehrer. . . ." Und was habe ich, meine Liebe, dem hinzuzufügen? Odessa mitsamt der Börse und '„Fankoni" mit allen ihren Geschäften sind mir bereits so zum Ekel geworden, datz ich es vorziehen würde, die entlegensten Inseln auszusuchen. Und weil ich noch immer keine Zeit habe, schließe ich diesmal. In späteren Briefen schreibe ich Dir alles ausführlicher! Inzwischen möge der Ewige alle unsere Unternehmungen segnen! Sei samt Schwiegereltern und Kindern herzlich gegrüßt von Deinem; Menachem Mendel. P. S. In Odessa ist m Gewohnheit, kommt jemand herab, und er ist änjf Wohltätigkeit angewiesen, so sucht er keinen Nachbar, Verwandten oder Bekannten auf, wie man es sonst und bei uns in Kasrielewke zu tun pflegt. Nicht dem Schamgefühl ist es zuzuschreiben, allein, kweil er in der Regel überzeugt t)ij, daß er nicht viel damit bezwecken würde! Niemand gibt ihm etwas! Also, was unternimmt eigentlich derjenige, welcher gerade in Not geraten ist? Man hat eine Lombardänstalt eingerichtet, eine Art Leihanstalt, die zu jeder Zeit Geld im Ueberflutz hat, soviel Du davon haben willst, wenn Du nur ein entsprechendes! Wand zurückkätzt! Es kann Silber-, Gold^, Kupfergerät, sonst ein Anzug/ Sabbatkapote, ein TeewärMer, Stuhl, Tisch.sein. Sogar eine Melkkuh wird angenommen! Das einzige Uebel ist, datz man alles sehr billig schätzt, halb umsonst! Dagegen hat der Lombard bei seinen Schattenwohl auch seine Lichtseiten! Zinsen berechnen sie Dir, daß es nicht weiter geht! Die üblichen Zinsen, dann Provisionen, daß es Dich gleich einer Motte verzehrt. Und es bleibt dpnn nur noch die Versteigerung übrig! Das heißt, einmal. in ' zwei Wochen werden die versetzten Gegenstände öffentlich versteigert, und zwar an den Meistbietenden. Dann kommen Leute, stürzen sich auf tzie GelegeNheitskäufe und kaufen wertvolle Gegenstände um Ken halben .Preis und verdienen daran enormes Geld! Hätte ich nicht mein Geld verpulvert, dann hätte ich mich jetzt auf das Lombardgeschäft geworfen und hätte mirl den Schaden wieder eingeholt, vielleicht sogar etwas darüber. ... Was unternehme ich aber, wenn ich gebundene Hände habe? Wehe dem Manne, der kein Geld hat! Und kommt ein Mensch nackt auf die Welt, so ist es besser, wenn :er stirbt! Ich kann nicht mehr! Berichte, meine Liebe, wie es Dir und den Kindern ergeht! Ich grüße auch Schwiegereltern und Verwandte und Bekannte liebevoll. D. O." Scheine Scheindel in Kasrielewke an JhrenGemahl Menachem Mendel in Odessa: „An meinen werten, vornehmen/ weisen und gelehrten Mann Menachem Mendel. Vor allem berichte ich Dir, daß wir alle gesund. .sind, mögen wir auch von Dir nur immer Gute-; vernehmen. Amen! Vor allem berichte ich Dir, Du Dummkopf, schau doch, was Du uns angetan hast! Wozu bist Du denn eigentlich nach Odessa gegangen? Was hast Du dort gerochen? Gebratene Tauben wollte er genießen, „London", „Gefrorenes"! Essig mit Honiggeschmack! Wenn l >- - V

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