Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Seite 25 L>k. Bloch's Wochenschrift nicht mit physischer Kraft, sondern in meinem Geiste — so sprach der Herr der Heerscharen —, im Geiste der heiligen Thora. (Lebhafte Zustimmung.) Herr Wolf Wappen heim erstattete hierauf ein eingehendes Referat, in welchem er die Bedeutung und . die Zwecke der Aktion ausführlich und allseitig beleuchtete. Für die Orthodorie ist der Gedanke des Iischub keineswegs neu, und zwar nicht bloß des alten, sondern auch des neuen. Waren es doch der berühmte Rabbiner Zwi Hirsch Kali sch er und Rabbi Elia Gutmacher, sichraunom liwrocho, die zuerst die Anregung hiezu gaben, denen sich andere rabbinische Kapazitäten angeschloffen haben, viel früher, bevor man etwas von dem modernen Zionismus wußte. Es ist auch eine bekannte Tatsache, daß eS der Schiffschulrabbiner S. Spitzer sichraunau liwrocho war, der zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, nach den großen Judenverfolgungen in Rußland, die Anregung zur Gründung eines Kolonisationsv meines gab, wobei. er auch nichtorthodore Kreise heranzog, da es sich gleichzeitig um eine charitative und soziale Angelegenheit handelte. Auch jetzt, da die Orthodorie die Aktion unternimmt, wird sie die Mitwirkung aller jüdischer Kreise anrufen. Wenn die Sache damals keine ,großen Fortschritte machen, konnte, so war dies dem Umstande zuzuschreiben, daß man damals Ar die großen jüdischen Massen, die Rußland auf Knall und Fall verlassen - mußten, eine dringende und unaufschiebbare Hilfe nötig hatte, eine Kolonisation Palästinas im großen Maßstabe aber aus politischen und finanziellen Gründen unmöglich war. Erst dem Baron Rothschild, der hiefür unzählige Millionen zur Verfügung stellte, konnte es nach mehreren Jahren und nach vielfachen Experimenten gelingen, die Grundlage für den Iischub zu schaffen. Der. Orthodorie, die seit jeher für die täglichen Bedürfnisse unzähliger Armer und Verlassener zu sorgen hatte und hat, war es unmöglich, derartige . Summen auftubringen und sich auf Erperimente ein- Zulassen, die Sache konnte sich deswegen zunächst nicht gehörig entwickeln. Die zionistische Partei hat sich mit der Gegenwartsarbeit nicht befaßt, sie hatte weder Zeit noch Mittel für all die Armen und Bedürftigen, die täglich an unseren Pforten klopfen, sie konzentrierte ihre ganze Arbeit auf die Sammlung des. Nationalfonds, Schaffung, verschiedener politischer und finanzieller Instrumente, um die Sache vorwärts zu bringen. Ihre Verdienste sollen entsprechend anerkannt werden. Aber die .: Orthodorie kann sich in religiöser Beziehung nicht mit allem einverstanden erklären, was zionistischerseits geschaffen wurde und wird und deswegen muß sie heute, da die Voraussetzungen für eine großzügige Arbeit gej geben sind, ihre eigenen Wege gehen. P Die Kolonisation, die. wir im Auge haben, muß im Sinne und Geiste unserer heiligen Thora vor sich : - gehen. Es darf in den -Kolonien und ins den Gemeinden - nichts getan werden, was den Vorschriften des Schulchanj Aruch widerspricht. Von-zionistischer Seite ist bisher diesbezüglich keine klare Stellungnahme erfolgt. Die Zweig-! stelle der „Agudas-Jisroel" in der Schwer hat sich vor : einiger Zeit an das zionistische Aktionskomitee mit einer diesbezüglichen Anfrage gewendet. Die Antwort ist noch f Nicht veröffentlicht worden, aber wie verlautet, soll sie M mehr ausweichend gehalten fein. In.wirtschaftlicher Be- ' Ziehung ist ein Zusammengehen und ein Einvernehmen; : sicherlich Möglich und wünschenswert, in religiöser Beziehung müssen wir aber selbständig vorgehen und unsere Selbständigkeit unter allen Umständen wahren, j Redner schlägt schließlich die Wahl einer Kommission ■r vor, die die Aktipn in die Wege leiten soll. Mist Bel geisterung und Entschlossenheit wollen wir an die Arbeit I schreiten! (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Rappoport (Zürich) referierte hieraus über die Einzelheiten deS Iischub, wie er seitens der Orthodoxie geplant ist. Er berichtete eingehend über die diesbezügliche Aktion in der Schweiz und brachte die Aufrufe und das Arbeitsprogramm, die dort ausgegeben wurden, zur Verlesung. Es ergreift das Wort H err Dr. Natanj B i r n b a u m. Aus seinen mit Begeisterung aufgenommenen Ausführungen heben wir heraus!: Wir müssen das Land vor einer Pest schützen, die gefährlicher als jede andere Seuche ist: vor „Chillul-Haarez", vor Entweihung. Es droht dem Lande der Väter eine große Gefahr. Die moderne Kultur, die sich auf dem! Wege von Aegypten nach Indien über Palästina bewegen wird, die Erponenten der englischen Kultur, die sich idoH breitMachen dürften, sind eine schwere Bedrohung des unverfälschtenjüdischen Geistes. Hüten wir uns davor, daß Jerusalem nicht ein Newyork, Berlin oder Paris wird. Wir haben schon, genug mit unseren eigenen Kullurerponenten. Wir brauchen keine nichtjüdischen Juden in Palästina. Die glaubenstreue Judenfchaft muß sich den Platz unter der Sonne Palästinas sichern, dort eine Heimstätte für Thora schaffen. (Großer Beifall.) , . ' Herr Markus Ungar (Prag) erklärt, es ist höchste Zeit, daß die Orthodorie sich zur Palästinaarbeit meldet. Es ist Gefahr vorhanden, .daß sie später nicht tzum Worte gelangen könnte. Bei der Friedenskonferenz mutz die Judenheit entsprechend vertreten sein. Wir müssen unsere Forderungen geltend machen. Wir sollten auch mit den anderen jüdischen Kreisen Zusammengehen, ohne unsere Grundsätze preiszugeben. , Herr Sch. K o hn (Lodz) stellt sich als radikaler Zionist und glaubenstreuer Jude vor. Man solle das Menschenmaterial, das nach Palästina dirigiert werde, entsprechend auswählen und vorbereiten, wobei auch auf die physische Eignung geachtet werden müßte. Er regt schließlich die Bildung jüdischer Turnvereine orthodoxer Richtung an. Herr Dresler spricht in ähnlichem Sinne. Herr Jakob Pinkäs erklärt, unsere Parole muß heute Arbeit sein. Wir muffen rasch und energisch an die Arbeit gehen. Vorsitzender Herr Dr. Reininger bringt nun folgende Resolution zur Verlesung : „Die heutige Versammlung beschließt, eine Kommission zu wählen, welche mit den anderen orthodoxen Organisationen in Verbindung zu treten hat zwecks Besiedlung Palästinas mit glaubenstreuen Juden. Ferner beschließt die Versammlung die Gründung eines Vereines zur Beschaffung der finanziellen Mittel für, die Aktion." Herr Pinkas beantragt, daß die Zu wählende Kommission beauftragt werde, binnen kurzem eine zweite Versammlung einzuberufen, um die Aussprache fortzusetzen. Die Resolution, sowie der Zusatzantrag Pinkas' werden angenommen. Es wird hierauf die Liste der Kommissionsmitglieder verlesen, die einstimmig atzeptlert wird. Der Vorsitzende bemerkt hitzu, daß die orthodoxen Vereinsrabbiner selbstverständlich der Kommission zugezogen und bei jeder wichtigen Entscheidung um Rat und Meinungsäußerung geftagt werden würden. Hierauf wurde die Versammlung, die einen überaus würdigen und ernsten Verlauf nahm, geschloffen. Offizielle Vertretung der Juden beim Friedenskongreß. - Aus Kopenhagen kommt die Meldung, daß die Regierungen der Entente in Rücksicht des Anteiles der jüdischen Legionen auf den Kriegsschauplätzen des Orients, das gerechte Verlangen anerkannt hat, offizielle jüdische Vertreter bei dem Friedenskongreß teilnehmen zu lassen. Louis Brandeis und Nahum Sokolow erhielten