Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 19 Nr, 2 SSt. Gloch's Wochenschrift wie die gesinnungstreue Steiermark,., und die Treue der froMmen Tiroler gjcijßt sich vor >atleM daxin, daß sie von dem in Not geratenen Wien nichts wissen wollen. Während sogar die Tschechen und Ungarn Mit sich reden lassen, während die Entente trotz des grausamen Krieges sich großmütig zeigt, bleibt hie Masse der chrisllichsozialen Wählerschaft grausam gegen unser .Elend und den Hungertod in den Spitälern. ' Ihre politischen Vertreter haben sie nach Wien geschickt, die Macht der Regierung haben sie zum großen Teil an sich gerissen, oder ihr Getreide lassen sie Zu Hause und lachen bei üppigem Leben über unsere Not. Die chrisUchsozialen Politiker, die christlichsozialen Geistlicher, die christlichsozale Presse tut gar nichts gegen die schrecklichen Formen der Gewinnsucht bei ihren Gesinnungsgenossen auf dem flachen Land. Aber wenn Met Juden Advokaten werden, ist es für sie ein Grund, sich auszuregen. Der Dekan der medizinischen Fakultät hat sich nur geirrt. Es war nicht so gemeint, daß man die jüdischen Äerzte der Krankenhäuser aus dem Fragebogen. ausheben wollte. Es Lvar bloß ein Zufall, daß man es getan hat und nur ein untergeordnetes Organ wgr .an dem Mtermezzo schuld. Es hat aber lange gedauert, bis sich der Dekan zu dieser Erklärung veranlaßt sah und.die Erörterung in den Blättern hat ziemlich lange gedauert. Liest der Herr Dekan keine Zeitungen? Dann hätte er sich doch veranlaßt sehen Müssen, sofort einzuschreiten und Berichtigungen auszufenden. Sonst kann man sich eines leisen Verdachtes Nicht erwehren. Jedenfalls sollte die' Universität Mit ihrer Praxis dex Ernennungen an . erster Stelle in der Durchführung des Grundsatzes stehen: Freie Bahn dem Tüchtigen. Nicht die Konfession und gar nichts anderes darf entscheiden als das Können und, da es so Gesetz ist, die Staatsbürgerschaft. Sonst sind alle Proklamationen der Republik Lügen gestraft. * * * Natürlich ist dieser Bürgermeister Dr. Weißikirchner Kandidat der bürgerlich-demokratischen Partei und natürlich hat er eine Dewesrbungsrede gehalten. Wenn er bei vielen Straßenkundgebungen der letzten Zeit auf die Rufe der Leute besser hingehört hätte, sohätte er es vielleicht nicht getan. Es ist wahrhaftig eine Kühnheit von dem Mann, dessen Verwaltung Wien ißtt den Rand des Mgrundes gebracht hat, noch weiter an der Macht und eknei politische Rolle spielen zu wollen. Die Argumente seiner Kandidatenrede machen Mrigens einm geradezu heiteren Eindruck. Der treffliche Bürgermeister beklagte es, daß eine so große Zersplitteruna in der bürgerlichen Demokratie eingerissen sei. Weiß er denN gar nicht, wie Las gekommen ist? Eine solche Partei des Hasses und der Zwietracht existiert sonst gar nicht wie die christlichsoziale, die kein anderes Programm hat als hie Verfolgung. Denn eine.Vereinigung, die jedem' alles verspricht und im Grund genommen nur von der Judenhetzö und . der Verfolgung .anderer Parteien lebt, kann doch von einem verständigen Menschen gar nicht ernst genommen werden. Sie war es, welche die Unduldsamkeit predigte und ihr Wortführer staunt nun Wer den eigenen -Erfolg. Noch heiterer war der Schluß dieser samvsen Wahlrede Weißkirchners. iEr forderte nämlich alle Bürger aus, in die christlichsoziale Partei eftzutreten, denn diese werde das Bürgertum! retten. Sie hat uns' aber schon gerettet und wir sehen danach aus. Mit allem; Schmutz und allen Sünden der Kriegsmacher und Kriegsgewinner beladen, will die christlichsoziale Partei ihre Korruption 'fortsetzen und ihren Führern Pfründen sichern. Ob ihr das möglich sein wird, werden wir am Wahltag sehen! Anläßlich der Feiertage brachten mehrere Tagesblätter gesammelte Antworten aus die Rundfrage: „Was wird ans Wien?" Von vielen Seiten, darunter auch von politischen und christlichsozialen, wurde die Erwartung ausgesprochen, daß der Fremdenverkehr ein bedeutender Faktor für die ^Erholung der Residenzstadt bilden werde. Man schätzt nun den Gewinn aus dem Fremdenverkehr in Italien auf eine Milliarde und in der Schweiz aus nicht viel weniger.^ Es wäre also tatsächlich ein bedeutender Gewinn für Wien, wenn es gelingen sollte, einen Teil des Fremdenstromes Mer Wien zu leiten, das in seinen Schönheiten und Knnststätten viele Sehenswürdigkeiten hat. Wenn man Mer für die Zukunft 'den Fremden^ verkehr wünscht, so hätte man sich in der Vergangenheit entsprechend einrichten und benehMen sollen. Nirgends wurde das Gesetz der FreWgiigkeit so stark verletzt wie in Wien, nirgends waren die Behörden und - ihre Presse so beleidigend gegen die Flüchtlinge, die wahrhaftig lieber in ihren Heimstätten geblieben wären. Diese Flüchtlinge werden das Gefühl behalten, daß sie' nicht nur körperlich, sondern auch moxalisch in einer grausamen Fremde waren und ihre persönlichen Ge-. , fühle und ihre Agitation werden Zuzug sernhalten, wenn die Welt wieder frei ist. Dias wichtigste Kapital der Volkswirtschaft Mer ist der Mensch, Mag, er nun aus altererbtem Haß unsympathisch sein oder'nicht, und die Christlichsozialeu werden Mit Bedauern ihren alten Wunsch erfüllt sehen, in Wien Mein zu bleiben. Pogromartikel in einer polnischen Awtszeitnng. Daß die polnische Presse seit langem antisemitische Propaganda betreibt, daß mehrere dies« Plätter, wie der „Glos Narodu" in Tralau, die „Pobudka" in Lem- ,berg n. a., durch ihre systematische Hetzarbeit die letzten Judenpogroms milverschuldet haben, ist bereits bekannt. -Unwahrscheinlich schien es jedoch, daß sich sogar ein Amtsblatt der polnischen Regierung ganz unverblümt in den Dienst der antisemitischen Bewegung stellen würde; es geschehen Dinge, die an die finstersten Zeiten der Zarenherrschaft erinnern. Die „6-226!a lwowska“ („Lemberger Zeitung"), bis vor kurzem das Amtsorgan der österreichischen Regierung, veröffentlicht in einer der letzten Nummern einen Artikel unter dem Titel „Den Juden zur Erwägung", der, von Verleumdungen und Verdächtigungen strotzend, alles enthält, was im Laufe der letzten Jahre der jüdischen Bevölkerung Galiziens aufs Kerbholz geschrieben wurde. Aus dem Artikel sprechen Aerger und Wut darüber, daß die ganze gesittete Welt zur Zeugenschast der letzten schaurigen Vorkommnisse in Kronpolen, Westgalizien und Lemberg aufgerusen wurde, und daß von überall eine einzige Stimme der Entrüstung und Verurteilung vernehmbar wird. Wir lassen den Artikel möglichst wortgetreu folgen: „Die Judenfrage hat sich bei uns sehr verschärft. Gerade in dem Augenblicke, da wir mehr als je des inneren Friedens bedürfen, um unsere ganze Kraft dem Feinde gegenüberzustellen, müssen wir uns mit einer Frage befassen, von der wir nicht glaubten, daß sie uns gerade jetzt solche Schwierigkeiten bereiten werde. Niemand bedauert und verdammt mehr die unseligen. Ereignisse am 22. November und der folgenden Tage, da sich zügellose Banden auf die Mischen Stadtteile warfen, als die Polen selbst. Wenn diese jedoch die wütende Menge nicht im ersten Augenblick zu bändigen vermochten, so lag es an der damals noch ungeklärten strategischen Lage nach der Wiedereroberung Lembergs. Es darf also nicht behauptet werden, daß sich jene Vorkommnisse tacito