Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ttu 1 Dr. Brsch'S Wochenschrift •3etie 5 zu versehen, afe die Grenzen noch lange offen waren, und .hat immer mit tönenden Phrasen die Schuld auf die Regierung geschoben. An seiner Seite wirkte als hervorragender Pa.tcijuhrer jener Dr. P a L t a i, der mitten im wütendsten Morden in den Wiener Versammlungen ebenso für den unbedingten Siegfrieden eintrat, wie der Partei- Häuptling Prinz Liechtenstein und andere Gesinnungsgenossen. Die christlichsoziale Presse triefte förmlich vor und während des Krieges von Blut und Kriegsbegeisterung und trägt einen riesigen Teil der Schuld, daß immer neue Hekatomben von Männern, Knaben und Familienvätern auf die Schlachtbank geschickt wurden. Das ist die Gesellschaft, die dem freisinnigen Bürgertum gegenübersteht und deren Stunde geschlagen hat, wenn man den 'Kampf nur aufnimmt. Allerdings mutz das bald und stark geschehen. Es gibt Kräfte genug, die auftreten und wirken würden, wenn die freisinnige Partei nur überhaupt.Entschlüsse fassen wollte. Versammlungen,' Aufrufe, Broschüren und Reden mutzten schon zu merken und zu vernehmen sein. Wenn man jedoch inchts anderes zu hören bekommtals kümmerliche Redensarten von vorgestern in Komiteeaufrufen, denen dann gar nichts weiter vor der Oeffentlichkeit folgt, dann wird eben die Partei der Korruption mit Unterstützung ihrer Frauen wieder auf allen Linien siegen. * * * Das christlichsoziale Parteiprogramm wurde bestimmt, der christlichen Bevölkerung das Weihnachtsfest zu verschönern. Die meisten hätten es zwar vorgezogen, von den christlichsozialen Verwaltern der Stadt eine erhöhte Kartoffelquote zu bekommen, aber sie mutzten sich mit den geistigen Genüssen begnügen, welche von der christlich sozialen Presse, vermittelt wurden. Wie gewöhnlich, wird" dem lieben Wähler das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Vis auf viele christlichsoziale Führer hat aber noch niemand etwas von den Porteilen der christlichsozialen Politik gesehen, die es zuwege bringt, zugleich dem. Städter billige Lebensmittel und dem Bauern hohe Preise zu versprechen^ und mit dieser Methode noch immer den dummen Kerl als Wähler einfängt. Natürlich bekommen auch wir Juden unseren Teil weg. Wir können ja stolz darauf sein, einen wie wichtigen politischen Bedarfsartikel der christlichsozialen Partei wir bilden. In der Programmerklärung heitzt es über uns:- „Die auch im neuen Staate hervortretende Korruption und Herrschsucht jüdischer Kreise zwingt die christlichsoziale Partei,, das deutschösterreichische Volk zum schärfsten Abwehrkampf gegen die jüdische Gefahr aufzurufen. Als eigene Nation anerkannt, sollen die Juden ihre Selbstbestimmung haben, die Herren des deutschen Volkes dür- . fen sie nicht sein." Der Passus über den schärfsten Abwehrkampf gegen die jüdische Gefahr steht u. a. auf Seite 5 des „Deutschen Vollsblatt" vom 25.. Dezember. Wir haben wirklich nichts besseres darauf zu erwidern, als was in' der gleichen Nummer des gleichen Blattes auf Seite 1 in der zweiten Spalte im Leitartikel „Gerecht und versöhnlich" zu lesen ist. Dort lautet es wörMH: „Auch im Innern stehe Gerechtigkeit obenan. Es ist Gewohnheit geworden,, einen Kampf aller gegen alle zu schüren, zu verfechten und in vielen Belangen auszm- ^tragen. Ehre und Sicherheit der Person sind im Kurs gesunken und die Freiheit wird schamlos mißbraucht. Zwischen Volksklassen, die alle nur das eine erstreben sollten: ein glückliches Deutsch österr eich, wird Hatz gesät, der in erster Linie unzeitgemätz ist. Im politischen . Kampife ist die Methode der Messerstecherei und des ,Ueberfalles - aus dem Hinterhalte zur Geltung .gekommen, die wir vlus tiefster Seele verabscheuen, zu der wir nie und nimmer beitragen wollen und die ihrem Wesen nach ganz und gar undeutsch ist. Mißtrauen und Verleumdung, Mess er und Revolv er können den neuen Staat nicht bauen. An die Stelle der mittelalterlichen Zensur ist der Faustkampf ungesellschaftlicher Elemente gegen jeden Andersgesinnten getreten. Meinungen sind nicht mehr frei, ihre Träger in Vogelfreiheit. So sei in dieser Stunde auch als «Deutschösterreichs innere Losung: „Gerechtigkeit und Versöhnlichkeit" ausgegeben. Deutschösterreich den Deutschösterreichern, aber allen Deutschösterreichern! Wenn wir bei dem Aufbau der Republik Bürger und Bauern bestimmend wissen wollen, dann können wir als Bürger¬ und Bauernstaat diesen Wunsch vor aller Welt begründen, ohne unsere der Arbeiterklasse angehörenden Brüder darum geringer zu achten. Versöhnlichkeit, Gerechtigkeit! Wir wollten in der Christnacht diese Zeichen am Himmel in alle Welt leuchten sehen. Der Krieg ist beendet, machen wir jetzt dem Hatz ein Ende und schreiten wir vom Christtage mn dem Völkerbunde zu, der — wie wir hoffen wollen — seinen Schöpfern im anderen Lager so ernst ist, wie uns Deutschösterreichern." , Bravo, „Deutsches Volksblatt", das ist deutlich und schön und eine wertvolle Ergänzung des Pärteiprofgrammes! > * . * Vor kurzem wurde in einigen Blattern ein General scharf verurteilt, der sich die Musterungen zum einträglichen Geschäft gemacht hatte und durch seine barbarischen „Befunde" und Urielle sehr viel Kranke an die Front und damit in den sicheren Tod geschickt hat. Die „Reichspost" nimmt natürlich Gelegenheit, den Unmenschen zu verteidigen. Man habe es nur seiner Tätigkeit zu verdanken, wenn man. doch da und dort einen Iuden an der Front zu sehen bekommen habe. Das sei eine grotze Seltenheit gewesen. Wer hat aber den Juden hie und da gesehen? Etwa jemand von der „Reichspost^? Wir glauben nicht, datz sich die Christlichsozialen trotz allen grotzen Worten und trotz ihrer Kriegshetze sehr gedrängt haben, für Kaiser und Reich zu bluten. Wer von ihnen Verbindungen und einflutzreiche Verwandte besatz, hat sie recht ffeitzig ausgenützt, um in einen warmen Winkel zu kommen. Vielleicht haben wir aber Unrecht und die „Reichspost" kann uns mit einer grotzen Liste von Söhnen, Neffen und Schwägern christlichsozialer Machthaber dienen, die auf dem Felde der Ehre gefallen sind. Auf diese Liste wären wir sehr gespannt. Die „Reichspost" gibt in den nächsten Tagen ein neues Spät-Abendblqtt unter dem Titel „Wiener Stimmen" heraus. Sie bäeichnet es selbst als ein. Blatt für Nichtjuden. Es soll also einem dringenden Bedürfnis der Bevölkerung nach Verherrlichung der Feudalen und Klerikalen sowie nach Antisemitismus abgeholfen werden. Das viele Geld, das für die Gründung notwendig ist, scheint also von Kriegsgewinnern zu stammen. die keine Juden sind. Hoffentlich werden aber die Iuden überhaupt nichts mit dem Blatte zu tun haben, auch nicht al^ .Leser. Die „Wiener Stimmen" werden am ehesten zum Schweigen kommen, wenn man ihnen nicht zuhört. Wilson über die rumänische Judenfrage. Dem Jüdischen Pretzbureau in Stockholm wird aus London telegraphiert: Der Verband der rumänischen Iuden wandte sich an Präsident Wilson mit der Bitte, auf der Friedenskonferenz für die Sicherstellung der. vollen Gleichberech-