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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-12-27 · 51 (27.12.1918) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
51 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5i Dr. Moch's Wochenschrist em «ai zunächst der greise Rabbiner Braudes, den die Räuber in seiner Wob-«». nung nicht verschont hatten, einen Hesped, worauf Gemeinderabbiner Dr.M Guttmann den Opfern einen tief ergreifenden Nachruf in hebräischer Sprache widmete. Dr. Guttmann wurde infolge Aufregunß von Unwohlsein befallen und kennte seine Ansprache nicht beendigen, ebenso der folgende Redner, Vizepräses der Kultusgemeinde Dr. Wasser. Zum' Schluß sprach Leutnant Dr. Waschitz im Namen des jüdischen Nationalrates herzinnige Worte der Trauer und des Trostes, worauf die Särge von den Mitgliedern der Jugendorganisationen zu dem von der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe getragen wurden. Der Jammer der Hinterbliebenen Familien, von denen einige zwei oder drei Mitglieder betrauern. war herzzerreißend, man vernahm das Wehklagen weit über das FriedhofSgebäude. Frauen aus der jüdischen Gesellschaft sammelten bei Opfertischen Gaben für die notleidenden Opfer der Plünderungen, dar Resultat der Sammlungen belauft sich auf nahezu 25.E00 Kronen. Die Teilnehmer des Leichenzuges kehrten in aller Ruhe nach der Stadt zurück. Hier erfuhr man. daß aus Furcht vor angeblich geplanten Gewaltakten der Jude» gegenüber der polnischen Bevölkerung zu Beginn des Leichenbegängnisses ein Maschinengewehr vor dem Theatergebäude postiert worden war. Es handelt sich in diesem Falle wahrscheinlich um den Denunziationsakt eines agent provocateur, demgegenüber man beim besten Willen ebenso machtlos gegenüber steht, als den von Tag zu Tag überhandnehmenden, von der Behörde geduldeten antisemitischen Brandartikeln in der polnischen Presse, die bei weiterer Fortda«er unberechenbare Folgen zeitigen können. Diesbezüglich wurde bereits jüdischerseits an maßgebender Stelle wiederholt Beschwerde geführt, ob mit Erfolg, bärsten die nächsten Tage lehren. Anderseits werden dem einzigen jüdischen Tagesblatt, welches hier seit Jahren unter dem Namen „Lemberger Tagblatt" erscheint, seitens der offiziellen und halboffiziellen polnischen Welt große Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Seit einigen Tagen muß das Blatt nicht nur in jüdischer Sprache gedruckt werde», sondern sämtliche Artikel in lateinischer Schriftsprache wiederholt werden. Man muß auch all das'geduldig in Kauf nehmen. _ Rettungsaktion für die Pogromopfer. 48 Stunden lang hatten die blutigen Orgien in der Leniberger Judenstadt gedauert. Mehr als 50 Häuser waren niedergebrannt, ihre Ruinen bedeckten zahllose verkohlte Judenleichen, hunderte Woh- . nungen waren ausgeplündert, händeriigend standen die Bewohner des Ghettos am Grabe ihrer Habe. Run wurde auch der Militärkordon, unter dessen Patronanz sich die Schreckenszenen abgespielt hatten, aufgelafien und die B-wohner der inneren Stadt durften die Unglücksstätte betteten. Sie kamen gerade recht, um die unglücklichen Opfer zu beweinen. Doch dar Leben rief, es mußte gerettet werden, was zu retten war. Einige beherzte Männer, die auch in diesen schweren Stunden den Kopf nicht verloren, fanden sich in der Wohnung des Vorstehers der jüdischen Kultusgemeinbe, Dr. Emil Parnas, zusammen und einigten sich über, die wichtigsten Momente der einzuleitenden Rett»ngsaktton. Es galt vor allem im Interesse der Sache eine Zersplitterung der Aktion zu vermeiden und alle in Betracht kommenden Faktoren zu einheitlicher Arßeit zu vereinigen. Dank den Bemühungen der Herren -Universitätsprofessor Dr. Schon als Vorsitzender des bestehenden jüdischen Rettungskomitees und des Sekretärs Dr. Rubenzahl gelang es, die nicht unbedeutenden Schwierigkeiten ans dem Wege zu schaffs» und ein aus Bertetern aller Parteirichtungen mit Ausschluß der extremen Assimilanten zusammengesetztes Rrttungskomitee zu bilden, das bereits seit einer Woche eine intensive, weite Kreise ziehende Tätigkeit entfaltet.- - In diesem Rettungskomitee., an dessen Spitze Dr. Emil Parnas steht, ist auch der jüdische Nationalrat zahlreich vertreten. Das Komitee, dessen Zenlralbureau im Gemeindehanse »ntergebracht ist, hat die Arbeit auf neun Sektionen aufgeteilt, u. zw. die Unterstützungs-, Bekleidungs-, Approvisionierungs-, Schadenermittlungs-, Rechtschutz-, ärztliche Kinderschutz-, Wohnungs- und Finanzsektion. Die Wohnungssektton beschäftigt sich gleichzeitig auch mit der Beschaffung von Brennmaterial, die Unterstützungssektion arbeitet in fünf Sektionen. Bisher wurden an Spenden 800.000 Kronen erlegt, ein Bettag, der im Hinblicke auf die außergewöhnliche Not der Heimgesuchten wie auch auf die heutigen Teuerungsverhältnisse bloß ein Tropfen im Meere des zu stillenden Elends ist. Müssen ja Tausende von Obdachlosen und Beraubten in Wohnu»gen untergebracht, bespeist, mit Wäsche, Schuhwerk und Winterkleidung versehen, auch mit Barmitteln untere stützt, anderseits Tausende von Schäden zwecks künftiger Ersatzansprüch- »n Ort und Stelle festgestellt, Kranke ärztlicher Behandlung zugeführt, Waisenkiirder versorgt werden. Aufgaben, die nicht nur Unsummen von Geld sondern auch einen immensen Apparat von Arbeitskräften in Anspruch nehmen. Materielle und moralische Hilfe von auswärts ist um so dringender erwünscht, als wir unsere Hilfe auch unzähligen Flüchtlingen, die auf der Rückreise von Böhmen hier stecken geblieben sind, wie auch zahlreichen von der Front zurückgekehrten, mittellosen . jüdischen Soldaten zuteil werben lasten müssen. die Wmcherger Pogromopfer in Wien. Sonntag nachmittag zwischen 4 und 5 Ahr haben in sämtlichen Gotteshäusern und Tempeln der Wiener isr. Kultusgemeinde Trauerandachten zum Andenken der LeMberger Pogromopfer unter ungeheurem Andrang der Wiener jüdischen Bevölkerung stattgefunden. Sämtliche Gotteshäuser waren von Andächtigen dicht gefüllt und in manchen Tempeln war der Zudrang so groß, daß viele Weggehen mutzten. Im isr. Tempel der türkisch-israelitischen Gemeinde veranstaltete die Leopoldstädler .Iudenschaft zusammen mit der türkischen Gemeinde die Trauerandacht. Herr Rabbiner Dr. Grunwald hielt eine ergreifende Gedenkrede, welche auf alle Anwesenden den stärksten Eindruck hervorrief. Nachher hielt Herr Rabbiner Doktor Ovadja in spaniolischer Sprache einen Nachruf für die gefallenen Märtyrer. 1 ' Auch die Leitung des polnischen Gymnasiums in Wien veranstaltete im isr. Tempel, 8. Bezirk. Neudeggergasse, eine Trauerandacht, an welcher die Schüler der Anstalt vollständig teilgenommen haben. Der jüdische Nationalral in Lemberg. Unmittelbar vor Beginn der Kämpfe zwischen Polen und Ukrainern konstituierte sich der provisorische jüdische Nationalrat, der es als erste Aufgabe betrachtete, eine Konstituante einzuberufen, aus deren Mitte der definitiv zu wählende Nationalrat hervorgeheu sollte. Die provisorische Körperschaft hat sich in Hinblick aus die eingetretenen Ereignisse am 1. November permanent erklärt und ein Exekutivkomitee mit der Führung ber laufenden jüdischen Angelegenheiten bettaut. Das Exekutivkomitee hat dann die Bildung des Sicherheitsaus'chnstes und der jüdischen Miliz in die Wege geleitet. Der Nationalrat besteht ausVerre:ern sämtlicher jüdischen nationalen Parteien, u. zw. aus fünf Delegierten der zionistischen Organisation, ferner je drei Delegierten der jüdisch-sozialistischen, Paole-ziouistischen und Misrachgruppe. Eine Deputation der Exekutive, bestehend aus den Herren Dr. Lerch Reich. Dr. Ninaugler, Rosenkranz und He z erschien letzthin beim Vorsitzenden der polnischen Regierung Grafen Skarbek wie auch beim augenblicklichen Bertteter des uttamischen Nationalraies Lew Hankiewcz, um ihnen die Bildung des jüdischen Nattonalrates zu notifizieren. Beide Herren ließen sich bei dieser Gelegenheit von den Mitgliedern der. Deputatton eingehend über die Hauptpunkte des jüdischnationalen Programmes unterrichten und versicherten, sich in sämtlichen jüdischen Angelegenheiten mit dem jüdischen Nationalrat in Verbindung setzen zu wollen. _ Tie Tscheche urO die Judensmge. : „Narodni Vststy" schreiben unter dem Titel „Ein Beispiel für uns": Ter Präsident der ^französischen Republik hat bei seinem! Besuche in .Straßburg auch die Huldigung der .dortigen ReligionsgeMeinden entgegengenommen. In bep Synagoge begrüßte ihn der Borsitzende der jüdischen Gemeinde und versicherte ihn der Treue nnid Ergebenheit der elsäsfischen .Juden zu Frankreich und dankte der Regierung der Republik für die Toleranz gegen die Juden. Herr Poincarö wies in seiner Antwort die Worte Mer die Toleranz 'zurück und betonte, daß bas, was die Regierung'Her Republik gegenüber der jüdischen Mitbürgern empfinde, keineswegs eine bloße Toleranz seß sondern eine tiefe Achtung vorher religiösen Aeberzeugung. Was der Präsident der von uns bewunderten-und geliebten französischen Republik über das Verhältnis der republikanischen iRegierung zum Judentum fugte, möge auch der Mahrsp r ujch der tschechischen Republik im Verhältnisse zu den Juden sein, die treue und loyale Mrrger der Republik sein wollen. __ Tschechische Boykottagitation gegen die Juden. Der „Klub tschecho-slowakischer Geschäftsleute. Agenten und Kommissionäre" in Prag erlätzt in den „Narodni Listy" einen Boykottaufruf cm den tschechischen Handel und das Gewerbe, in dem es heitzt: Deutsche Juden aus Böhmen und Mähren siedeln nach Pragüber, um als Angehörige des tschecho-flowakischen Staates die Welt zu betrügen und uns werter auszubeuten. Wir fordern

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