Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 51 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022300-3022352--27434-3052850- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«Mi 830 Er. Bloch'S Wochenfchrist : Nr. bi Auch sehr viele aus — neutralen Ländern, darunter solche, die wir persönlich kannten, trafen wir auf unserem Wege. Aus dem vom Mischen Proletariat bewohnten Stadtteil drangen die dichten Rauchschwaden, die die Stadt mit Asche und Ruß überzogen. Die Bilder, die. sich uns nun boten, fanden nur in den Greueln der Schlachtenmetzelei en ein Gleichnis.. Wir sahen, wie sich Legionäre und Zivilisten beider Geschlechter die Taschen mit Geld und Geschmeide vollstopsten und die Plünderer Erbeutetes wegwarfen und sich „n o ch bessere Kleider" suchten. Lebensmittel und Waren, die in den mitgebrachten Autos, Rucksäcken, Körben und Taschen keine Aufnahme mehr fanden, wurden in die Kanalöffnungen geworfen. Aber das waren Geringfügigkeiten. In einer Straße wurde. eine ganze Familie in Reih und Glied ausgestellt und der Leutnant eines Legionärdetachements gab das Kommando, sie insgesamt, B ater, Mutter und mehrere Töchter, niederzuschießen. Der Professor der Anatomie Dr. K u t s ch e r a, der die Familie kannte, rettete sie und nahm sie unter seinen .Schutz; aber gleich darauf wurden an derselben Stelle zwei andere Leute aus Komm ando ni ed erg es ch o ss e n. Auf dem Pflaster lagen überall Tote, oft mit nackten und verstümmelten Leibern Schreckliche Angstschreie sowie das Krachen und Knattern auS Gewehrläufen und Handgranaten bewog uns, hinter Trümmern Schutz zu suchen. Hunderte Juden rannten und rasten an uns vorbei und hinter ihnen die Verfolger. Von den Verfolgten stürzten viele zu Boden, die Mordbrenner setzten über sie hinweg, warfen Handgranaten oder schossen mitten unter sie. Die Menge nahm Richtung zum Tempel, der aber, wie wir später hörten, bereits von Juden vollgefüllt und von innen verriegelt war, und hier spielte sich daS Schaurigste ab. Gegen die unbewehrteu Juden, die sich beim Tempeleingang zusammendrängten und zurr Einlaß flehten, eröffneten die Legionäre und ihr Anhang regelrechte Bajonettangriffe nebst dem Handgranaten- und Gewehrfeuer. Die Fenster de§ Tempels wurden eingeschlagen, Naphta ins innere gegossen, Granaten und brennende Fetzen nachgesendet. Die de« Tempel füllenden betenden Juden — e§ sollen mehrere -hundert gewesen sein — kamen sämtlich um. Ich kam noch am nächsten Tage hieher und sah die vielen verkohlt e n und oft gar unkenntlichen Leichen. Sowohl meine Begleiter, die tschechischen Offiziere, als auch r u s s i sch e Gefangene, die sich uns anschlossen, behaupten, solche Greuel aus keinem Schlachtete erlebt zu haben. Ei» deutsche, Bericht (NW. Tagßlatt). Der Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung" Max Reiner, der am 27. November äuS Lemberg nach Berlin zurückgekehrt ist, berichtet über die Ereignisse der letzten Woche in der Stadt. Die Kämpfe dauerten, seitdem die Ukrainer die Stadt am 1. November besetzt hatten, volle drei Wochen an. Soweit das Terrain es zuließ, wurden Schützengräben aufgeworfen, sonst Barrikaden errichtet. ES entwickelte sich eine regelrechte Front, an der nicht nur auS Gewehren, sondern auch mit Maschinengewehren, Handgranaten, Minenwerfern und Geschützen ein blutiger Krieg geführt wurde, dem auch Zivilpersonen in den entfernteren Teilen der Stadt zum Opfer sielen. Am 21. November endlich umzingelten die auS Krakau mit Panzerzügen angekommenen polnischen Verstärkungen Lemberg und besetzten es nach dem Abzug der Ukrainer am folgenden Tag. Gegen die ukrainische Bevölkerung wagten die polnischen Eroberer nichts zu unternchmen. Penn die ukrainische Regierung hatte den Polen die Drohung hinterlassen, daß jede Gewalttat gegen Ukrainer in Lemberg an den polnischen Gutsbesitzern auf dem flachen Lande > blutig gerächt werden würde. Um so bestialischer wurde aber von den polnischen Legionen gegen die Juden gewütet. Der Berichterstatter schildert dann den Verlauf des Pogroms: Nach polnischer Schätzung sollen bei den „Autodafes" — in den vollen Bechäusern, die angezündet wurden, und in den verbrannten Wohnhäusern — elfhundert Menschen ums Lebe« gekommen sein. „Erst am 24. November, morgens", schließt der- Bericht, „wurde das Standrecht verhängt, und es wurden — sage und schreibe — im ganzen drei Burschen ausfindig gemacht, die versehentlich ein polnisches Geschäft geplündert hatten, und erschossen. Charakteristisch war die Haltung, der guten polnischen Gesellschaft in Lemberg, die den Pogrom mit kaum verhohlener Befriedigung begrüßte und, nachd.em etwas Ruhe eingetreten war, in das Judenviertel hinauszog, um sich an dem furchtbaren Schauspiel zu weiden." _ Die ErttjMmg Polen;. Das Lop enhagener Zionist.ifche Bureau berichtet' Aus . Rz esgow erhalten wir drei'Berichtei vom' 7., 9. und 12. d. M. von der dortigen Organisation der Nationalwehr, denen wir nachstehende Beschlüsse,, bezw. Bemerkungen entnehmen: „Aus den Beschlüssen der Lokalverwaltung der Orgasnisation der Nationalwehr vom 5. d. M:. 6. Die Organisation der Nationalwehr, welche auf dem^ Standpunkt der Statuten steht, erneuert den bereits früher gefaßten Beschluß, daß der Nationalwehr ausschließlich Polen-Christen angehören dürfen und niemand sonst gestattet ist, die weiß-roten Abzeichen mit der Aufschrift: „Nationalwehr" zu tragen." ' Einem Privatbrief aus Nzeszow entnehmen wir nach«- stehende Episode: „Bor einer Woche ging ich unser Brot abholen, das wir von fünf Kilogramm Mehl backen ließen. Ich bezahlte es schon und hatte es bereits in der Tasche, als ein Legionär Mit zwei Leuten in die Bäckerei, eintrat und mir sagte: „Gehen Sie nicht fort, daS Brot gehört mir!" „Mit welchem Rechte?" fragte ich. „Ich muß Mich vor Ihnen nicht legitimieren, wenn ich! wisll, mit Meinem Rechte! Auch alle Brote, wie alles Mehl werde ich mitnehMen." Die Bäckerin, ein armes Weib, bat. ihn weinend, er soll.sich doch ihrer Vier kleinen Binder erbarmen', die sie damit ernährt. „Bin ich schuldig, daß Sie soviele Linder haben?" er darauf barsch. Ich war so aufgeregt und empört, daß ich ihM zu sagen wagte: „Und doch hat Christus! euch Nor allem gesagt: Liebet .eure Nächsten wie euch selbst, und so folgt ihr ihm?. Er wurde darauf etwas' verwirrt und antwortete: „Ja, wenn Man 'alle lieb' haben sollte;,> da müßtö Man ein riesengroßes Herz besitzen." „IHr aber besitzt nicht einMal ein Weihes1!" sagte ich ihM darauf. Doch es half nichts, alle Brote (bei dreißig) wie alles Mehl wurde weggenoMMen. Am nächsten Tage fand ich kerne Ruhe und lief ins1 MagistratSaMt imfr würde sicher nichts erwirkt haben, wenn nicht zufällig ein Doktor, der auch bei derselben Bäckerin Brot backen ließ, sich keine Mühe sparte, bis man wenigstens einen Teil zurückbekaM." Leichenbegängnis der Pogrsmopfer in Lemberg. Die am 20. November stattgefundene Bestattungsfeier der bisher aufgefundenen Opfer der lekten Judenpogroms (ungefähr 100 an Zahl) gestaltete sich zu einer Massenkundgebung der gesamten jüdischen Bevölkerung Lembergs, welche ihresgleichen nur im Londoner oder New- Ä)orker Ghetto suchen dürfte. Gleichzeitig wurden auch die Überreste der von den Chuligans geschändeten und verbrannten Thorarollen nach alter indischer Sitte zur Erde gebracht. Schon lange vor der anberaumten Stunde versammelte sich eine unzählige Menschenmenge in den der verbrannten Synagoge zunächstliegenden Straßen, wo jüdische Soldaten und Studenten für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgten. Hier fanden sich auch die offiziellen Vertreter des iüdischen Nationalrats, der Kultusgemeinde und das Rabbinat ein. Als jüdische Offiziere den die Thorareste bergenden Sarg aus die Schultern hoben, brachen die versammelten Frauen in lautes Weinen, aus. Nun bewegte sich der riesenlange Zug zum Friedhofe, woh n bereits früher die Leichen der Opfer gebracht worden waren. Man schätzt die Anzahl der am Friedhöfe versammelten Personen auf ungefähr 30.000. Ms man die vielen Menschen über die schneebedeckten Felder dahinziehen sah, da ward' man an. das ergreifende Bild von Hirschenberg („Golus") gemahnt. Die Särge waren vor der Zeremonienhalle aufgebährt worden. Selbst tief ergriffen, sprach