Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 51 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite Sio «r. 51 ' ’ Dr. Blvch's betrachten. Unter den betroffenen Existenzen bilden nämlich die Juden Nur leinen -geringen Bruchteil. Das genügt aber, um wieder in den Ruf .„heb, hep" auszubrechen und mit diesem wieder eiwM eine Fordermrg der Bevölkerung zu -überschreien. Man möchte nicht gerne zugestehen, daß Wien unter der christlichsozialen Verwaltung an den Rand des' Abglrnndes gekommen ist, weil mZn beim fleißigen Betrieb der eigenen -Geschäfte -vergessen hat, die geliebte Vaterstadt mit dem Nötigsten zu versehen. Um von der Bevölkerung darüber nicht die Wahrheit zu Hörens, schiebt man rasch die JüdEn vor. Die Inden verstecken alles — warum! hat es der Gemeinderat nicht getan? Die Juden haben-alles gehamstert — warum sind die Magazine der Gemeinde leer geblieben? Die Juden sind Wucherer, aber die zahllosen agrarischen Freunde der Christlichsozialen' im Rathaus sind Menschenfreunde und Ehrenmänner. Die kühnste von diesen Verdrehungen aber hat Man sich in der Existenzfrage der Theater geleistet. Rasch backte Man die Juden, trug sie wie einen Schild züm Schutz vor sich her und verbrannte sie schließlich auf der Kohle, die Man im Rathaus rechtzeitig einzulagern vergessen hatte. Ein- Wiener Mittagsblatt, das zur Erhöhung der Käuferzahl manchmal gerne gegen die .Juden loszieht, hat sich Mit (einem -Artikel geschmückt, der auf die vielen HausBufe durch Juden in den Wiener Bezirken hinweist. Der Artikel ist nicht lan'g, denn diese Käufe waren nicht gerade sehr häufig, aber seine verlogene Demagogie muß festgenagelt werben. Man könnte nämlich glauben, daß besonders die Juden Harangeyen, 'Nr Wien systematisch viele Hauskäufe vorzunehmen. In Wirklichkeit ist jedoch überhaupt die Bewegung auf dem' Häusermarkt sehr groß, was durch die neuen! Steuergesetze und die Entwertung des Geldes hervorgerusen wird. Die Leute glauben eben, daß sie als Hausbesitzer finanziell am besten durch kommen und kaufen IRealitälen. Das tun natürlich buch wohl-- habende Juden unter vielen anderen Finanzleuten und das kann ihnen niemand verbieten und verwehren. Dem betreffenden Mittagblatt jedoch legen wir nahe, bei seinen Ausfällen gegen oie Juden ganz sachte Vorzug eyen oder sie noch besser ganz bleiben tzn lassen. Denn man könnte sich vielleicht an den sonderbaren Umstand erinnern, daß dieses Blatt mitten in Her größten Paviernot gegründet werden konnte, daß es ursprünglich dazu bestimmt war, iM alldeutschen Sinne zum ,Durchhalten" Zu ermuntern, also zur Kriegshetze, und' daß es schließlich zum größten Teil deutschen Fabrikanten gehört, also keineswegs Leuten, welche beim Kriegsverdienen davongelassen sind. Also nicht so feste druff, hnerne Herren, und werfen sie den Indien nichts mehr vor, was sie in vielleicht gediegener und stärkerer Ausführung m ihrer näheren oder ferneren Umgebung ebenfalls finden können. * * * Arme „Reichspost"! Ihr röchelnder Antisemitisnms gleicht bereits einem tvll'gewordenen Hunde, der in.der Betäubung seines verwüsteten Gehirns sinnlos um 'sich, schnappt und Manchmal aitdj den eigenen Herrn erwischt. Rastlos wird das ganze öffentliche Leben durchstöbert, um einen Juden zu finden, den man beißen könnte.! Aber , stehe da! In Prag gibt es Unterschlagungen beim Roten KiMz, also an den Lebensmitteln armer franker Soldaten und die Schuldigen^ sind feudale Freunde der Christliche sozialen. In Linz wird die Großmenage als Rest größer Schleichhändler -aufgedeckt, und wieder sind die Christlich-- sozialen in den fatalen, rein arischen /Skandal verwickelt. Im frommen Salzburg waltete als mächtiger christlich-- sozialer Politiker ein-früherer Vertrauensmann des Erzherzogs Franz Ferdinandrchd von seinen abscheulichen Verbrechen werden! noch nach seinem Selbstmord immer Wochenschrift neue ausgedeckt. Arp unzähligen Orten wird öffentliches Gut geplündert unjd beraubt und nie liest man einen 'jüdischen Namen oder kann auch nur Verdacht gegen einen Juden schöpfen. Was soll die arme „Reichsvost" machen? Der Jude Muß her und wenn er auch erfunden werden sollte. Das geschieht denn auch reichlich. Ein ganzes Regiment höchst geheimnisvoller Juden erscheint in den Spalten der „Reichspost" und begeht höchst geheimnisvolle Untaten. Ba5d heißt es aus 'Klosterneuburg, daß eine Bande mit einem jüdischen Anfichrer erschien und vergeblich versuchte, wertvolles' ärarisches ' Gut auf eineM Wagen wegzuführen. Dann wieder erscheinen Juden in einem Grazer Depot und. versuchen die Waren an "sich zu reißen. Dünn plündert -ein Jude in Horn. 'Niemals aber wird der ebenso freche wie geheimnisvolle Jude verhaftet oder Mch nur mit Namen genannt. Das hat feinen einfachen Grund. Die „Reichsvost" weiß, daß sie lügt, aber sie will es sich aus begreiflichen Gründen nichts beweisen lassen. Das größte Pech jedoch hat die „Reichsvost" mit dem staatsamt für Heerwesen. Diesem Staatsamt ist sie spinnefeind wegen seiner Veröffentlichungen gegen hohe Würdenträger und Offizierewelche ihre christlichsoziale Gesinnung während des Weltkrieges durch viele militärische Befehle, Red-en und Handlungen bewiesen haben. Ihr Leiborgan hat eine eigene Rubrik zur Verteidigung der antisemitischen hohen Herren und Frauen eröffnet, wobei ihr übrigens ein arger Herein fall mit einer Einsendung ans Unterleibniz passierte. Im Zusammenhang mit dieser Rubrik forderte die „Reichspost" das- Staatsamt für Heerwesen auch auf, nicht nur gegen die hochgestellten Männer und Frauen, loszuziehen, sondern auch eine Untersuchung Mer die schmutzigen Kriegsgewinne anzustellen. So gedachte die „Reichspost", die Juden in den Vordergrund zu ziehen und seine arg kompromittierten hohen Hintermänner zu entlasten. Dos Staatsamt für Heerwesen gehorchte der „Rerchsuost" und untersuchte. Man nahm zuerst die 'gröbsten und stärksten Fülle vor und prüfte die Akten. Dann ging der Vorhang auf und die Vorstellung begann. Behaglich saß die „Reichspost" im Zuschauerraum und wartete vergnügt ans die kräftigen Stellen gegen die Juden, um zu applaudieren. Wer was war denn das? Statt der Juden traten ganz andere Leute ans, lauter Monnenten und Beschützer der „Reichspost", lauter hochgestellte Herrschaften mit christlichen Tugenden und Millionengewinnen. .Unbarmherzig hatten sie den Steuerträger ansgeplündert, hatten zu ihren riesigen Vermögen noch weiteres Geld durch schreckliche Kriegsgeschäfte, durch Pfründen und Unterstützungen an sich gerafft. Die Schmach der Gründer, Beschützer und Förderer der christlichsc^ialen Partei und Presse steigt znm Himmel. Zirme „Reichspost"! iDer holländischen Senat und die Pogrome in J-asizien und Polen. Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag meldet: Der holländische Senator H. H. van Kol, der bereits mehrfach gegendie Pogrome und judenfeindliche Haltung Polens Stellung genommen hatte, brachte im Senat eine Interpellation ein, rn der er an die Regierung ä>ie Frage richtete, ob sie alle nötigen Schritte tun wolle, daß eine ltntersnchuNgskommission von den neutralen Ländern nach Galizien entsandt werde, und ob die Regierung bereit ist, die Pogrome auf der Friedenskonferenz zur Sprache zu bringen. „Holland", erklärte der Redner in seiner Ansprache, „hat jahrelang Machtlos dem Blutvergießen zugesehen, aber jetzt kann Holland gegen das Morden rn Polen und Galizien Stellung nehmen. Die Polen führen einen Vernichtungskrieg gegen die Juden, weil sie in Galizien ohne sie eine Mnderheit sind und deshalb sie