Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 51 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Blsch'S Wochenschrift Sette 823 Nr. 5i Stände Anteil haben, fällt zeitlich mit den in Verwirrung befindlichen politischen und sozialen Zuständen zusammen und ist sicher auch als Furcht vor wirtschaftlichen Nachteilen anzusehen. Diese. Furcht wurde aber durch Agitationen innerhalb der Wiener Judenschaft genährt und vergrößert. Diese Agitationen schufen und schaffen eine Atmosphäre in der Wiener Judenschaft, welche aus. Furcht vor dem Verluste der politischen Rechte und aus Unzufriedenheit mit dem Auftreten unverantwortlicher Elemente zusammengesetzt ist. Die Agitation hat zwei Mittelpunkte. Den einen bildet der sogenannte jüdische Nationalrat für Westösterreich. Diesen jetzt politisch populären Namen hat in überkluger Weise eine Anzahl von Männern und Frauen angenommen, um so ihre sonst weniger populäre Vereinigung wertvoll ,und kräftig erscheinen zu lassen. Diese Gruppe entbehrt des Verantwortlichkeilsgefühles und kann nicht die Folgen ihrer Handlungen ermessen. Sie verbreitet unter Gewalt Forderungen und Ansichten, welche uns.Juden rechtlos zu machen imstande sind. Der zweite Mittelpunkt solcher schädlichen Agitation ist der neue Oberräbbiner von Wien. Statt Frieden und Eintracht bei den schwerringenden Juden zu predigen, statt für Glauben und Humanität kräftig einzutreten, hält er an der Stelle, welche der Andacht und Erhebung gewidmet ist, Reden, wie sie vor zehn bis fünfzehn Jahren die zipnistische Jugend in öffentlichen Versammlungen gehalten, wo Gegenrede noch möglich war. Da den Intellektuellen Scheu vor dem heiligen Orte und Ehrfurcht vor dem Rabbiner innewohnt, da er ferner jedem Terror ausweicht, so beherrschen diese beiden Agitationsmittelpunkte den öffentlichen Markt und «wecken bei allen wankelmütigen Elementen die Furcht vor politischer und wirtschaftlicher Gefährdung und veranlassen so den erhöhten Abfall. Mögen sich nun auch die betreffenden Herren gegen unsere Anklagen noch so wehren, was wir hier gesagt haben, ist allgemeine Meinung derjenigen jüdischen Gemeindemitglieder, welche gewohnt sind, eigene Meinung zu haben und die Dinge zu prüfen und nach ihrem inneren Gehalt zu bewerten. Wir warnen daher heute sowohl die Heroen voM sogenannten Nationalrat, als den nichts weniger als gut beratenen Oberrabbiner vor Fortsetzung ihres Vorgehens. Wir werden nicht mehr lange die Verwüstung des Wiener JudentuMes dulden. Ergebenst Ihr Dr. S. r e n b e r g e r. Wien, den .16 Dezember 1918.. Geehrte Redaktion.! In Anbetracht der großen Objektivität, welche Sie bei Bk» Handlung der jetzt in Betracht kommenden Streitfragen' beobachten, hoffe ich, daß Sie der gegenwärtigen Zuschrift in Ihrem Blatte Raum geben werden. Offener Brief an Seine Ehrwürden den Herrn Ob er r ab in er vom Wien! Der „Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich", wie er sich offiziell nennt, hielt am 15. d. M. am mittleren Konzerthaussaal eine große Versammlung ab, um Aufklärungen darüber zu geben, was eigentlich, unter „jüdischnational" zm verstehen sei. Euer Ehrwürden hielten eine gehaltvolle, großangelegte Ansprache, welche allgemeine Beachtung fand. Der Brustton der ehrlichen Ueberzeugung, der aus Ihren vornehmen Worten vernehmbar war, mußte auch dem Gegner Achtung abgewinnen. Es zeigte sich nun, d ff die Versammlung eine rein zionistische war, denn die Interessen der Juden Deutschösterreichs wurden mit keinem Worte gestreift, obzwar nach dem Wortlaute der Bezeichnung der Vereinigung gerade diese Frage alt wichtigst angesehen werden mußtet Es muß festgestellt werden, daß Euer Ehrchürden die Streitfrage, ob National- oder Konfessionsjude, als noch offen anerkannten und erklärten, daß diese Frage hier nicht gelöst werden würde, und ferner, daß man auch als Fremder in einem anderen Lande leben könne. Diese Feststellungen sind aus dem Grunde wichtig, weil bei einer noch nicht entschiedenen Frage der einseitige Zwang nickt bestehen darf, daß alle Juden einer Nation angehören müssen, und weil weiterS zugegeben wird, daß der Jude durch Anerkennung der Zugehörigkeit zu einem jüdischen Nationalstaat im eigenen Lande fremd wird. Es wäre sehr gut, diese feststehende Tatsache als solche zuzugeben, denn ich bin nicht Advokat genug, um selbe mißzuverstehen; das Gegenteil ist trotz aller Aufklärung dem einfachen Menschen unbegreiflich. Auch der deutschösterreichische Jude hält den Zionismus für nützlich, ja sogar für unentbehrlich und es wäre eine Utopie, gegen denselben anzukämpfen, da sich doch der größte Teil der Juden zum Zionismus bekennt; es muß aber ausdrücklich gesagt werden, daß diese Ansicht nur mit Bezug auf die Iudenschaft in Rußland, Rumänien und Polen, wozu Galizien zu zählen ist, Gültigkeit hat..Diese Ostjudeu werden in ihren Heimatsländern ohnehin als Fremde angesehen und fällt es daher nicht iu die Wagschale, wenn sie sich als zu einer anderen Nation angehörig ausdrücklich bekennen. Anders bei den deutschösterreichischen Juden. Wir haben unser Selbstbestimmungsrecht und bei Stellung einer Alternative wird nicht 5°/0 für den palästinensischen Zionismus optieren. Die Verhältnisse bei uns sind andere. Die deutschösterreichische Regierung, wenn sie uns auch nicht mit Handschuhen anfaßt, wird nie einen Pogrom im Sinne des Lemberger dulden, und ich glaube, daß ein solcher in Teutschösterreich auch nie vorfiel; erst als Galizien an Polen siel, folgte prompt die Schmach eines Pogroms. Auch die ungarische Regierung sieht aus gleichem Standpunkte: man bedenke nur den bezeichnenden Unterschied der Prozesse.in Tisza- Eszlar und Polna. Uebrigens ist es sicher, daß die neue tschechische Regierung ebenfalls keine Judenverfolgungen', dulden wird. Es ist nun tausendmal unrichtig, daß wir uns, wie man uns suggerieren will, mit den Ostjuden national einig fühlen, denn wir haben keine Berührungspunkte mit ihnen, weder die gerne nsame Siedlungsstätte, noch die gleiche Sprache, noch die gleiche Kultur, und glaube ich, daß der Zionismus — womit ich sicherlich keinen Vorwurf erheben will — unbewußt ein Nivellement für die niedrigere Kulturstufe der Ostjuden ist. Schon ans diesem Grunde erscheint der Zionismus für uns unnötig. Anderseits soll auch unseren ostjüdischen Glaubensgenossen, die sicherlich ebenfalls viele kulturell sehr hochstehende Menschen produzierten, kein Vorwurf gemacht werden, sondern ihren sie bedrückenden Regierungen. Auch hier zeigt sich der Unterschied in den Verhältnissen. Es wird wohl niemand behaupten, daß der österreichischdeutsche Jude aus einer niedrigeren Kulturstufe stehe als der Nichtjnde. Ich muß leider der geistreichen Frau Anitta Müller gegenüber ungalant sein, welche durch Nennung zahlreicher jüdischen Größen aus Kunst/. Wissenschaft und Literatur bewies, daß die Kultur, an welcher wir teilnehmen, znm Teil von Juden herührt. Es wird ja nicht von christlicher Kultur gesprochen, sondern von der gleichen unserer Umgebung. Durch den Hinweis der Frau Anitta Müller wird die Un- ' nötigkeit des Zionismus für uns nur um so offensichtlicher. Hingegen ist tue Bemerkung dieser Dame richtig, daß bei einer Frage, was .wir eigentlich sind, die Antwort, wir seien Deutsche, unverständlich ist. Nebstbei gesagt, müßten wir die gleiche Gebrauchsanweisung beilegen, wenn wir uns als jüdischnatioual bekennen und trotzdem sagen würden, wir seien Deutschösterreicher. Aus diesem Labyrint gibt es nun einen Ausweg, den ich hiermit Vorschläge und der ist, daß wir uns ostentativ als deutschösterreichische Juden bezeichnen. Dieser Ausweg erscheint mir gangbar, denn durch denselben würde der Nachteil entfallen, daß man uns als Fremde anzusehen das Recht hätte, und würde der Vorteil erwachsen, daß wir uns frei als Inden bezeichnen dürften. Ich stelle, von dieser Erwägung ausgehend, den Antrag, daß sich der höchst unpopuläre „Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich" in etne Vereinigung: „Interessenvertretung der Juden Deutschösterreichs" umwandeln möge. Eine solche brauchen wir dringend, denn jetzt darf uns jedes antisemitische' Blatt schmählich beleidigen, ohne daß lemand zur Abwehr „legitimiert" ist. Er ist richtig, wie Ehrwürden Herr Dr. Feuchtwang hervorhob, daß da» Wort „national" im Titel der Vereinigung abschreckend wirkt. Grillparzer wußte, warum er schrieb, daß Nationalismus zum Chauvinismus und dieser zum Bestialismus führe. Seit den Anfängen der Zivilisation ist aus keiner Veranlassung so viel Blut geflossen, so viel, Unheil geschehen, als unter dem Schatten des Nationalismus, wie erst letzthin der Lemberger Pogrom zeigte. Es. wurde betont, daß hervorragende Juden in England und Amerika Zionisten seien. Dies scheint ein Trugschluß zu sein, denn sie sind es schwerlich pro domo, sondern int Interesse der unterdrückten Juden, wo immer diese sein mögen, und solche Zionisten — sind wir auch. Das Manifest des „Jüdischen Nationalrates für Teutschösterreich" scheut sich nicht, wenn auch ein wenig verklausuliert, uns bei Strafe der Nichtzugehörigkeit 511m Judentum — „da alle Juden der ganzen Welt national sein müssen" — zur Bekenuung als Nationaljuden zu zwingen. Vor solchem Vorgehen sei gewarnt, denn es hätte den Zerfall des Judentttms in Deutschösterreich zur Folge, ebenso wie Oesterreich selbst an der Unlogik des »viribus unitis« zugrunde ging, denn es giebt keine Vereinigung widerstrebender Elemente. Außerdem hätte ein solcher Zwang eine sehr bedauerliche Massenslucht aus dem Judentum zur Folge, und weiters würde der Zionismus eine gefährliche Jrredenta in sich ausnehmen, sicher nicht zu seinem Vorteil. Jetzt bleibt nur noch die Frage, worin eigentlich unser Judentum besteht, wenn wir unicht als Nationaljuden bekennen, denn Konfeffionsjuden sind wir so wenig als die Führer des Zionismus. Unser Judentum wird durch verschiedene Gründe erhärtet; vor allem ver-