Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 50 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8Q? Kr. 50 Gr. Moch's der aufg-hetzte Pöbel in der Iudengasse nicht stehen ge- . blieben wäre, sondern sich auch des Vermögens christlichsozialer, feudaler und klerikaler Machthaber erinnert hatte, dann hätte das antisemitische Krokodil wieder reichlich Tränen vergossen und in der „Reichspost" wäre wieder gestanden: Vertrauen der Bevöllerung untergraben .. . Me. Faktoren sollen den Miß ständen ein Ende machen. Aber sie sollen sich wohl hüten, Räuber und .Plünderer zu. ermutigen. Aus den Straßen der Kriegsgewinner wohnen zumeist Christlichsoziale. * * Ein Zettel, der in Maschinschrift geschrieben ist und in einigen Kasernen der Volkswehr zur Verteilung kam. Er ist mit „Euer Kundschafter" gezeichnet und hetzt ziemlich unverhAllt zu Pogromen. In diesem unerhört " albernen Machwerke heißt. es unter - anderem: „Diejcmgen'u»ter euch, die der j ü d i s ch e u N a.t i ü n augehören verraten euch und haben in geheimen Zusammenkünften mit öem Unter* staatrsekretär Deutsch und dem Oberbefehlshaber Boog einen Plan ausgearbeitet, wie nian euch, entwaffnen wird. Darum seid vorsichtig gegen eure jüdischeichGenosscn. Wählt nur Führer, die wirklich dem Arbeiterstand angehören und keinen Juden! Achtzig Prozent des gesamten Geldes sind in jüdischen Händen. Darum geht dort requirieren, wo euch die Juden nicht hinführen. Ihr findet Lohn in. den schönen Häusern, der Ringstraße. Ich werde euch Adressen enden . . . Der Flugzettel ist ganz gewiß eine' Waffe aus dem Arsenal der beiden sogenannten Schriftsteller xogromistischer Richtung, die schon zweimal versucht haben, in offener Versammlung zur Plünderung der Juden aufzufordern, und welche ein Blatt mit dem gleichen edlen Zweck herausgeben. Es wäre .sehr wichtig, zu erfahren, wer ihnen das Geld für ihren Lebensunterhalt und. die sicherlich bedeutenden Summen .gibt, welche jetzt auch eine kleine Zeitung kostet. Für das Staatsamt, das vor allem für hie Sicherheit und Ordnung zu sorgen hat, wäre es vom höchsten Interesse,. Brandstifter unschädlich zu Machen, deren gewissenloses Treiben jedenfalls eine Kulturschande ist und verhängnisvolle Folgen Hervorrufen könnte. * ’ * -kr Der Klub der tschechischen Kaufleute und Agenten in Prag veröffentlicht in den „Rarodni Listy" einen v Aufruf, in welchem gesagt wird, daß die deutschen Juden nach Prag kommen, um hier mit. den Tschechen Geschäfte zu Machen. Man solle also . . . Wir kennen die Weise, wir kennen den Tert. Es> ist der krasse wirtschaftliche Egoismus, .der sich den Mtionalen und antisemitischen Mantel umhängt. Verfolgt die Juden, damit wir. selbst reich werden. Erstaunlich dabei' ist nur der Umstand, daß die Tschechen, welche die Leiden der Verfolgung am eigenen Leib mitgemacht haben, die gleiche Methode jetzt gegen andere anwenden. Sie haben in dem Chor der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eine Oberstimme gehabt, aber jetzt singen die „Rarodni Listy", die das Negierungsorgan find, ohne Bedenken und kräftig das alte Lied von der wirtschaftlichen Judenverfolgung. Ueber die Ungerechtigkeit der Aufforderung braucht wohl kein Wort verloren zu werden. Die ehrlichen und fleißigen Juden Böhmens können den Vergleich mit den besten Schichten der Gesellschaft wohl aufnehmen. 'Man hat mit ihnen auch bisher keine Geschäfte wegen ihrer schönen Augen gemacht, sondern wegen ihrer Leistungsfähigkeit und Tüchtigkeit, und daran wird sich . trotz dem Aufruf nicht viel ändern. Zu bedauern ist nur,- daß die Tschechen, die einen Hort der Freiheit und des Fortschrittes in Europa aufzurichten! versprachen, gegenüber den Juden bei den.rückständigsten Methoden bleiben. Wochenschrift Daß sich die Juden von den Polen wirtschaftlich böser Zeiten zu versehen haben, geht aus vielen Zeichen in der Vergangenheit und Gegenwart Hervor. Neuerlich veröffentlicht das katholische Blatt „Kraj" in Polen einen Vrandartikel des Inhaltes,, das gesamte Slawentum solle eine einheitliche Taktik gegenüber dem Judentum anwenden. Die Tschechen seien bereits der semitischen Gefahr entronnen. In Südslawien werde eine mächtige Propaganda für beu’ Grundsatz „Jeder zu deg Seinen" unternonnnen. Dieselbe Agitation solle in Polen, Rußland, der Ukraine und der Slowakei durchgeführt werden. Vor allem sei nötig, überall christliche Unternehmerorganisationen zu schaffen, das Volk aufzufordern, nationale Geschäfte zu unterstützen, finanzielle Beziehungen zu slawischen und nichtjüdischen Banken anzuknüpfen. Rur auf diese Weise könne sich das Slawentum im Laufe der Zeit aus der wirtschaftlichen Sklaverei des Iudentumes befreien. Wenn es nicht zum Weinen wäre, müßte man lachen. Gerade die Polen sprechen von einer wirtschaftlichen Sklaverei des IudentuMes, und gerade ein katholisches Blatt! Wer die Geschichte der alten Monarchie schreiben wird, wird feststellen müssen, daß die Vertreter der Polen ihre Politik überhaupt nur als wirtschaftliche Sklaverei gegenüber den anderen Völkern betrieben haben. Jede Abstimmung im alten Parlament war ein .Geschäft der Polen, eine Erpressung an der Regierung. Unsummen aus Steuergeldern sind durch dieses Vorgehen nach Galizien und in die Taschen der polnischen Schlachzizen geflossen. Und wer ganz besonders den Reichtum der polnischen Klöster, die Güter der tzoten Hand selbst in den ärmsten Gegenden Polens kennt, der wird sich nicht darüber wundern, daß die Preßorgane dieser Milliardäre zur Ablenkung des Hasses gegen die Juden hetzen. ., * * ”■ Iud, Iud, Iud! klingt es aus allen Spalten der „Reichspost" wieder. Juden sind angeblich die Leute, welche die Archive des Staatsamtes für Heerwesen nach Dokumenten zur Veröffentlichung durchforschen. Einfach lächerlich. Man kann die Abteilungsvorstände, welche über die Akten verfügen, mit der Lupe untersuchen und Man wird auch keinen Juden darunter finden. Gut, aber die roten Gardisten sind Juden. So oft man jedoch einen Namen aus diesem Kreise in der Oeffentlichkeit hört, hat er einen rein arischen Klang. Der „Reichspost" bleibt wirklich nichts übrig, um die Bevölkerung von sich weg gegen die Juden aufzubringen, ats Gespräche in einem Kaffeehaus zu erfinden. In diesem Geschwätz, das der Gewährsmann der edlen Zeitung, belauscht haben will, reden zwei jüdische Frauen mit Ausdrücken der krassesten lleberhebung von den arischen Kindern, die keine Milch haben, während sie selbst täglich drei Liter bekommen. Eine großartige Erfindung! Die „Reichspost" vergißt nur, folgende Kleinigkeiten hinzuzufügen: Daß die Milch von den christlichsozialen Bauern lieber an das Vieh verfüttert oder zu Schleichhandelsbutter umgewandelt, als der darbenden Bevölkerung abgeliefert wird. Zweitens, daß der Milchhandel in christlichsozial e n Händen ruht. Drittens aber wurden die Namen der Sprecherinnen vergessen, welche der Gewährsmann leider nur belauscht hat, statt sie verhaften zu lassen. Der Berliner Vollzugsrat hat sein Mitglied Strobel ausgestoßen, weil dieser in der „Deutschen.Tageszeitung" einen Aufruf antisemitischen .Inhaltes veröffentlicht hatte. Der Vollzugsrat warnit vor einer ieden Hetze, da bereits Anzeichen vorhanden feien, daß Juden körperlich angegriffen wurden.