Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-12-13 · 49 (13.12.1918) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
49 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022300-3022350--27389-3052803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^r. 49 - Dr. Bloch,- heit Mit neuen Qualen heimgesucht, ihr neu^ Leid beschert, Hatz und Zwietracht gesät. In diesem .Kriege hat alles versagt. Alle Arbeit der Besten für die Erziehung, der Völker ist umsonst, gewesen, keine einzige der menschlichen Gemeinschaften hat Einhalt gebieten können. Alle Errungenschaften der.Volksaufklärung — die Liebe kündende Religion, die Wahrheit vermittelnde Wissenschaft, die Macht des Wissens, der Zauber der Kunfh — haben die finsteren Mächte Argwohn, Neid und Haß nicht bekämpfen können, Religion, Wissenschaft und Kunst haben den Brudermord nicht verhindern, den Vernichtungstrieb nicht mildern können. Die Menschheit ist tiefer denn je gesunken, die einzelnen Völker stehen heute" einander feindlicher gegenüber — rachedurstig und blutgierig, den wilden Tieren gleich —,, als vor dem Kriege. Statt des^erwarteten Völkerbunbes der Versöhn nung der Menschheit, hat der sogenannte Friede die Völker,. jene, die noch nebeneinander lebten, auseinander getrieben, alte, böse Leidenschaften und tierische Triebe im Menschen enfesselt. Diese Friedensdevise ist ein Hohn. Was vor dem Kriege noch vereint gewesen, der -Friede hat es getrennt, und statt den Menschen Ruhe zu bringen, lodert die .FlamMe des Streites von neuem .auf. Der ganze, mühevoll errungene Fortschritt der Menschheit ist dahin, und wir stehen da kultur- und lieblos, voM Wahne der Nationalität befallen, als hätten wir keine Gemeinschaft, kein gemeinsames Streben nach Erweiterung der Menschheitsziele. Die von den Menschen künstlich errichteten Sprach- und Bodengrenzen sollen jedwede Einigung verhindern? Wir sollen uns iM gemeinsamen Streben nach kulturellen .Gütern nicht finden können durch die wahnwitzige Vorstellung von Sonderinteressen, welche wir wegen Verschiedenheit der Sprache, des Glaubens künstlich züchten? Noch ist .es Zeit zuM Besinnen, uns zu vereinen in dem Bestreben, fortzuschreiten und weiter zu bauen auf dem Gebiete der Wohlfahrt, der Wissenschaft und der Kunst. Finden wir.uns als Menschen zusammen und zersplittern wir. nicht unsere durch den langen Krieg geschwächten Kräfte in nationalem Hader. In der großen Menschheitsgemeinschaft kann sich jeder, so viel er will, national ausleben, aber lassen wir die kulturelle Interessengemeinschaft als höchstes Prinzip, als Oberstes Gesetz gelten, und streben wir, jeder tn seiner Sprache und Mit seinen Gefühlen, dem erlösenden Licht der Freiheit, den höchsten Zielen der Menschheit entgegen, der Liebe, Wahrheit und Schönheit. Wie jeder m seiner Sprache, in feiner Religion den gemeinsamen Gott .anruft, die Wahrheit erstrebt und die Schönheit sucht, so laßt uns sein ein .einig V.olk von Brüdern, welche in der Verfolgung dieser idealen Ziele die Liebe zur eigenen Familie pflegen. Laßt uns vor allem Menschen sein, gute Menschen. ' Nur, gute Menschen können gute Brüder sein. Nur gute Menschen können ihre Eltern und ihre Heimat lieben. Vergessen wir die Ursachen unserer Trennung und schließen wir uns enger zusammen. , Die kosmopolitische Idee bildet die einzig mögliche Rettung aus unserer verzweifelten Lage, in die uns Herrschsucht, Unduldsamkeit und Hatz versetzt haben. Liebe, Wahrheit, Schönheit sei unser Wahlspruch, die Fahne, uM die wir uns scharen. Jetzt, iM Ansturm der Sorgen, in der Flut von Aufgaben, die unser harren, schließen wir uns zusammen als Menschen und nicht als Nationalitäten. Wer"sich durch Geburt, Sprache, Konfession, als Teil eines Ganzen zu einer kleineren oder größeren Gerneinschaft hingezogen fühlt, dessen Gefühle müssen respek- Wochenschrist. fetittisi tiert werden^ aber er vergesse darüber nicht die allgemeinen Menschenrechte und Pflichten.? Ich gehöre keiner Nation an und fühle mich überall wohl als Teil des großen Ganzen in der Erfüllung meiner Menschenpflicht, in dem Bewußtsein, das Bestie Mr Meine Mitmenschen zu wollen, und, soweit Meine Kraft reicht, mich darin zu betätigen. Ich kenne keinen Nationalen, daher auch keinen Konnationalen, ich kenne nur Menschen Mit Rechten und Pflichten. Wenn wir alle in diesem Geiste leben und eine große Nation bilden — den idealen Völkerbund —, werden die Worte des Propheten sich erfüllen: „Dann bricht wie die Morgenröte dein Licht, dein Glück hervor." Du« Friedenskongresse. Die .Judenfrage trägt internationalen Charakter; denn die Juden leben zerstreut in allen Erdteilen, vielfach in großen Massen. Der internationale Charakter der Juden?' frage ist schon seinerzeit durch den Berliner Vsa'rtr'äg Anerkannt. worden, da durch diesen die Audenfrage zum ersten Male international behandelt worden ist.; Auch in dem nun allecdmgK hinfällig gewordenen Bukarest er Friedensvertragewurde eine Ljösung der Judenfrage — in 'beiden Fällen der Inden MumänierB — versucht. Es ist zweifellos, daß jaus dem bevorstehenden großen Friedenskongresse, auf welchem 'Wer!das Schicksal der Welt und Völker entschieden werden wird, sowohl diq Palä-stinafrage, joit auch die Frage der Emanzipatiou der Jubeln in anderen Ländern verhandelt werden wird. Tie Lösung der Judenfrage kann heute w. G. nur im nationalen Sinn erfolgen, — sie ist nicht ujur eine Frage bloß individueller Gleichberechtigung. - In den Ländern jüdischer Massen siedlung, also in Rußland, Polen, Galizien, Bukowina, Rumänien usw., ist die JÄenfrage auch eine der wichtiHstelN nationalen Fragen, und ihre.Böfuntz nur auf Grund der P e r s o n a l a u t o n o m i e möglich und durchführbar. Angesichts der an Inden in Rumänien, Polen und Galizien seit Jahrzehnten perübten Greuel, woeine systematische Ausrpttungspolitik gegen 'sie betrieben wird, wird es eine pflichtgemäße, heilige Ausgabe des von den Ententemächten emzuberufenden Friedenskongresses sein, eine wirkliche, dauernde und wahrhaft gerechte Äsung der ,Judenfrage durch uit=> eiug esch rankte bür gerliche und politische Emanzipation der Juden herbeizuführen^ indem zugleich in dem Friedensinstrumente wirksame Kautel eit und Garantien für ihre Durchführung und gegen, jede hinterhältige Vereitelung sowlO kräftigste Schutzmaßnahmen zur Sicherheit der jüdischen Bevölkerung geschaffen werden. Denn gleichwie die meistens in vielen Verfassungen den Juden eingeräumte Rechte Papienie geblieben sind, ebenso — und diese in erhöhtem Maße — ist die fcfcfct Juden Rumäniens in den Artikeln 43 und 44 des Berliner Vertrages vom Jahre 1878 verheißene politischjr und bürgerlich^e Emanzipation bisher nicht verwirklicht worden! . » Es ist überaus wertvoll, sich die diesb^üglicheir einschlägigen -Bestimmungen zu vergegenwärtigen; der . Artikel 43 lautet: „Die hohen vertragschließenden Teile erkennen die .Unabhängigkeit Rumäniens an, indem isie sie an die ftt den beiden folWpden Artikeln aufgezählten Bedingungen knüpfen." — Der folgend«'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.