Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 48 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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3fr. 48 Seite 773- Dr. Bkoch's düng, wie nicht Minder die von polnischer Seite als Verteidigungsmittel aufgesteNte Behauptung, daß angeblich aus vielen jüdischen Häusern auf polnische Legionäre geschossen worden wäre. Aehnliche lügnerische Behauptungen werden die große öffentliche Meinung Europas nichff,im geringsten zu beeinflussen vermögen. 'Mehrere hundert Tote, nicht viel weniger als hundert niedergebrannte und ausgeplünderte Häuser, viele tausende vernichteter Existenzen, ein Gesamtschaden.von vielen Millionen, der sich heute ziffermätzig nicht seststellen läßt, all das verdichtet sich zu einer schweren Anklage nicht so gegen die unmittelbaren Verbrecher, die unter passiver, off auch aktiver Assistenz der polnischen Truppen ihr blutrünstiges Werk geleistet haben, als vielmehr gegen die moralischen Anstifter dieser gewaltigen, ihresgleichen suchenden Katastrophe. Vorläufig seien aus dein Komplex nachstehende Fakta herausgegriffen: 1. Polnische Legionäre, die während der dreitägigen Waffenruhe die Demarkationslinie besetzt hielten, äußerten sich zu den umstehenden Juden ungefähr wie folgt: „Wir werden unsere Linien in den nächsten Tagen bis in die Iudengassen vorschiebrn und dann mit euch kurzen Prozeß Machen." 2. Polnische Soldaten, die nach Abzug der Ukrainer in . den jüdischen Gassen erschienen, beriefen sich auf die ihnen von höherer Seite erteilte Bewilligung, 48 Stunden lang plündern zu dürfen. 3. In Wirklichkeit wurde bereits in den ffühen Morgenstunden des 22. November eine große Anzahl von Geschäften und Privatwohnungen erbrochen und total ausgeplündert, wobei die assistierenden Soldaten die mit vorbereiteten 'Säuen erschienenen Männer und Frauen aus diu einzelnen Läden verteilten. 4. Als eine Deputation von jüdischen Bürgern beim RegierungskoMMissär der Stadt Dr. Steslowicz erschien und ihn auf die Plünderungen aufmerksam machte, entgegnete er ziemlich ruhig, daß ihm bisher nichts ähnliches gemeldet worden sei. 5'. Auf wiederholte Vorsprache beim Stadtkommandanten Oberst Maczynski, der allgemein als spiritns movens der Pogrome bezeichnet wird, ließ derselbe die Iudengasse durch einen Militärkordon absperren, innerhalb dessen die Plünderer ihr frommes Werk um so ungestörter erfüllen konnten. 6. Gegen Eintritt der Dunkelheit wurde bereits Feuerschein sichtbar, die Häuser aM Krakauerylatz und in den engen Gäßchen des .Ghettos waren mit Hilfe größerer Petroleumdorräte nacheinander in Brand gesetzt worden. Die Wasserleitung wurde, wie an jedem Tage, UM 4 Uhr abgesperrt und trotz des Brandes nicht wieder geöffnet. 7. Frauen, Männer und Kinder, die sich aus den brennenden Häusern retten wollten, wurden von den draußen postierten polnischen Soldaten mit Gewehrhieben zurückgestoßen oder beschossen: infolgedessen sind auch viele von ihnen als verkohlte Leichen aufgefunden worden. In der Familie öangnas gab es drei Tote und zwei Verwundete, ebenso in der Familie Borne. 8. Die, altehrwürdige Vorstadtsynagoge und die schöne Chassidimschule wurden ebenfalls in Brand gesteckt, es blieben bloß die . Mauern stehen. Die kostbaren SilbergegenMnde wurden geraubt, die Thorarollen in der Synagoge verbrannt, ein Jude, der eine Thora an sich riß, niedergeschossen. Auch im' Tempel wurde Feuer gelegt, doch dank dem beherzten Eingreifen eines braven, Feuerwehrmannes rechtzeitig lokalisiert.und die Thorarolle in .Sicherheit gebracht: die kostbare Bundeslade ist jedoch vernichtet. ■ % Wochenschrift 9. Die Bureaus des Zentralkomitees für jüdische Kriegswaisen wurden erbrochen, die Möbelstücke vernichtet, sämtliche für die Winterreguirierung Inverter von Waisen vorbereiteten Kleidungs- und Wäschestücke geraubt. # 10. Polnische DaMen mit der Roten Kreuzbinde am Arm, begleitettvon Offizieren, kauften am hellichten Tage in der Nähe der Unglücksstätte geplünderte Gegenstände zuM Spottpreise. 11. An den darauffolgenden Abenden wurden fast sämtliche jüdischen Wohnungen unter dem , Vorwände einer Waffenrevision von polnischen Legionären besucht und die' Familienväter mit vorgehaltenem Revolver gezwungen, große Beträge (mehrere Tausende) für den polnischen Wehrfonds (!) abzuliefern. 12. Harmlose Passanten wurden auf der Straße wiederholt von Patrouillen angehalten und nach ihrer Konfession befragt, Juden ohnewetters arretiert, auf der Wachstube beschimpft, tätlich insultiert und erst nach vielen Bemühungen entlassen. 13. Sämtliche Mitglieder der jüdischen Miliz wurden unter dem' falschen Vorwände, auf die polnischen Truppen geschossen zu haben, verhaftet und eine Woche lang iM Gefängnis gehalten, gegen sieben von ihnen schwebt ein gerichtliches.Verfahren. 14. Jüdische Bürger wurden uM Mitternacht aus den Bettem gehoben und zu öffentlichen Arbeiten gezwungen. Jüdische Intelligertzler, Advokaten und Aerzte wurden auf offener Sttaße zu Arbeiten heraugezogen, jeder Protest ihrerseits blieb erfolglos. Die hier verzeichnten Tatsachen bilden, wie schon erwähnt, bloß einen Teil der Vorkvmmnisse, die nicht bloß in der Geschichte des polnischen Judentums mit blutiger: Buchstaben verzeichnet bleiben, sondern auch die Leiter der gegenwärtigen polnischen Politik vor der ganzen gesitteten Wett an den Pranger stellen werden. Spektator. * * * Schilderungen eines Offiziers. Die polnische Liguidierungskommission hat vor einigen Tagen in dem leicht verständlichen Bestreben, über die Schandtaten ihrer Legionäre in Lemberg einen verhüllenden Schleier zu ziehen, -verkünden lassen, daß an den Vorgängen in Lemberg, die natürlich übertriebeni worden seien, „entsprungene Banditen" schukdtragenjd seien. Wenn die Kommission die Mörder von Lemberg als Banditen bezeichnet, wird man ihr nicht nnrechtz geben; diese Banditen sind aber, wie heute unzweifelhaft feststeht, regelrechte polnische Soldaten Gewesen. Die Täterschaft der Soldaten ist heute nicht mehr aHuleugnen. Eine bemerkenswerte Ergänzung unserer ersten Darstellung der traurigen Ereignisse gibt ein Bericht, den uns heute zur Verfügung gestellt wird. Ein Offizier, der in Lemberg Dienst'tat, erzählt, uns: 'In der Nacht vom 20. auf den 21. November begann die „Siegesfeier" der Polen, die so viel Unschpli digen das Leben kostete. Bis Samstag "dauerte das Morden in den Judenvierteln. Hauptsächlich - waren es polnische Soldaten, die gegen die Juden vorgingen. Offen sah man die Autos der Legionäre mit Petroleumkannerl ins Judenviertel.fahren, wo das Petroleum zum Anzünden der Hänftr verwendet wurde. Polnftche Sol-, baten trugen offen die laus jüdischen Geschäften geraubten Waren, vor allem Schuhe und Stoffe, mit sich. Bis jetzt sind schon viele Fälle unzweifelhaft nachgewiesen, in denen Legionäre in jbie Häuser von Juden eindrangev, diese beraubten und ermordeten. Die Soldaten warfen %;m die Keller, in die sich die gehetzten Juden gefti'rchtet