Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-11-22 · 46 (22.11.1918) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
46 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022300-3022347--27350-3052761
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kette loi 'Jit. 46 Dir. WoMH Erkundung ritt, da kein anderer sich auf der Karte so gut.auskannte wie sein Neuer Ordonnanzoffizier, und was dergleichen Lugenden mehr waren, die er an ihm entdeckte. Es. pergingM kaum ein paar! Machen, sa erhielt der Vizewachtmeiirer, der sich bei einigen Aufträgen hervorgetan und dabei bewiesen hatte, dag er sich aus englischen Granaten nicht einen Mifserüng machte,, das Eiserne Kreuz. Der General hielt auf seinen Stab. Als er die Zeit für gekommen erachtete, schrieb er an den Rittmeister einen Brief. Er stellte ihm vor, wie man dach einen sa tüchtigen und tapferen jungen Mann nicht wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselshücke herumlaufen lassen dürfe, da er alle Eigenschaften und Voraussetzungen in sich vereinigte, die für die Beförderung zum Offizier verlangt werden müßten. Indem er den jungen Mann nach seiner Beförderung für die planmäßige Stelle des Ordonnanzoffiziers bei seinem Stabe vorsehe, hoffe er nicht nur, ihm die Wege zu ebnen, sondern auch seine Fähigkeiten für die große ^ache und das Vaterland in bester Meise auszunüßen. . „Sa erwarte ich denn, mein lieber Rittmeister," schloß der General, „wenn es Ihnen recht ist,, einen Beförderungsvorschlag für meinen prächtigen Vizewachtmeister. Denn Sie, als der Kommandeur der Schwadron, der er zurzeit noch angehört, müssen die Eingabe abfassen, die erforderlichen Nachweise und Unterlagen verschaffen und den Vorschlag an allerhöchst Seine Majestät richten. Ich aber werde ein Wart der Vefürwor/- tung zufügen können, das unserem Schützling von Nutzen sein wird. Es wird nicht fehlen. Schicken Sie mir morgen die Eingabe.". Der Rittmeister Lat, wie < ihm befohlen war. Am folgenden Tage gelangte ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtensfande, wie ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand des Generals, Md alle Spalten,^ die die gestrenge Vorschrift für eine solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig ausgefüllt. Wohlgefällig überlas der General die über die .Person seines Ordonnanzoffiziers gemachten Angaben. Da standen die Vornamen, da die Geburtsdaten,, da der Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen,- der General hatte sich nicht getäuscht. Seine Blicke wandten sich befriedigt den nächsten Spalten zu, die.über Glaubensbekenntnis und die R.aMen der Eltern aussagten. Und er erstarrte. Denn da, gerade unter dem Marte „Religion" sfand — (ja! der General tonnte es nicht in Abrede stellen) gerade unter dem Worte Religion stand das Wort: „Mosaisch". - Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen über diese Entdeckung. Daß die Angabe falsch sei, war bei der ihm bekannten Genauigkeit des Rittmeisters ausgeschlossen. Er sfand vor der schrecklichen Gewißheit. Alles, was preußisch in ihm war, sträubte sich hoch, und alles, was. christlich war, nicht Minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich. Mas tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgah, wenn ein Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, er, der General R—einem Juden in den Offiziers sfand verhalf, wankten die Grundfesten des Staates. Das war klar. Mochten andere tun, was sie verantworten konnten: da war er denn doch ein preußischer General. Er ritt sogleich zum Rittmeister. „Haben Sie denn das gewußt, daß K— Jude ist?" rief er,-„Jawohl habe ich das gewußt," sagte der Rittmeister ruhig. „Aber dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube tit irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine.Kenntnisse, Wochenschrift seinen Anstand, alle jene Vorzüge beeinslußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, an ihm oft genug ge-- rühmt haben." „Das ganz gewiß nicht! Gewiß nicht!" erwiderte der General, „aber —: er hat doch Eigenschaften, die —, ich meine: jüdische Eigenschaften, die —" „Rlcht, haß ich wützte," sagte der Rittmeister, „übrigens darf ich höflichst. darauf Hinweisen, daß her Herr General — bisher wenigstens — von diesen jüdischeil Eigenschaften nichts bemerkt haben." Das war richtig. Wie war es aber auch rmr Möglich gewesen, daß er nichts bemerkt hatte! „Sie wollen jich also nicht vergehen, Ihren B.eförderungsvorichlag zurückzuziehen?" „Aber, Herr Generat!" jagte der Rittmeister. „Sie selber haben den VorMag doch einveclangr! Und wie' loUte ich einen Beförderungsvorschlag für eitlen Untergebenen zurückziehen dürfen, den ich nach Milcht und Gewhsen eingereicht habe? Der achtmeister, der gestern eiit so vorrreMcher Mann war, i|t heute kein anderer, weil er ein Jude ich." Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht beit RiLmreljter überzeugen konnte, daß K— ganz unerrräglich jüdische Eigenschaften habe, würde er •ti)ii nicht vermögen, den Bechroerungsvorschlag zurückzuzieherl. .Aber der Vkittmeisfer war doch nicht biiitb. Und K— mußte doch derartige Eigenschaften haben. — Der General zog die Weitergabe des Beförderungs- Vorschlages eine Zeirlang hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen. Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielteil die jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt haben wollte, die Haupttolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie benennen wollte, so. hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und schienen ihn höhnisch Mzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hasf Eigenschaften. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab. So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. „Sie mögen mir jagen, was . Sie wollen," sagte er zu ihm, „K— hat jüdische Eigenschaften, eigentlich nur jüdische Eigenschaften! (sie müssen zugeben, daß er jüdische, unerträglich jüdische Eigenschaften hat!" Der Rittmeister bedachte sich. So, wie er bisher gegangen war, kam er nicht weiter. „Tja, Herr Generahj" sagte er auf einmal fast: verwundert, .„da er doch ein Jude ish,, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben als jüdische?" . , : [ Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie dem Knaben beim Tauziehen, der, fesh gegen die Erde gestemmt, mit aller Kraft den Gegner zu 'sich herüberziehen will: jener aber läßt urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Böden. Er hatte zwar eine unbestimmte Empfindung» als ob bei diesem Sieg und dieser Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es nicht Lu fassen. Daß er der Sieger war. entging ihm. Die Tatsache, daß ihm der Boden entzogen war», blieb. Er wußte nicht recht, wie ihm war. „Wenn Sie Mo wirklich meinen," sagte er Neinlaut. Und» da der Rittmeister bejahte, ging der General cm den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der sich so seltsam gegen ihn zu wenden schien, ein „befürwortet" unter das Gesuch zur Beförderung des Juden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.